Dehnhülsen — und ihre Einreihung in die Kombinierte Nomenklatur

Der Ver­wen­dungs­zweck einer Ware kann ein objek­ti­ves Ein­rei­hungs­kri­te­ri­um sein, sofern er sich aus der Natur des Erzeug­nis­ses ergibt bzw. der Ware inne­wohnt und wenn im Wort­laut der Bestim­mun­gen oder in den Erläu­te­run­gen auf den Ver­wen­dungs­zweck Bezug genom­men wird.

Dehnhülsen — und ihre Einreihung in die Kombinierte Nomenklatur

Roh­re sind jedoch Unter­leg­schei­ben nicht ähn­lich, auch wenn sie z.B. im Wind­an­la­gen­bau als „Dehn­hül­sen” in einer Schraub­ver­bin­dung ver­wen­det wer­den sol­len.

Das ent­schei­den­de Kri­te­ri­um für die zoll­recht­li­che Tari­fie­rung von Waren ist all­ge­mein in deren objek­ti­ven Merk­ma­len und Eigen­schaf­ten zu suchen, wie sie im Wort­laut der Posi­tio­nen und Unter­po­si­tio­nen der KN und in den Anmer­kun­gen zu den Abschnit­ten oder Kapi­teln fest­ge­legt sind. Soweit in den Posi­tio­nen und Anmer­kun­gen nichts ande­res bestimmt ist, rich­tet sich die Ein­rei­hung nach den All­ge­mei­nen Vor­schrif­ten für die Aus­le­gung der KN. Dane­ben gibt es Erläu­te­run­gen und Ein­rei­hungs­avi­se, die ein wich­ti­ges, wenn auch nicht ver­bind­li­ches Erkennt­nis­mit­tel für die Aus­le­gung der ein­zel­nen Tarif­po­si­tio­nen sind1.

Auf den Ver­wen­dungs­zweck einer Ware darf abge­stellt wer­den, wenn im Wort­laut der Bestim­mun­gen oder in den Erläu­te­run­gen aus­drück­lich auf die­ses Kri­te­ri­um Bezug genom­men wird2. Der Ver­wen­dungs­zweck kann ein objek­ti­ves Ein­rei­hungs­kri­te­ri­um sein, sofern er sich aus der Natur des Erzeug­nis­ses ergibt bzw. der Ware inne­wohnt; ob dies zutrifft, muss sich anhand der objek­ti­ven Merk­ma­le und Eigen­schaf­ten des Erzeug­nis­ses beur­tei­len las­sen3.

Umstän­de des Ver­triebs, die Beschrei­bung in Ver­kaufs- oder Her­stel­ler­pro­spek­ten, der Umfang der tat­säch­li­chen Ver­wen­dung und die Bezeich­nung im Han­dels­ver­kehr sind kei­ne Kri­te­ri­en, aus denen die Ein­rei­hung einer Ware folgt4. Gleich­wohl las­sen sich aus den genann­ten Unter­la­gen, ins­be­son­de­re bei Spe­zi­al­an­fer­ti­gun­gen, bei denen der Ver­wen­dungs­zweck nicht auf der Hand liegt, mit­un­ter Anhalts­punk­te für die Prü­fung und Ermitt­lung der objek­ti­ven Beschaf­fen­heits­merk­ma­le gewin­nen; inso­weit kön­nen auch detail­lier­te Auf­trags- oder Lie­fer­un­ter­la­gen, Zeich­nun­gen und Skiz­zen für die Ermitt­lung der für die Zweck­be­stim­mung art­spe­zi­fi­schen, cha­rak­te­ris­ti­schen Merk­ma­le zu berück­sich­ti­gen sein5.

Das die Pos. 9018, 9019 KN und Pos. 8543 KN betref­fen­de EuGH-Urteil Oli­ver Medi­cal6 gibt kei­nen Anlass, von die­ser Recht­spre­chung abzu­wei­chen. In die­sem Urteil hat der EuGH erneut ent­schie­den, bei der Prü­fung der Fra­ge, ob eine Ware für medi­zi­ni­sche Zwe­cke bestimmt sei, sei­en alle rele­van­ten Aspek­te des kon­kre­ten Falls zu berück­sich­ti­gen, soweit es sich dabei um die­ser Ware inne­woh­nen­de objek­ti­ve Merk­ma­le und Eigen­schaf­ten han­de­le. An der Ver­knüp­fung des Ver­wen­dungs­zwecks mit den objek­ti­ven Merk­ma­len der Ware wird damit aus­drück­lich fest­ge­hal­ten.

Zwar hat der EuGH wei­ter aus­ge­führt, als rele­van­te Aspek­te sei­en auch die Ver­wen­dung, die der Her­stel­ler für die betref­fen­de Ware vor­ge­se­hen habe, sowie die Art und Wei­se und der Ort der Ver­wen­dung die­ser Ware zu prü­fen. Hier­bei han­delt es sich jedoch um Beson­der­hei­ten der dort streit­ge­gen­ständ­li­chen Posi­tio­nen bzw. Waren7. Eine Ver­all­ge­mei­ne­rung der­art, dass nun­mehr Waren (aus­schließ­lich) nach dem (vom Her­stel­ler oder Ein­füh­rer ange­ge­be­nen) Ver­wen­dungs­zweck ein­zu­rei­hen sind, hat der EuGH mit der For­mu­lie­rung „soweit es sich dabei um die­ser Ware inne­woh­nen­de objek­ti­ve Merk­ma­le und Eigen­schaf­ten han­delt” aus­drück­lich aus­ge­schlos­sen.

Im Streit­fall hat das FG Ham­burg fest­ge­stellt8, die Waren wür­den vom Wort­laut der Pos. 7304 KN „Roh­re und Hohl­pro­fi­le, naht­los, aus Eisen (aus­ge­nom­men Guss­ei­sen) oder Stahl” erfasst. Hier­ge­gen wur­den kei­ne Rügen erho­ben. Es stellt sich des­halb ledig­lich die Fra­ge, ob die Roh­re auch den Tat­be­stand einer ande­ren Posi­ti­on der KN erfül­len, d.h. ob eine Kon­kur­renz­si­tua­ti­on besteht, die nach den all­ge­mei­nen Vor­schrif­ten auf­zu­lö­sen ist, bzw. ob der Tat­be­stand der ErlHS Pos. 7304 Rz 29.0 (Ver­ar­bei­tung zu ein­deu­tig erkenn­ba­ren Waren) erfüllt ist. Bei­des ist nicht der Fall.

In die Unter­pos. 7318 29 00 KN, deren Tat­be­stand nach Auf­fas­sung des FG erfüllt ist, sind Waren aus Eisen oder Stahl ein­zu­rei­hen, die Schrau­ben, Bol­zen, Mut­tern, Schwel­len­schrau­ben, Schraub­ha­ken, Nie­ten, Splin­ten, Kei­len, Unter­leg­schei­ben (ein­schließ­lich Feder­rin­gen und schei­ben) ohne Gewin­de ähn­lich sind.

Eine Ähn­lich­keit der streit­ge­gen­ständ­li­chen Waren mit den der eigent­li­chen Befes­ti­gung bzw. Ver­bin­dung von Waren die­nen­den Schrau­ben etc. hat das FG unstrei­tig zutref­fend aus­ge­schlos­sen und ledig­lich eine Ähn­lich­keit mit Unter­leg­schei­ben ange­nom­men. Das sind im All­ge­mei­nen klei­ne, ziem­lich dün­ne Schei­ben mit einem Loch in der Mit­te, die zwi­schen die Mut­ter und das zu ver­bin­den­de Stück gesetzt wer­den, um die­ses zu schüt­zen9. Die Erl­KN zu Pos. 7304 Rz 01.0, wonach Waren (ohne Gewin­de), deren Län­ge die größ­te äuße­re Quer­schnitts­ab­mes­sung nicht zwei­mal über­schrei­tet, u.U. als Unter­leg­schei­ben ange­se­hen wer­den kön­nen, deu­tet dar­auf hin, dass Roh­re, bei denen dies nicht der Fall ist, nicht als Unter­leg­schei­ben ein­zu­rei­hen sind.

Die­se Merk­ma­le lie­gen bei der hier zu tari­fie­ren­den Ware jedoch nicht vor. Viel­mehr haben die streit­ge­gen­ständ­li­chen Waren nach den Fest­stel­lun­gen des FG optisch kei­ne Ähn­lich­keit mit Unter­leg­schei­ben (ein­schließ­lich Feder­rin­gen und schei­ben) und sind nach ihren objek­ti­ven Eigen­schaf­ten auch nicht geeig­net, das zu ver­bin­den­de Stück zu schüt­zen.

Soweit das FG meint, für eine Ähn­lich­keit genü­ge es, dass bei zweck­ent­spre­chen­der Ver­wen­dung eine Schrau­be durch die Dehn­hül­se durch­ge­führt wer­de, sie ein typi­scher Bestand­teil eines Ver­bin­dungs­sys­tems auf der Basis einer Dehn­schrau­be sei und sie bei ent­spre­chen­der Ver­wen­dung eine ähn­li­che Funk­ti­on über­neh­men kön­ne wie „ande­re Siche­rungs­rin­ge und schei­ben” der Unter­pos. 7318 21 KN, fehlt es an Fest­stel­lun­gen dazu, in wel­chen objek­ti­ven Eigen­schaf­ten und Merk­ma­len der Waren sich dies nie­der­schlägt. Allein dar­aus, dass ein Rohr „ver­wen­dungs­spe­zi­fisch abge­längt” wur­de, d.h. eine bestimm­te Län­ge hat, folgt weder eine Ver­ar­bei­tung zu noch eine Ähn­lich­keit mit einer ande­ren Ware. Jedes Rohr hat eine bestimm­te Län­ge; die­se ori­en­tiert sich regel­mä­ßig am Ver­wen­dungs­zweck. Im Streit­fall kommt hin­zu, dass die Waren unter­schied­li­che Län­gen haben und nicht ein­mal von der Klä­ge­rin das Vor­lie­gen „einer” „dehn­hül­sen­spe­zi­fi­schen” Län­ge behaup­tet wird. Auch aus der Ver­wen­dung eines für den „Wind­an­la­gen­bau” geeig­ne­ten Mate­ri­als und ent­spre­chen­der Her­stel­lungs­pro­zes­se folgt nicht, dass die Waren den Unter­leg­schei­ben ähn­lich sind, denn für den „Wind­an­la­gen­bau” wer­den die unter­schied­lichs­ten Waren benö­tigt.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 8. Novem­ber 2016 — VII R 915

  1. vgl. etwa BGH, Urteil vom 07.07.2015 — VII R 6513, BFH/​NV 2015, 1605; EuGH, Urtei­le Vario Tek vom 05.03.2015 C178/​14, EU:C:2015:152; Mether­ma vom 27.11.2008 C403/​07, EU:C:2008:657, ZfZ 2009, 15, 16 []
  2. z.B. BGH-Ent­schei­dun­gen vom 18.07.2016 — VII B 9815; vom 24.10.2002 — VII B 1702, BFH/​NV 2003, 216; vom 14.11.2000 — VII R 8399, BFH/​NV 2001, 499, ZfZ 2001, 128; vom 05.10.1999 — VII R 4298, BFHE 190, 501, ZfZ 2000, 56 []
  3. vgl. EuGH, Urtei­le Kawa­sa­ki Motors Euro­pe vom 22.09.2016 C91/​15, EU:C:2016:716, ZfZ 2016, 265; Oli­ver Medi­cal, EU:C:2015:139; HARK vom 12.12 2013 C450/​12, EU:C:2013:824, ZfZ 2014, 105; TNT Freight Manage­ment vom 12.07.2012 C291/​11, EU:C:2012:459, m.w.N.; Roeckl Sport­hand­schu­he vom 29.04.2010 C123/​09, EU:C:2010:237, ZfZ 2010, 190 []
  4. z.B. BGH, Beschluss vom 09.10.2008 — VII B 3108, BFH/​NV 2009, 236 []
  5. vgl. z.B. EuGH, Urteil Ike­ga­mi vom 17.03.2005 C467/​03, EU:C:2005:182, ZfZ 2005, 161; BGH, Beschluss vom 21.10.2015 — VII B 14514; BGH, Urteil vom 09.10.2001 — VII R 6900, BFH/​NV 2002, 560, ZfZ 2002, 46 []
  6. EuGH, EU:C:2015:139, Rz 51 ff. []
  7. vgl. etwa die ErlHS zu Pos. 9018 Rz 19.0 []
  8. FG Ham­burg, Urteil vom 18.07.2014 — 4 K 18312 []
  9. ErlHS zu Pos. 7318 Rz 27.0 []