Anerkennung israelischer Gerichtsentscheidungen

Dem Aner­ken­nungs­ge­richt obliegt die Prü­fung bei der Aner­ken­nung israe­li­scher Ent­schei­dun­gen in Zivil- und Han­dels­sa­chen, ob die vom Gericht des Ent­schei­dungs­staats in Anspruch genom­me­ne Zustän­dig­keit im Ver­trags­ka­ta­log ent­hal­ten ist.

Anerkennung israelischer Gerichtsentscheidungen

Gemäß Art. 10 des Ver­tra­ges sind Ent­schei­dun­gen des Gerichts des einen Staa­tes in dem ande­ren Staat zur Zwangs­voll­stre­ckung zuzu­las­sen, wenn sie im Ent­schei­dungs­staat voll­streck­bar und im Voll­stre­ckungs­staat anzu­er­ken­nen sind. Nach Art. 3 des Ver­tra­ges wer­den die in Zivil- und Han­dels­sa­chen über Ansprü­che der Par­tei­en ergan­ge­nen Ent­schei­dun­gen der Gerich­te, die nicht mehr mit einem ordent­li­chen Rechts­mit­tel ange­foch­ten wer­den kön­nen, in dem jeweils ande­ren Staat aner­kannt. Bei der Ent­schei­dung über den Antrag auf Zulas­sung der Zwangs­voll­stre­ckung hat sich das ange­ru­fe­ne Gericht gemäß Art. 16 Abs. 1 des Ver­tra­ges auf die Prü­fung zu beschrän­ken, ob die nach Art. 15 des Ver­tra­ges erfor­der­li­chen Urkun­den — wie hier — bei­gebracht sind und ob einer der in Art. 5 oder 6 Abs. 2 des Ver­tra­ges genann­ten Ver­sa­gungs­grün­de vor­liegt.

Nach Art. 5 Abs. 1 Nr. 1 des Ver­tra­ges ist die Aner­ken­nung zu ver­sa­gen, wenn für die Gerich­te im Ent­schei­dungs­staat kei­ne Zustän­dig­keit im Sin­ne des Art. 7 des Ver­tra­ges1 gege­ben war. Nach Absatz 1 der genann­ten Rege­lung wird die inter­na­tio­na­le Zustän­dig­keit des Ent­schei­dungs­staats in den dort auf­ge­führ­ten Fäl­len aner­kannt, soweit der Aner­ken­nungs­staat nach sei­nem Recht für die Kla­ge, die zur Ent­schei­dung geführt hat, nicht aus­schließ­lich zustän­dig ist (Art. 7 Abs. 2 des Ver­tra­ges). Dies beur­teilt sich danach, ob aus Sicht des Aner­ken­nungs­staats das Gericht des Urteils­staats zur Ent­schei­dung beru­fen war2.

Die Über­prü­fung, ob das israe­li­sche Amts­ge­richt sich zu Recht als im Sin­ne des Ver­tra­ges zustän­dig ange­se­hen hat, ist den deut­schen Gerich­ten im Aner­ken­nungs­ver­fah­ren nicht durch Art. 8 Abs. 2 des Ver­tra­ges ver­wehrt. Aller­dings schreibt die­se Bestim­mung vor, dass die Gerich­te im Aner­ken­nungs­staat bei der Beur­tei­lung der Zustän­dig­keit des Ent­schei­dungs­ge­richts an die tat­säch­li­chen und recht­li­chen Fest­stel­lun­gen gebun­den sind, auf­grund derer das Gericht im Ent­schei­dungs­staat sei­ne Zustän­dig­keit bejaht hat. Die Rege­lung will errei­chen, dass bei der Aner­ken­nung und Voll­stre­ckung einer Ent­schei­dung aus dem ande­ren Ver­trags­staat grund­sätz­lich nicht mehr geprüft wird, ob das Gericht im Ent­schei­dungs­staat sei­ne Zustän­dig­keit zu Recht oder Unrecht ange­nom­men hat3. Dadurch sol­len wider­strei­ten­de Zustän­dig­keits­ent­schei­dun­gen ver­mie­den und die gegen­sei­ti­ge Aner­ken­nung und Voll­stre­ckung erleich­tert und beschleu­nigt wer­den. Die Ver­trags­staa­ten unter­wer­fen durch Art. 8 Abs. 2 des Ver­tra­ges im Anwen­dungs­be­reich von Art. 7 des Ver­tra­ges die Mit­glie­der ihrer Rechts­ge­mein­schaft weit­ge­hend der Anwen­dung des Rechts des ande­ren Staa­tes. Soweit das Gericht des Ent­schei­dungs­staa­tes für die Prü­fung sei­ner Zustän­dig­keit die lex fori anzu­wen­den hat, ist im Zwei­fel davon aus­zu­ge­hen, dass es die ein­schlä­gi­gen Nor­men geprüft hat. Dies gilt sogar dann, wenn die Urteils­grün­de die Fra­ge der Zustän­dig­keit nicht behan­deln4.

Doch ist schon nach dem Wort­laut von Art. 8 Abs. 2 des Ver­tra­ges eine Über­prü­fung der Aner­ken­nungs­zu­stän­dig­keit nicht gänz­lich aus­ge­schlos­sen. Den Gerich­ten des Aner­ken­nungs­staa­tes ist es nur ver­wehrt, die tat­säch­li­che und recht­li­che Wür­di­gung, die das Gericht im Ent­schei­dungs­staat vor­ge­nom­men hat, einer Über­prü­fung zu unter­zie­hen. Unge­ach­tet die­ser Bin­dungs­wir­kung obliegt dem Aner­ken­nungs­ge­richt aber die Prü­fung, ob die vom Gericht des Ent­schei­dungs­staats in Anspruch genom­me­ne Zustän­dig­keit im Zustän­dig­keits­ka­ta­log des Art. 7 Abs. 1 des Ver­tra­ges erwähnt ist und sie durch kei­ne aus­schließ­li­che Zustän­dig­keit des Aner­ken­nungs­staa­tes ver­drängt wird5. Die­se Aus­le­gung ent­spricht dem Sinn und Zweck der Ver­trags­be­stim­mun­gen. Die Zustän­dig­keits­re­ge­lun­gen des Art. 7 des Ver­tra­ges wür­den obso­let, wür­de man dem Gericht des Aner­ken­nungs­staa­tes nicht ein­mal die Befug­nis ein­räu­men zu prü­fen, ob die vom Gericht des Ent­schei­dungs­staa­tes ange­nom­me­ne Zustän­dig­keit im Kata­log genannt ist. Von einer unbe­stimm­ten Bin­dung im Aner­ken­nungs­ver­fah­ren kann in Anbe­tracht der detail­lier­ten Bestim­mun­gen, die der Ver­trag ent­hält, nicht aus­ge­gan­gen wer­den6.

Im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall lei­ten die Ent­schei­dun­gen des Amts­ge­richts und des Land­ge­richts Hai­fa die von ihnen ange­nom­me­ne inter­na­tio­na­le Zustän­dig­keit, ohne eine Kata­log­zu­stän­dig­keit gemäß Art. 7 Abs. 1 des Ver­tra­ges zu nen­nen, aus dem Umstand ab, dass die Kla­ge der dama­li­gen Beklag­ten und heu­ti­gen Schuld­ne­rin wirk­sam nach israe­li­schem Recht an den in Isra­el ansäs­si­gen loka­len Agen­ten zuge­stellt wor­den sei. Wei­ter stel­len die israe­li­schen Gerich­te dar­auf ab, dass in Hai­fa der Erfül­lungs­ort lie­ge.

Der Gerichts­stand des Erfül­lungs­or­tes ist in Art. 7 Abs. 1 des Ver­tra­ges nicht erwähnt. Einen Gerichts­stand, der an den (Wohn-)Sitz des „Berech­tig­ten der Geschäfts­ver­wal­tung” anknüpft, kennt Art. 7 Abs. 1 des Ver­tra­ges eben­falls nicht. Das Erst­ge­richt begrün­det sei­ne Zustän­dig­keit mit­hin nicht mit einem im Zustän­dig­keits­ka­ta­log des Art. 7 Abs. 1 des Ver­tra­ges genann­ten Gerichts­stand, ins­be­son­de­re nicht mit dem Gerichts­stand des rüge­lo­sen Ein­las­sens zur Haupt­sa­che nach Art. 7 Abs. 1 Nr. 11 — das Amts­ge­richt Hai­fa stellt aus­drück­lich fest, dass die dama­li­ge Beklag­te und heu­ti­ge Schuld­ne­rin kei­ne Ver­tei­di­gungs­schrift ein­ge­reicht habe und es des­we­gen eine Säum­nis­ent­schei­dung (Gerichts­be­schluss wegen feh­len­der „Ver­tei­di­gungs­schrift”) erlas­se — oder mit dem Gerichts­stand der Nie­der­las­sung der Schuld­ne­rin in Isra­el, Art. 7 Abs. 1 Nr. 2 — dies­be­züg­lich ver­weist das Amts­ge­richt Hai­fa aus­drück­lich dar­auf, dass die dama­li­ge Beklag­te und heu­ti­ge Schuld­ne­rin in Isra­el nicht ansäs­sig war.

Die Ent­schei­dung ist auch nicht aus ande­ren Grün­den rich­tig.

Nach den tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen des Amts­ge­richts und des Land­ge­richts Hai­fa waren die israe­li­schen Gerich­te nicht gemäß Art. 7 Abs. 1 des Ver­tra­ges inter­na­tio­nal zustän­dig. Ins­be­son­de­re hat­te die Schuld­ne­rin kei­ne geschäft­li­che Nie­der­las­sung oder eine Zweig­nie­der­las­sung in Isra­el.

Sie unter­hielt in Isra­el kein Büro. Zwar ver­trieb der loka­le Agent nach den Fest­stel­lun­gen der israe­li­schen Ent­schei­dun­gen ihre Pro­duk­te nicht in eige­nem Namen und auf eige­ne Rech­nung. Er schloss die Ver­trä­ge mit der Gläu­bi­ge­rin jedoch nicht selb­stän­dig ab. Viel­mehr bahn­te die Gläu­bi­ge­rin die Geschäfts­be­zie­hung direkt mit der Schuld­ne­rin an. Die­se erstell­te selbst das Ange­bot, auch wenn sie es über ihren Agen­ten der Gläu­bi­ge­rin über­mit­teln ließ. Der Ver­trags­schluss wie­der­um erfolg­te unmit­tel­bar zwi­schen Gläu­bi­ge­rin und Schuld­ne­rin ohne sei­ne Ein­schal­tung. Er war dann erst wie­der mit der Ver­trags­ab­wick­lung befasst und wur­de der Gläu­bi­ge­rin von der Schuld­ne­rin als ört­li­cher Ansprech­part­ner genannt. Dies genügt nicht, um eine Nie­der­las­sung der Schuld­ne­rin zu begrün­den7.

Dass ein Gerichts­stand aus dem Zustän­dig­keits­ka­ta­log des Art. 7 Abs. 1 des Ver­tra­ges vor­ge­le­gen hät­te, wur­de von der Gläu­bi­ge­rin im Aner­ken­nungs­ver­fah­ren auch nicht gel­tend gemacht. Dazu hät­te sie aber Anlass gehabt, nach­dem die israe­li­schen Gerich­te die inter­na­tio­na­le Zustän­dig­keit nicht mit einem Gerichts­stand aus Art. 7 Abs. 1 des Ver­tra­ges begrün­det haben.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 29. März 2012 — IX ZB 24209

  1. indi­rek­te Zustän­dig­keit — Denk­schrift, BT-Drucks. 83866, S. 14 []
  2. Gei­mer, Inter­na­tio­na­les Zivil­pro­zess­recht, 6. Aufl., Rn. 852 []
  3. Denk­schrift zum Ver­trag, BT-Drucks. 83866, S. 15 f zu Art. 8; vgl. auch BGH, Beschluss vom 18.09.2001 — IX ZB 7599, WM 2001, 2121, 2122; vom 14.04.2005 — IX ZB 17503, WM 2005, 1341, 1343 []
  4. BGH, Beschluss vom 18.09.2001, aaO, S. 2122; vom 14.04.2005, aaO []
  5. BGH, Beschluss vom 14.04.2005, aaO, S. 1342 []
  6. vgl. BGH, aaO S. 1343 []
  7. EuGH, Urteil vom 22.11.1978 — - C-3378, RIW 1979, 56, 58 zu Art. 5 Nr. 5 EuGVK; vgl. auch Kropholler/​von Hein, Euro­päi­sches Zivil­pro­zess­recht, 9. Aufl., Art. 5 EuGVO Rn. 103; Geimer/​Schütze, Euro­päi­sches Zivil­ver­fah­rens­recht, 3. Aufl., A.1, Art. 5 Rn. 304 ff []