Das polnische Versäumnisurteil — und seine Vollstreckung in Deutschland

Die Voll­streck­bar­er­klä­rung eines pol­ni­schen Ver­säum­nis­ur­teils gegen das der Beklag­te im Erst­staat recht­zei­tig Ein­spruch ein­ge­legt hat, kann nicht mit der Begrün­dung ver­sagt wer­den, das ver­fah­rens­ein­lei­ten­de Schrift­stück sei dem Beklag­ten nicht so recht­zei­tig und in einer Wei­se zuge­stellt wor­den, dass er sich ver­tei­di­gen konn­te.

Das polnische Versäumnisurteil — und seine Vollstreckung in Deutschland

Ein behaup­te­ter Pro­zess­be­trug hin­dert die Voll­streck­bar­er­klä­rung nicht, wenn gegen die Ent­schei­dung des Erst­staats ein Rechts­mit­tel ein­ge­legt wur­de, mit wel­chem der behaup­te­te Ver­stoß besei­tigt wer­den kann.

Nach Art. 34 Nr. 2 EuGV­VO kann eine Ent­schei­dung nicht aner­kannt wer­den, wenn dem Beklag­ten, der sich auf das Ver­fah­ren nicht ein­ge­las­sen hat, das ver­fah­rens­ein­lei­ten­de Schrift­stück nicht so recht­zei­tig und in einer Wei­se zuge­stellt wor­den ist, dass er sich ver­tei­di­gen konn­te, es sei denn, er hat gegen die Ent­schei­dung kei­nen Rechts­be­helf ein­ge­legt, obwohl er die Mög­lich­keit dazu hat­te. Daher sind die Ver­tei­di­gungs­rech­te, die durch Art. 34 Nr. 2 EuGV­VO geschützt wer­den sol­len, erst recht gewahrt, wenn der Beklag­te gegen die in Abwe­sen­heit ergan­ge­ne Ent­schei­dung tat­säch­lich einen Rechts­be­helf ein­ge­legt hat, mit dem er gel­tend machen konn­te, ihm sei das ver­fah­rens­ein­lei­ten­de Schrift­stück oder das gleich­wer­ti­ge Schrift­stück nicht so recht­zei­tig und in einer Wei­se zuge­stellt wor­den, dass er sich habe ver­tei­di­gen kön­nen1. Zu sol­chen Rechts­be­hel­fen zählt der Ein­spruch gegen ein Ver­säum­nis­ur­teil2, der auch von der Antrags­geg­ne­rin erho­ben wur­de und gemäß Art. 344 § 1 des pol­ni­schen Zivil­ver­fah­rens­ge­setz­buchs (fort­an: ZVGB) statt­haft ist. Aus die­ser Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­ho­fes lässt sich gleich­zei­tig schlie­ßen, dass eine Ein­las­sung im Sin­ne von Art. 34 Nr. 2 EuGV­VO auch in der Erhe­bung eines Rechts­be­helfs nach Erlass des Ver­säum­nis­ur­teils liegt, selbst wenn die Voll­streck­bar­er­klä­rung des Ver­säum­nis­ur­teils begehrt wird.

Ange­sichts des tat­säch­lich ein­ge­leg­ten Rechts­be­helfs im Erst­staat kommt es auf den von der Rechts­be­schwer­de behaup­te­ten sym­pto­ma­ti­schen Rechts­feh­ler des Beschwer­de­ge­richts bei Prü­fung des Ver­sa­gungs­grun­des nach Art. 34 Nr. 2 EuGV­VO und eine Grund­satz­be­deu­tung nicht an. Der behaup­te­te Gehörs­ver­stoß liegt schon nicht vor, weil das Ober­lan­des­ge­richt den Vor­trag der Antrags­geg­ne­rin zur Ver­fü­gung des Bezirks­ge­richts Bres­lau vom 07.12 2011 nicht über­gan­gen hat.

Eben­so wenig ist eine Gehörs­ver­let­zung des Beschwer­de­ge­richts bei der Ver­nei­nung des Ord­re­pu­blic-Vor­be­halts nach Art. 34 Nr. 1 EuGV­VO fest­zu­stel­len. Offen blei­ben kann in die­sem Zusam­men­hang, ob der Vor­wurf des Pro­zess­be­trugs zutrifft. Ein sol­cher Pro­zess­be­trug hin­dert jeden­falls nicht die Voll­streck­bar­er­klä­rung, wenn gegen die Ent­schei­dung im Erst­staat ein Rechts­mit­tel ein­ge­legt wur­de, mit wel­chem der behaup­te­te Ver­stoß besei­tigt wer­den kann3. Ein Beklag­ter, der sich vor dem aus­län­di­schen Gericht ein­ge­las­sen hat, soll im Aner­ken­nungs­ver­fah­ren nicht erneut rügen kön­nen, der Geg­ner habe das Urteil durch vor­sätz­lich fal­schen Pro­zess­vor­trag erwirkt4. Im Exe­qua­tur­ver­fah­ren ist er viel­mehr mit dem Tat­sa­chen­vor­trag aus­ge­schlos­sen, den er bereits im Erst­staat ein­ge­bracht hat5 oder hät­te ein­brin­gen kön­nen6. Da die Antrags­geg­ne­rin im Urteils­staat Ein­spruch gegen das Ver­säum­nis­ur­teil ein­ge­legt hat, ist es ihr mög­lich, gemäß Art. 344 § 2 ZVGB ihre Ein­wen­dun­gen gegen den Kla­ge­an­trag und die­se stüt­zen­de Tat­sa­chen und Bewei­se vor­zu­brin­gen. Sie kann somit in Polen die vor­ge­leg­te, angeb­lich unvoll­stän­dig abge­lich­te­te Kopie des Ver­trags­tex­tes ein­wen­den, um ihren Kla­ge­ab­wei­sungs­an­trag zu begrün­den und den behaup­te­ten Pro­zess­be­trug abzu­wen­den. Im Exe­qua­tur­ver­fah­ren kann sie dies nicht gel­tend machen.

Es ist auch nicht ersicht­lich, dass die Zurück­wei­sung einer Anord­nung zur Sicher­heits­leis­tung nach Art. 46 Abs. 3 EuGV­VO unter Ver­let­zung des recht­li­chen Gehörs der Antrags­geg­ne­rin erfolgt ist. Das Gericht ist nicht gehal­ten, sich mit jedem Vor­brin­gen eines Betei­lig­ten in den Grün­den sei­ner Ent­schei­dung aus­drück­lich zu befas­sen7. Viel­mehr müs­sen im Ein­zel­fall beson­de­re Umstän­de deut­lich machen, dass tat­säch­li­ches Vor­brin­gen eines Betei­lig­ten ent­we­der über­haupt nicht zur Kennt­nis genom­men oder bei der Ent­schei­dung nicht erwo­gen wor­den ist8. Dies ist im Streit­fall nicht fest­zu­stel­len. Jeden­falls wäre der behaup­te­te Gehörs­ver­stoß nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich, weil auch bei Beach­tung des über­gan­ge­nen Vor­brin­gens kei­ne ande­re Ent­schei­dung hät­te erge­hen kön­nen9.

Denn die Antrags­geg­ne­rin hat ihren Antrag im Beschwer­de­ver­fah­ren allein damit begrün­det, ein mög­li­cher Rück­zah­lungs­an­spruch des vor­läu­fig aus­ge­ur­teil­ten Betrags sei nur unter erheb­li­chen Pro­ble­men zu rea­li­sie­ren; es gebe kei­nen hin­rei­chen­den Grund, sie auf eine mög­li­cher­wei­se erfor­der­li­che Zwangs­voll­stre­ckung in Polen zu ver­wei­sen. Die Not­wen­dig­keit der Ver­fol­gung eines Erstat­tungs­an­spruchs gegen einen im EU-Aus­land ansäs­si­gen Gläu­bi­ger vor den dor­ti­gen Gerich­ten genügt grund­sätz­lich nicht, um hier­auf eine Anord­nung nach Art. 46 Abs. 3 EuGV­VO zu stüt­zen, weil durch die Zustän­dig­keits- und Aner­ken­nungs­re­ge­lun­gen der EuGV­VO die Rechts­ver­fol­gung im Regel­fall gewähr­leis­tet ist10. Damit ist nicht dar­ge­tan, dass der Antrags­geg­ne­rin ein nicht zu erset­zen­der Nach­teil infol­ge der mög­li­chen Zwangs­voll­stre­ckung durch den Antrag­stel­ler droht11.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 15. Mai 2014 — IX ZB 2613

  1. EuGH, Urteil vom 28.04.2009 — C420/​07, Apostolides/​Orams, Slg. 2009, I3571 Rn. 78; Kropholler/​von Hein, Euro­päi­sches Zivil­pro­zess­recht, 9. Aufl., Art. 34 EuGVO Rn. 44 []
  2. vgl. EuGH, Urteil vom 28.04.2009, aaO Rn. 79 []
  3. vgl. BGH, Urteil vom 19.09.1977 — VIII ZR 12075, NJW 1978, 1114, 1115 zu Art. — III Abs. 1 c, 2 deutsch­bri­ti­sches Über­ein­kom­men; Kropholler/​von Hein, aaO Rn. 15b; Gei­mer in Geimer/​Schütze, EuZ­VR, 3. Aufl., A.1, Art. 34 Rn. 57 []
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 06.05.2004 — IX ZB 4303, NJW 2004, 2386, 2388 mwN []
  5. BGH, Urteil vom 29.04.1999 — IX ZR 26397, BGHZ 141, 286, 306 []
  6. vgl. BGH, Urteil vom 19.09.1977, aaO []
  7. BGH, Beschluss vom 16.09.2008 — X ZB 2807, GRUR 2009, 90 Rn. 7; BVerfG, NJW 1992, 1031; BVerfGE 86, 133, 146 []
  8. BVerfGE 86, aaO []
  9. BGH, Urteil vom 18.07.2003 — V ZR 18702, NJW 2003, 3205, 3206 []
  10. Gei­mer in Geimer/​Schütze, aaO Art. 46 Rn. 36; Rauscher/​Mankowski, EuZPR/​EuIPR, 2011, Art. 46 Brüs­sel I‑VO Rn. 17a []
  11. vgl. OLG Koblenz, OLGR 2001, 414, 416; Kropholler/​von Hein, aaO Art. 46 EuGVO Rn. 7 []