Antidumpingzoll für Fahrradteile aus China

Dem Anti­dum­ping­zoll gemäß VO Nr. 7197 unter­lie­gen Fahr­rad­ga­beln der Unter­po­si­ti­on 87149130, die ihren Ursprung in Chi­na haben, unab­hän­gig davon, ob sie nach ihrer Ein­fuhr zur Mon­ta­ge eines Fahr­rads mit Hilfs­mo­tor (Elek­tro-Bike bzw. E‑Bike) der Posi­ti­on 8711 oder eines Fahr­rads ohne Motor der Posi­ti­on 8712 ver­wandt wer­den. Die zur Aus­wei­tung des gemäß VO Nr. 247493 für die Ein­fuhr von Fahr­rä­dern mit Ursprung in Chi­na fest­ge­setz­ten Anti­dum­ping­zolls erlas­se­ne VO Nr. 7197 ist auch vor dem Hin­ter­grund der in der VO Nr. 8897 gewähr­ten Befrei­ungs­mög­lich­kei­ten nicht unver­hält­nis­mä­ßig.

Antidumpingzoll für Fahrradteile aus China

Im hier vom Finanz­ge­richt Ham­burg ent­schie­de­nen Fall wen­det sich die Klä­ge­rin gegen den Bescheid, wonach sie Anti­dum­ping­zoll bezah­len muss. Bei den von der Klä­ge­rin ein­ge­führ­ten Fahr­rad­ga­beln han­delt es sich um Waren der Unter­po­si­ti­on 8714 9130. Von die­ser Unter­po­si­ti­on umfasst sind Tei­le und Zube­hör für Fahr­zeu­ge der Posi­tio­nen 8711 bis 8713, ande­re als für Roll­stüh­le und ande­re Fahr­zeu­ge für Behin­der­te, Gabeln. Die in der Anmel­dung ange­ge­be­ne Code­num­mer 8714 9130 90 0 setzt wei­ter vor­aus, dass es sich um ande­re als mit Far­be ver­se­he­ne oder lackier­te Gabeln han­delt, wäh­rend lackier­te Gabeln in die Code­num­mer 8714 9130 11 0 (mit Ursprung in Chi­na oder aus Chi­na ver­sandt: — in Men­gen unter 300 Stück pro Monat oder zur Lie­fe­rung an eine Par­tei in Men­gen unter 300 Stück pro Monat bestimmt; oder — zur Lie­fe­rung an einen ande­ren Inha­ber einer Bewil­li­gung „Beson­de­re Ver­wen­dung” oder an befrei­te Par­tei­en bestimmt) oder die Code­num­mer 8714 9130 19 0 (ande­re) ein­zu­rei­hen sind.

Da die Waren ihren Ursprung in der Volks­re­pu­blik Chi­na haben und aus­weis­lich des von der Klä­ge­rin nicht ange­foch­te­nen Ein­rei­hungs­gut­ach­tens lackiert sind, und die Vor­aus­set­zun­gen der Code­num­mer 8714 9130 11 0 unstrei­tig nicht vor­lie­gen, bleibt es bei der vom Beklag­ten ange­nom­me­nen Ein­rei­hung in die Code­num­mer 8714 9130 19 0.

Bei den Elek­tro-Bikes, für deren Mon­ta­ge die Klä­ge­rin die streit­ge­gen­ständ­li­chen Fahr­rad­ga­beln der Unter­po­si­ti­on 8714 9130 ein­ge­führt hat, han­delt es sich um Fahr­rä­der mit Hilfs­mo­tor, ande­re als mit Hub­kol­ben­ver­bren­nungs­mo­tor, der Posi­ti­on 8711. Für Fahr­rä­der ohne Motor der Posi­ti­on 8712 sah Art. 1 der Ver­ord­nung (EWG) Nr. 247493 des Rates vom 08.09.1993 zur Ein­füh­rung eines end­gül­ti­gen Anti­dum­ping­zolls auf die Ein­fuh­ren von Fahr­rä­dern mit Ursprung in der Volks­re­pu­blik Chi­na und zur end­gül­ti­gen Ver­ein­nah­mung des vor­läu­fi­gen Anti­dum­ping­zolls (VO Nr. 247493) zum Ein­fuhr­zeit­punkt die Erhe­bung eines Anti­dum­ping­zolls vor.

Fahr­rä­der mit Hilfs­mo­tor der Posi­ti­on 8711 waren von der VO Nr. 247493 nicht erfasst. Mit der Ver­ord­nung (EG) Nr. 7197 des Rates vom 10.01.1997 wur­de der mit der VO Nr. 247493 ein­ge­führ­te end­gül­ti­ge Anti­dum­ping­zoll auf die Ein­fuh­ren bestimm­ter Fahr­rad­tei­le aus der Volks­re­pu­blik Chi­na aus­ge­wei­tet. Aus Art. 2 Abs. 1 i.V.m. Art. 1 2. Spie­gel­strich VO Nr. 7197 (die gem. Ver­ord­nung (EG) Nr. 1712008 des Rates vom 25.02.2008 auf­recht­erhal­ten wor­den ist) ergibt sich, dass zu den anti­dum­ping­zoll­pflich­ti­gen Fahr­rad­tei­len auch lackier­te Fahr­rad­ga­beln der Unter­po­si­ti­on 8714 9130 gehö­ren. Dem­zu­fol­ge fal­len auch die streit­ge­gen­ständ­li­chen Fahr­rad­ga­beln in den Anwen­dungs­be­reich der VO Nr. 7197, so dass für ihre Ein­fuhr Anti­dum­ping­zoll zu erhe­ben war.

Eine Zoll­be­frei­ung nach der Ver­ord­nung (EG) Nr. 8897 der Kom­mis­si­on vom 20.01.1997 betref­fend die Geneh­mi­gung der Befrei­ung der Ein­fuh­ren bestimm­ter Fahr­rad­tei­le mit Ursprung in der Volks­re­pu­blik Chi­na von dem mit der Ver­ord­nung (EWG) Nr. 247493 ein­ge­führ­ten und mit der Ver­ord­nung (EG) Nr. 7197 des Rates aus­ge­wei­te­ten Anti­dum­ping­zoll wur­de der Klä­ge­rin nicht erteilt.

Nach Auf­fas­sung des Finanz­ge­richts ist die VO Nr. 7197 auch ver­hält­nis­mä­ßig. Zwar unter­liegt die Ein­fuhr von Fahr­rä­dern mit Hilfs­mo­tor — im Gegen­satz zu Fahr­rä­dern mit kon­ven­tio­nel­lem Antrieb — mit Ursprung in der Volks­re­pu­blik Chi­na kei­nem Anti­dum­ping­zoll, wäh­rend die Ein­fuhr bestimm­ter Fahr­rad­tei­le, die zur Mon­ta­ge eines Fahr­rads mit Hilfs­mo­tor ver­wandt wer­den, anti­dum­ping­zoll­pflich­tig ist, da die VO Nr. 7197 Waren der KN-Codes 8714 91 bis 8741 99 umfasst und die­se KN-Codes Tei­le für Fahr­zeu­ge der Posi­tio­nen 8711 und 8712 beschrei­ben — das ist aber nach Mei­nung des Gerichts nicht pro­ble­ma­tisch.

Der Uni­ons­ge­setz­ge­ber hat die VO Nr. 7197 erlas­sen, um eine Umge­hung der VO Nr. 247493 durch die Ein­fuhr von Tei­len, die ihren Ursprung in der Volks­re­pu­blik Chi­na haben und zur Mon­ta­ge von Fahr­rä­dern in der Gemein­schaft ver­wen­det wer­den, zu ver­mei­den (1. Erwä­gungs­grund der VO Nr. 7197). Vor die­sem gesetz­ge­be­ri­schen Hin­ter­grund ist es kon­se­quent, alle rele­van­ten Fahr­rad­tei­le in den Gel­tungs­be­reich der Ver­ord­nung ein­zu­be­zie­hen, sofern sie zur Mon­ta­ge von Fahr­rä­dern ver­wandt wer­den kön­nen, deren Ein­fuhr anti­dum­ping­zoll­pflich­tig ist.

Die ange­führ­ten Fahr­rad­ga­beln kön­nen nicht nur in Elek­tro-Bikes der Posi­ti­on 8711, son­dern auch in kon­ven­tio­nell ange­trie­be­ne Fahr­rä­der der Posi­ti­on 8712 ein­ge­baut wer­den. Im Ver­kaufs­pro­spekt der Klä­ge­rin sind die Elek­tro-Bikes abge­bil­det, die sich jeden­falls im vor­de­ren Teil optisch in kei­ner Wei­se von her­kömm­li­chen Fahr­rä­dern unter­schei­den. Dies bestrei­tet auch die Klä­ge­rin nicht. Von daher wäre es dem Uni­ons­ge­setz­ge­ber zwar theo­re­tisch mög­lich, den Anwen­dungs­be­reich der VO Nr. 7197 auf wesent­li­che Fahr­rad­tei­le für Fahr­zeu­ge der Posi­ti­on 8711 zu begren­zen, prak­tisch wür­de dies jedoch, da man den Tei­len ihren künf­ti­gen Ver­wen­dungs­zweck nicht ansieht, zu erheb­li­chen Über­prü­fungs­schwie­rig­kei­ten und letzt­lich Umge­hungs­mög­lich­kei­ten füh­ren.

Dass dadurch auch Fahr­rad­tei­le, deren Ein­fuhr bezo­gen auf die­sen Ver­wen­dungs­zweck kei­ne Umge­hung der VO Nr. 247493 dar­stellt, anti­dum­ping­zoll­pflich­tig wer­den, hat der Uni­ons­ge­setz­ge­ber gese­hen und daher Befrei­ungs­mög­lich­kei­ten geschaf­fen. Bereits in Art. 13 Abs. 4 der Grund­ver­ord­nung (EG) Nr. 38496 des Rates vom 22.12.1995 über den Schutz gegen gedump­te Ein­fuh­ren aus nicht zur Euro­päi­schen Gemein­schaft gehö­ren­den Län­dern ist gere­gelt, dass Waren, denen eine Beschei­ni­gung der Zoll­be­hör­den bei­liegt, aus der her­vor­geht, dass die Ein­fuhr der Waren kei­ne Umge­hung dar­stellt, nicht mit Zöl­len belegt wer­den. Nach Art. 13 Abs. 1 VO Nr. 38496 wird die Umge­hung als eine Ver­än­de­rung des Han­dels zwi­schen den Dritt­län­dern und der Gemein­schaft defi­niert, die sich aus einer Pra­xis, einem Fer­ti­gungs­pro­zess oder einer Arbeit ergibt, für die es außer der Ein­füh­rung des Zolls kei­ne hin­rei­chen­de Begrün­dung oder wirt­schaft­li­che Recht­fer­ti­gung gibt. Aus­ge­füllt wird dies durch Art. 3 Abs. 1, Abs. 2 VO Nr. 7197 sowie — wie bereits dar­ge­legt — durch die VO Nr. 8897. Dar­in wer­den die Befrei­ungs­vor­aus­set­zun­gen, das Ver­fah­ren zum Erhalt einer Befrei­ung sowie Kon­troll­mög­lich­kei­ten näher gere­gelt. Die Ertei­lung der Befrei­ung und die Über­prü­fung der Ver­wen­dung oblie­gen dabei der Kom­mis­si­on. Inwie­weit der Klä­ge­rin oder dem Betrieb, der die Fahr­rä­der im Auf­trag der Klä­ge­rin fer­tigt, eine Befrei­ung erteilt wer­den kann oder hät­te erteilt wer­den müs­sen, hat das Gericht offen gelas­sen.

Das vom Uni­ons­ge­setz­ge­ber gewähl­te Sys­tem einer weit­rei­chen­den Aus­wei­tung der Anti­dum­ping­zoll­ver­ord­nung Nr. 247493 durch die VO Nr. 7197 mit Befrei­ungs­mög­lich­kei­ten in der VO Nr. 8897 für Ein­fuh­ren, mit denen der Anti­dum­ping­zoll nicht umgan­gen wird, sieht das Finanz­ge­richt Ham­burg als vom Gestal­tungs­spiel­raum des Uni­ons­ge­setz­ge­bers gedeckt an und hält es nicht für unver­hält­nis­mä­ßig. Daher wird auch von der von der Klä­ge­rin ange­reg­ten Vor­la­ge an den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on abge­se­hen.

Finanz­ge­richt Ham­burg, Urteil vom 19. Mai 2011 — 4 K 15610