Abfalltourismus in Europa

Der­je­ni­ge, der beab­sich­tigt, in Anhang II (Grü­ne Lis­te) der VO (EWG) 25993 auf­ge­führ­te Abfäl­le in einen ande­ren Mit­glied­staat zu ver­brin­gen oder ver­brin­gen zu las­sen, trägt die Beweis­last dafür, dass die­se Abfäl­le zur Ver­wer­tung bestimmt sind. Wer­den Abfäl­le eines ent­sor­gungs­pflich­ti­gen Abfall­be­sit­zers bei einem mit der Ent­sor­gung beauf­trag­ten Drit­ten mit Abfäl­len glei­cher Art ande­rer Ent­sor­gungs­pflich­ti­ger ver­mischt, bleibt jeder Ent­sor­gungs­pflich­ti­ge für einen Anteil an der Gesamt­men­ge des ver­misch­ten Abfalls ver­ant­wort­lich, der men­gen­mä­ßig sei­nem Bei­trag ent­spricht1. Das gilt auch im Abfall­ver­brin­gungs­recht.

Abfalltourismus in Europa

Wer das Risi­ko eines „non-liquet” trägt, ist durch Aus­le­gung des mate­ri­el­len Rechts zu ent­schei­den. Im Grund­satz geht die Nicht­er­weis­lich­keit einer Tat­sa­che zu Las­ten des­je­ni­gen, der hier­aus für sich güns­ti­ge Rechts­fol­gen ablei­ten will2. Aus­ge­hend hier­von trägt der­je­ni­ge, der beab­sich­tigt, in Anhang II der VO (EWG) 25993 (Grü­ne Lis­te) auf­ge­führ­te Abfäl­le in einen ande­ren Mit­glied­staat zu ver­brin­gen oder ver­brin­gen zu las­sen, die Beweis­last dafür, dass die­se Abfäl­le zur Ver­wer­tung bestimmt sind. Nur unter die­ser Vor­aus­set­zung ist er berech­tigt, die Abfäl­le zu ver­brin­gen, ohne dies der zustän­di­gen Behör­de zu noti­fi­zie­ren. Die Ver­brin­gung von zur Besei­ti­gung bestimm­ten Abfäl­len muss gemäß Art. 3 Abs. 1 VO (EWG) 25993 unab­hän­gig davon noti­fi­ziert wer­den, um wel­che Art von Abfäl­len es sich han­delt (vgl. jetzt Art. 3 Abs. 1 Buchst. a VO, EG 10132006). Art. 1 Abs. 3 VO (EWG) 25993 ändert dar­an nichts, denn auch nach die­ser Vor­schrift sind Abfäl­le vor­be­halt­lich von Rück­aus­nah­men von der Gel­tung der Ver­ord­nung nur aus­ge­nom­men, wenn sie aus­schließ­lich zur Ver­wer­tung bestimmt und in Anhang II auf­ge­führt sind. Nur die­se Abfäl­le sol­len — wie durch den Erwä­gungs­grund Nr. 14 bestä­tigt wird — von den in der Ver­ord­nung vor­ge­se­he­nen Kon­troll­ver­fah­ren aus­ge­nom­men sein, da sie bei sach­ge­mä­ßer Ver­wer­tung im Bestim­mungs­land nor­ma­ler­wei­se kei­ner­lei Risi­ken für die Umwelt ber­gen dürf­ten. Inso­weit ist Art. 1 Abs. 3 VO (EWG) 25993 — wie der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof zu Recht ange­nom­men hat — eine dem Abfäl­le Ver­brin­gen­den güns­ti­ge Aus­nah­me­vor­schrift. Dass die Ver­wer­tung — wie die Klä­ge­rin unter Beru­fung auf Art. 3 Abs. 1 Buchst. b der Abfall­rah­men­richt­li­nie 2006/​12/​EG gel­tend macht — Vor­rang vor der Besei­ti­gung haben soll, ist für die Beweis­last nicht rele­vant. Aus dem nor­ma­ti­ven Vor­rang der Ver­wer­tung folgt nicht, dass Abfäl­le auch tat­säch­lich in der Regel zur Ver­wer­tung und nicht zur Besei­ti­gung in den Emp­fän­ger­staat ver­bracht wer­den. Vor Ver­brin­gung der Abfäl­le ist im Übri­gen nur die Per­son, die die Ver­brin­gung beab­sich­tigt, in der Lage, dar­zu­le­gen und gege­be­nen­falls nach­zu­wei­sen, was im Emp­fän­ger­staat mit den Abfäl­len gesche­hen soll. Dem­entspre­chend sind den zu ver­brin­gen­den Abfäl­len gemäß Art. 11 Abs. 1 Buchst. d und e VO (EWG) 25993 vom Besit­zer unter­zeich­ne­te Anga­ben zu Name und Anschrift des Emp­fän­gers und zur Art des Ver­wer­tungs­ver­fah­rens bei­zu­ge­ben. Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on hat ent­schie­den3, dass die zustän­di­gen Behör­den im All­ge­mei­nen bei den zur Ver­wer­tung bestimm­ten nicht noti­fi­zie­rungs­pflich­ti­gen Abfäl­len der Grü­nen Lis­te zumin­dest die in Art. 11 der Ver­ord­nung genann­ten Anga­ben ver­lan­gen müs­sen. Zur Beweis­last hat sich der Gerichts­hof zwar nicht geäu­ßert; es ver­steht sich jedoch von selbst, dass der­je­ni­ge, der gemäß Art. 11 Abs. 1 VO (EWG) 25993 Anga­ben zur vor­ge­se­he­nen Ver­wer­tung zu machen hat, hier­für auch die mate­ri­el­le Beweis­last trägt. Dar­le­gungs- und Beweis­last fol­gen den­sel­ben Grund­sät­zen4. Ob die Noti­fi­zie­rungs­pflicht als prä­ven­ti­ves Ver­bot mit Erlaub­nis­vor­be­halt oder als repres­si­ves Ver­bot mit Befrei­ungs­vor­be­halt zu qua­li­fi­zie­ren ist, kann offen­blei­ben. Denn wenn die Erlan­gung einer Erlaub­nis von der Erfül­lung bestimm­ter Vor­aus­set­zun­gen abhän­gig ist — wie hier die Notif­zie­rungs­frei­heit von der Bestim­mung des Abfalls zur Ver­wer­tung, liegt die Beweis­last für die­se Vor­aus­set­zun­gen auch bei einem prä­ven­ti­ven Ver­bot mit Erlaub­nis­vor­be­halt beim Erlaub­nis­be­wer­ber5.

Dass eine Mit­ver­ant­wor­tung des Emp­fän­gers der ille­gal ver­brach­ten Abfäl­le einer Kos­ten­tra­gungs­pflicht des Noti­fi­zie­ren­den de jure nach § 8 Abs. 3 AbfVer­brG i.V.m. Art. 25 Abs. 1 Buchst. b i.V.m. Art. 24 Abs. 2 VO (EG) 10132006 dem Grun­de nach jeden­falls dann nicht ent­ge­gen­steht, wenn — wie hier — die eige­ne Ver­ant­wor­tung des Noti­fi­zie­ren­den über­wiegt, liegt auf der Hand. In Betracht käme in einer sol­chen Situa­ti­on allen­falls ein Vor­rang der Inan­spruch­nah­me des Noti­fi­zie­ren­den nach Art. 24 Abs. 2 VO (EG) 10132006, hier also der Klä­ge­rin, vor einer sol­chen des Emp­fän­gers nach Art. 24 Abs. 3 VO (EG) 10132006. Aus­ge­hend hier­von ist die Klä­ge­rin durch die vom Ver­wal­tungs­ge­richts­hof bejah­te Mög­lich­keit, dass sich die zustän­di­gen Behör­den über eine ange­mes­se­ne Kos­ten­ver­tei­lung eini­gen kön­nen, nicht beschwert. Dass der Beklag­te und die tsche­chi­schen Behör­den bei der gefun­de­nen Eini­gung vom Ver­wal­tungs­ge­richts­hof nicht erkann­te recht­li­che Gren­zen zu Las­ten der Klä­ge­rin über­schrit­ten, ins­be­son­de­re das Über­maß­ver­bot ver­letzt haben könn­ten, hat die Klä­ge­rin selbst nicht gel­tend gemacht.

Dass eine Mit­ver­ant­wor­tung des Emp­fän­gers der ille­gal ver­brach­ten Abfäl­le einer Kos­ten­tra­gungs­pflicht des Noti­fi­zie­ren­den de jure nach § 8 Abs. 3 AbfVer­brG i.V.m. Art. 25 Abs. 1 Buchst. b i.V.m. Art. 24 Abs. 2 VO (EG) 10132006 dem Grun­de nach jeden­falls dann nicht ent­ge­gen­steht, wenn — wie hier — die eige­ne Ver­ant­wor­tung des Noti­fi­zie­ren­den über­wiegt, liegt auf der Hand. In Betracht käme in einer sol­chen Situa­ti­on allen­falls ein Vor­rang der Inan­spruch­nah­me des Noti­fi­zie­ren­den nach Art. 24 Abs. 2 VO (EG) 10132006, hier also der Klä­ge­rin, vor einer sol­chen des Emp­fän­gers nach Art. 24 Abs. 3 VO (EG) 10132006. Aus­ge­hend hier­von ist die Klä­ge­rin durch die vom Ver­wal­tungs­ge­richts­hof bejah­te Mög­lich­keit, dass sich die zustän­di­gen Behör­den über eine ange­mes­se­ne Kos­ten­ver­tei­lung eini­gen kön­nen, nicht beschwert. Dass der Beklag­te und die tsche­chi­schen Behör­den bei der gefun­de­nen Eini­gung vom Ver­wal­tungs­ge­richts­hof nicht erkann­te recht­li­che Gren­zen zu Las­ten der Klä­ge­rin über­schrit­ten, ins­be­son­de­re das Über­maß­ver­bot ver­letzt haben könn­ten, hat die Klä­ge­rin selbst nicht gel­tend gemacht.

In der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts ist geklärt, dass, wenn Abfäl­le eines ent­sor­gungs­pflich­ti­gen Abfall­be­sit­zers bei einem mit der Ent­sor­gung beauf­trag­ten Drit­ten mit Abfäl­len glei­cher Art ande­rer Ent­sor­gungs­pflich­ti­ger ver­mischt wer­den, jeder Ent­sor­gungs­pflich­ti­ge für einen Anteil an der Gesamt­men­ge des ver­misch­ten Abfalls ver­ant­wort­lich bleibt, der men­gen­mä­ßig sei­nem Bei­trag ent­spricht6. Das gilt nach unbe­strit­te­ner Auf­fas­sung auch im Abfall­ver­brin­gungs­recht7. Ein­wän­de hier­ge­gen hat auch die Klä­ge­rin nicht erho­ben. Auch der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof hat die Ver­ant­wor­tung der Klä­ge­rin für die Rück­ho­lung einer Abfall­men­ge von 214, 81 t Kunst­stoff­ab­fäl­len nicht in Fra­ge gestellt, obwohl er Zwei­fel hat­te, dass die von der Klä­ge­rin nach Sos­no­vá ver­brach­ten Abfäl­le anhand der Art der Zusam­men­bin­dung und der Aus­ma­ße der Abfall­bal­len von ande­ren dort lagern­den Kunst­stoff­ab­fäl­len hät­ten unter­schie­den wer­den kön­nen.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 14. April 2014 — 7 B 26.2013 -

  1. BVerwG, Urteil vom 28.06.2007 — 7 C 5.07, BVerw­GE 129, 93 []
  2. stRspr, Urtei­le vom 11.09.2013 — 8 C 4.12 — ZOV 2013, 177 Rn. 41; und vom 21.05.2008 — 6 C 13.07, BVerw­GE 131, 171 = Buch­holz 402.7 BVerfSchG Nr. 11 Rn. 41 []
  3. BVerwG, Urteil vom 25.06.1998 — C‑192/​96, Slg. 1998, I‑4029 Rn. 54 []
  4. vgl. BVerwG, Urteil vom 29.05.2013 — 6 C 10.11, BVerw­GE 146, 325 Rn. 25 []
  5. vgl. Dawin, in: Schoch/​Schneider/​Bier, VwGO, Bd. 2, Stand April 2013, § 108 Rn. 106 []
  6. BVerwG, Urteil vom 28.06.2007 — 7 C 5.07, BVerw­GE 129, 93 = Buch­holz 451.221 § 16 KrW-/Ab­fG Nr. 2 []
  7. VGH Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 13.07.2010 — 10 S 47010 66; VG Würz­burg, Urteil vom 31.05.2011 — W 4 K 08.2290 — S. 33 der Urschrift 63; Backes, in: Oexle/​Epiney/​Breuer, EG-Abfall­ver­brin­gungs­ver­ord­nung, 2010, Art. 24 Rn. 2 []