Der Inhalt des verlorengegangenen Transportcontainers

Der Grund­satz, dass anhand von Lie­fer­schei­nen oder Han­dels­rech­nun­gen im Rah­men frei­er rich­ter­li­cher Beweis­wür­di­gung gemäß § 286 Abs. 1 ZPO der Inhalt eines ver­lo­ren­ge­gan­ge­nen Pakets nach­ge­wie­sen wer­den kann, ist bei einem Streit über den Inhalt eines ent­wen­de­ten, vom Ver­sen­der selbst bela­de­nen und ver­schlos­se­nen Trans­port­con­tai­ners nicht ohne wei­te­res anwend­bar.

Der Inhalt des verlorengegangenen Transportcontainers

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall macht die Klä­ge­rin gegen die Beklag­te wegen des Ver­lusts von Trans­port­gut (Fern­seh­ge­rä­te) einen Scha­dens­er­satz­an­spruch gemäß Art. 17 Abs. 1, Art. 29 Abs. 1 CMR in Ver­bin­dung mit § 435 HGB gel­tend. Sie muss daher sub­stan­ti­iert dar­le­gen und, da die Beklag­te die Sach­dar­stel­lung der Klä­ge­rin inso­weit bestrit­ten hat, auch bewei­sen, dass das Gut wäh­rend der Obhuts­zeit der Beklag­ten abhan­den­ge­kom­men und wie hoch der ein­ge­tre­te­ne Scha­den ist1. Dies umfasst neben dem Beweis der Über­nah­me von Gütern als sol­chen auch den Nach­weis ihrer Iden­ti­tät, ihrer Art, ihrer Men­ge und ihres Zustands2. Die Fra­ge, ob der Scha­dens­er­satz ver­lan­gen­de Klä­ger den ihm oblie­gen­den Beweis geführt hat, ist grund­sätz­lich nach den all­ge­mei­nen Regeln des Zivil­pro­zess­rechts, ins­be­son­de­re nach § 286 ZPO, zu beur­tei­len3. Die Bil­dung der rich­ter­li­chen Über­zeu­gung davon, dass sich in dem ent­wen­de­ten Con­tai­ner bei Über­nah­me durch die Beklag­te Fern­seh­ge­rä­te in der von der Klä­ge­rin behaup­te­ten Anzahl befan­den, setzt einen Grad an Gewiss­heit vor­aus, der Zwei­feln Schwei­gen gebie­tet4.

Die Klä­ge­rin kann sich im Streit­fall nicht auf die Grund­sät­ze des Anscheins­be­wei­ses stüt­zen. Soweit die Gegen­an­sicht sich auf die frü­he­re BGH-Recht­spre­chung beruft, läßt sie unbe­rück­sich­tigt, dass der Bun­des­ge­richts­hof von sei­ner frü­her ver­tre­te­nen Auf­fas­sung mitt­ler­wei­le abge­rückt ist. Nach die­ser nicht mehr aktu­el­len Recht­spre­chung konn­te der Anscheins­be­weis in Fall­ge­stal­tun­gen ange­wen­det wer­den, in denen das zu beför­dern­de Gut dem Fracht­füh­rer in einem ver­schlos­se­nen Behält­nis (Kar­ton) über­ge­ben wor­den und in des­sen Obhut ver­lo­ren­ge­gan­gen war5. Nach der neue­ren BGH-Recht­spre­chung unter­liegt die Wür­di­gung der Umstän­de, die für Umfang und Wert einer ver­lo­ren­ge­gan­ge­nen Sen­dung spre­chen, stets der frei­en rich­ter­li­chen Beweis­wür­di­gung gemäß § 286 ZPO6. Der Tatrich­ter hat sich die Über­zeu­gung von der Rich­tig­keit des behaup­te­ten Umfangs einer Sen­dung daher anhand der gesam­ten Umstän­de des Ein­zel­falls, ins­be­son­de­re auf­grund von vor­ge­leg­ten Lie­fer­schei­nen und dazu kor­re­spon­die­ren­den Rech­nun­gen, zu bil­den. Dafür ist es grund­sätz­lich nicht erfor­der­lich, dass sowohl Lie­fer­schei­ne als auch kor­re­spon­die­ren­de Rech­nun­gen zum Nach­weis des Sen­dungs­um­fangs vor­ge­legt wer­den. Der Tatrich­ter kann sich die Über­zeu­gung von der Rich­tig­keit des behaup­te­ten Inhalts einer Sen­dung auch dann bil­den, wenn nur eines der bei­den Doku­men­te vor­ge­legt wird und der beklag­te Fracht­füh­rer dage­gen kei­ne sub­stan­ti­ier­ten Ein­wän­de erhebt7.

Dem ange­foch­te­nen Urteil kann nicht ent­nom­men wer­den, dass das Beru­fungs­ge­richt auch auf der Grund­la­ge des § 286 ZPO davon über­zeugt gewe­sen wäre, dass der ent­wen­de­te Trans­port­con­tai­ner den von der Klä­ge­rin behaup­te­ten Inhalt hat­te. Die von der Klä­ge­rin vor­ge­leg­ten Unter­la­gen (CMR-Fracht­brief, Han­dels­rech­nung, Lie­fer­schein und Fahr­zeug­check­lis­te) recht­fer­ti­gen eine sol­che Annah­me nicht ohne wei­te­res. Für vom Anspruch­stel­ler behaup­te­te Paket­in­hal­te hat der Bun­des­ge­richts­hof zwar ent­schie­den, dass sich der Tatrich­ter die Über­zeu­gung von der Rich­tig­keit anhand eines Lie­fer­scheins oder einer dazu kor­re­spon­die­ren­den Rech­nung bil­den kann, wenn der beklag­te Fracht­füh­rer dage­gen kei­ne sub­stan­ti­ier­ten Ein­wän­de vor­bringt. Der Tatrich­ter muss aber prü­fen, ob die zum Nach­weis eines behaup­te­ten Scha­dens vor­ge­leg­ten Doku­men­te in sich schlüs­sig und geeig­net sind, den Vor­trag des Anspruch­stel­lers zum ent­stan­de­nen Scha­den zu bele­gen8.

Im vor­lie­gen­den Fall hat das Beru­fungs­ge­richt in der Vor­in­stanz ledig­lich geprüft, ob die vor­ge­leg­ten Unter­la­gen im Streit­fall die Anwen­dung eines Anscheins­be­wei­ses zuguns­ten der Klä­ge­rin recht­fer­ti­gen. Es hat dies bejaht, weil im CMR-Fracht­brief, im Lie­fer­schein vom 21.06.2007, in der Han­dels­rech­nung vom 22.06.2007 und in der Fahr­zeug­check­lis­te an ver­schie­de­nen Stel­len jeweils über­ein­stim­mend die Con­tai­ner­num­mer, die Anzahl der im Con­tai­ner befind­li­chen Pack­stü­cke und der Ver­kaufs­preis ange­ge­ben sei­en. Es hat zudem dar­auf abge­stellt, dass die Ver­trags­par­tei­en „des Trans­port­ver­trags” (gemeint ist ersicht­lich: des Kauf­ver­trags) jeweils Kauf­leu­te sei­en und des­halb davon aus­zu­ge­hen sei, dass die Ver­käu­fe­rin die in den vor­ge­leg­ten Urkun­den bezeich­ne­ten Waren auch tat­säch­lich zum Ver­sand gebracht habe. Die­sen Aus­füh­run­gen kann nicht mit der gebo­te­nen Deut­lich­keit ent­nom­men wer­den, dass das Beru­fungs­ge­richt im Rah­men von § 286 Abs. 1 ZPO geprüft hat, ob die vor­ge­leg­ten Doku­men­te geeig­net sind, den Vor­trag der Klä­ge­rin zum ent­stan­de­nen Scha­den zu bele­gen.

Das Beru­fungs­ge­richt hat dar­über hin­aus nicht beach­tet, dass die zum Inhalt von ver­lo­ren­ge­gan­ge­nen Pake­ten auf­ge­stell­ten Grund­sät­ze auf die im Streit­fall zu beur­tei­len­de Fall­ge­stal­tung nicht ohne wei­te­res über­trag­bar sind. Es hat zuguns­ten der Beklag­ten unter­stellt, dass sie einen bereits vor­ge­la­de­nen und anschlie­ßend ver­schlos­se­nen und ver­plomb­ten Con­tai­ner zum Trans­port über­nom­men hat. Mit sei­ner Unter­schrift auf dem CMR-Fracht­brief konn­te der den Trans­port­con­tai­ner über­neh­men­de Lkw­Fah­rer mit­hin nur bestä­ti­gen, bei der tür­ki­schen Absen­de­rin einen Con­tai­ner mit der Num­mer PSSU9823464 über­nom­men zu haben9. Die Revi­si­on weist mit Recht dar­auf hin, dass das Ver­pa­cken von Waren in Kar­tons nicht gleich­ge­setzt wer­den kann mit dem Bela­den eines Lkw, einer Wech­sel­brü­cke oder eines Con­tai­ners. Bei einem Con­tai­ner han­delt es sich nicht um ein vom kauf­män­ni­schen Absen­der zum Ver­sand gebrach­tes ver­schlos­se­nes Behält­nis (Kar­ton)10, son­dern um ein Trans­port­mit­tel. Bei der Ver­sen­dung von Pake­ten ist eine in Täu­schungs­ab­sicht vor­ge­nom­me­ne Fehl­be­stü­ckung durch den Ver­käu­fer oder sei­ne Bediens­te­ten im All­ge­mei­nen eher unwahr­schein­lich, weil nicht vor­aus­ge­se­hen wer­den kann, ob gera­de das­je­ni­ge Paket ver­lo­ren­geht, das nur unzu­rei­chend bestückt wur­de. Bei einem vom Ver­sen­der selbst vor­ge­la­de­nen und ver­plomb­ten Trans­port­con­tai­ner, des­sen Inhalt vom Fracht­füh­rer bei der Über­nah­me nicht über­prüft wer­den kann, besteht dage­gen die Mög­lich­keit, gera­de die­sen Con­tai­ner gezielt ent­wen­den zu las­sen. Der Anreiz für eine Fehl­be­la­dung eines vom Ver­sen­der selbst ver­schlos­se­nen und ver­plomb­ten Trans­port­con­tai­ners ist daher deut­lich grö­ßer als bei einem Paket.

Das Beru­fungs­ge­richt wird daher im wie­der­eröff­ne­ten Beru­fungs­ver­fah­ren gege­be­nen­falls nach Ver­neh­mung wei­te­rer Zeu­gen klä­ren müs­sen, ob nach die­sen Grund­sät­zen zur Über­zeu­gung des Gerichts fest­ge­stellt wer­den kann, dass der ent­wen­de­te Trans­port­con­tai­ner den von der Klä­ge­rin behaup­te­ten Inhalt hat­te. Dabei wird das Beru­fungs­ge­richt auch den Vor­trag zu berück­sich­ti­gen haben, in drei Fäl­len hät­ten von der­sel­ben Absen­de­rin bela­de­ne und ver­plomb­te Con­tai­ner bei der Ankunft am Abla­de­ort weni­ger Fracht­stü­cke ent­hal­ten als in den dazu­ge­hö­ri­gen Fracht­pa­pie­ren aus­ge­wie­sen gewe­sen sei­en.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 13. Sep­tem­ber 2012 — I ZR 1411

  1. st. Rspr.; BGH, Urteil vom 16.11.1995 — I ZR 24593, TranspR 1996, 72, 74 = VersR 1996, 913 zu § 407 HGB aF; Urteil vom 26.04.2007 — I ZR 3105, TranspR 2007, 418 Rn. 13 mwN zu Art. 17 CMR; Kol­ler, Trans­port­recht, 7. Aufl., Art. 17 CMR Rn. 12; Münch­Komm-HGB/Jes­s­er­Huß, 2. Aufl., Art. 18 CMR Rn. 5
  2. BGH, TranspR 2007, 418 Rn. 13; Kol­ler aaO Art. 17 CMR Rn. 12
  3. BGH, TranspR 2007, 418 Rn. 13; Helm, Fracht­recht II, CMR, Art. 17 Rn. 46
  4. vgl. BGH, Urteil vom 04.11.2003 — VI ZR 2803, NJW 2004, 777, 778 = VersR 2004, 118; BGH, TranspR 2007, 418 Rn. 13
  5. vgl. nur BGH, Urteil vom 24.10.2002 — I ZR 10400, TranspR 2003, 156, 159; Urteil vom 20.07.2006 I ZR 905, TranspR 2006, 394, 395 = VersR 2007, 564
  6. BGH, TranspR 2007, 418 Rn. 13; BGH, Urteil vom 02.04.2009 I ZR 6006, TranspR 2009, 262 Rn. 24; Urteil vom 29.10.2009 I ZR 19107, TranspR 2010, 200 Rn. 31
  7. BGH, Urteil vom 20.09.2007 — I ZR 4405, TranspR 2008, 163 Rn. 34 f.; Ver­säum­nis­ur­teil vom 22.10.2009 — I ZR 11907, TranspR 2010, 73 Rn.20; BGH, TranspR 2010, 200 Rn. 31
  8. BGH, TranspR 2010, 73 Rn.20
  9. vgl. BGH, TranspR 2003, 156, 158
  10. so BGH, TranspR 2003, 156, 159