Belegnachweis bei Ausfuhrlieferungen — und der Vertrauensschutz

Ein Steu­er­pflich­ti­ger erfüllt nicht die Sorg­falt eines ordent­li­chen Kauf­manns, wenn er den gesetz­li­chen Buch- und Beleg­nach­weis nicht for­mell voll­stän­dig führt.

Belegnachweis bei Ausfuhrlieferungen — und der Vertrauensschutz

Der Bun­des­fi­nanz­hof hat zu § 6a Abs. 4 UStG bereits ent­schie­den, dass sich die Fra­ge, „ob der Unter­neh­mer die Unrich­tig­keit der Anga­ben des Abneh­mers auch bei Sorg­falt eines ordent­li­chen Kauf­manns nicht erken­nen konn­te”, erst dann stellt, „wenn der Unter­neh­mer sei­nen Nach­weis­pflich­ten nach §§ 17a ff. USt­DV voll­stän­dig nach­ge­kom­men ist„1.

Maß­geb­lich ist hier­für die for­mel­le Voll­stän­dig­keit, nicht aber auch die inhalt­li­che Rich­tig­keit der Beleg- und Buch­an­ga­ben2.

Nichts ande­res gilt für die hier streit­ge­gen­ständ­li­chen Aus­fuhr­lie­fe­run­gen. Die for­mell voll­stän­di­ge Füh­rung des Buch- und Beleg­nach­wei­ses gehört auch bei Aus­fuhr­lie­fe­run­gen zu den Pflich­ten, die der Unter­neh­mer im Rah­men der Sorg­falt eines ordent­li­chen Kauf­manns erfül­len muss3. Die­se Recht­spre­chung basiert auf der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on (EuGH), wonach „der Lie­fe­rer auf die Recht­mä­ßig­keit des Umsat­zes, den er tätigt, ver­trau­en kön­nen muss, ohne Gefahr zu lau­fen, sein Recht auf Befrei­ung von der Mehr­wert­steu­er zu ver­lie­ren, wenn er … selbst bei Beach­tung der Sorg­falt eines ordent­li­chen Kauf­manns außer­stan­de ist, zu erken­nen, dass die Vor­aus­set­zun­gen für die Befrei­ung in Wirk­lich­keit nicht gege­ben waren, weil die vom Abneh­mer vor­ge­leg­ten Aus­fuhr­nach­wei­se gefälscht waren„4.

Dass der Bun­des­fi­nanz­hof in stän­di­ger Recht­spre­chung die ana­lo­ge Anwen­dung von § 6a Abs. 4 UStG auf Aus­fuhr­lie­fe­run­gen ablehnt5, steht dem nicht ent­ge­gen, denn hier geht es nicht um die ‑nach § 6a Abs. 4 UStG mög­li­che- Anwen­dung von Ver­trau­ens­schutz im Fest­set­zungs­ver­fah­ren, son­dern um die Aus­le­gung des Merk­mals „Sorg­falt eines ordent­li­chen Kauf­manns”, die in bei­den Fäl­len nicht unter­schied­lich erfol­gen kann.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 29. März 2016 — XI B 7715

  1. vgl. z.B. BFH, Urtei­le vom 15.07.2004 — V R 104, BFH/​NV 2005, 81, unter II. 2.b, Rz 50; vom 07.12 2006 — V R 5203, BFHE 216, 367, BSt­Bl II 2007, 420, unter II. 3.b, Rz 43; vom 15.02.2012 — XI R 4210, BFH/​NV 2012, 1188, Rz 32; vom 14.11.2012 — XI R 1712, BFHE 239, 516, BSt­Bl II 2013, 407, Rz 33 []
  2. vgl. BFH, Urteil in BFHE 239, 516, BSt­Bl II 2013, 407, Rz 33 []
  3. vgl. Trei­ber in Sölch/​Ringleb, Umsatz­steu­er, § 6 Rz 167; Wäger in Birkenfeld/​Wäger, Umsatz­steu­er-Hand­buch, § 109 Rz 127 []
  4. vgl. z.B. EuGH, Urteil Net­to Super­markt vom 21.02.2008 — C‑271/​06, EU:C:2008:105, Umsatz­steu­er-Rund­schau 2008, 508, Rz 27; eben­so BFH, Urtei­le in BFHE 223, 372, BSt­Bl II 2010, 1075, Leit­satz 1; vom 19.11.2009 — V R 809, BFH/​NV 2010, 1141, Rz 18 []
  5. vgl. BFH, Urtei­le in BFHE 223, 372, BSt­Bl II 2010, 1075, Rz 32; in BFH/​NV 2010, 1141, Rz 17; BFH, Beschluss vom 26.03.2009 — V B 17907, BFH/​NV 2009, 1477, unter II. 1.bb, Rz 22 []