Die Aus­schluss­frist des Vor­steu­er­ver­gü­tungs­ver­fah­ren – und die nicht vor­ge­leg­ten Rechnungen

Durch die Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs ist bereits geklärt, dass der Ver­gü­tungs­an­trag dem amt­li­chen Mus­ter ent­spre­chen muss und die Antrags­frist nur durch einen voll­stän­di­gen, dem amt­li­chen Mus­ter in allen Ein­zel­hei­ten ent­spre­chen­den Antrag gewahrt wird [1].

Die Aus­schluss­frist des Vor­steu­er­ver­gü­tungs­ver­fah­ren – und die nicht vor­ge­leg­ten Rechnungen

Hier­zu bedarf es auch kei­ner Ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on. Denn die Anfor­de­run­gen an den Ver­gü­tungs­an­trag erga­ben sich für den Ver­gü­tungs­zeit­raum zwei­fels­frei aus dem damals gel­ten­den Art. 3 Buchst. a der Ach­ten Richt­li­nie 79/​1072/​EWG des Rates vom 06.12 1979 zur Har­mo­ni­sie­rung der Rechts­vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten über die Umsatz­steu­ern – Ver­fah­ren zur Erstat­tung der Mehr­wert­steu­er an nicht im Inland ansäs­si­ge Steu­er­pflich­ti­ge ‑Richt­li­nie 79/1072/EWG- [2]. Danach hat­te der Steu­er­pflich­ti­ge den Ver­gü­tungs­an­trag nach dem in Anhang A der Richt­li­nie 79/​1072/​EWG auf­ge­führ­ten Mus­ter zu stel­len, wel­ches unter Ziff. 9 a bestimm­te Anga­ben sowie unter Ziff. 9 b ein Ankreu­zen erfor­der­te; wel­cher Art die Anga­ben unter Ziff. 9 a sein müs­sen, wur­de in Anhang C Buchst. F der Richt­li­nie 79/​1072/​EWG anhand von Bei­spie­len erläutert.

Durch die Recht­spre­chung des Uni­ons­ge­richts­hofs [3] ist bereits geklärt, dass die Antrags­frist des Art. 7 Abs. 1 Satz 4 der Richt­li­nie 79/​1072/​EWG eine Aus­schluss­frist ist.

Soweit ver­tre­ten wird, etwas ande­res könn­te sich aus dem Urteil „Daim­ler Widex“ des Uni­ons­ge­richts­hofs [4] erge­ben, da der EuGH „Fra­gen zur Vor­steu­er­erstat­tung in der Sache geklärt [habe], obwohl die Anträ­ge auf Vor­steu­er­erstat­tung für 2008 der schwe­di­schen Steu­er­be­hör­de ‚vor dem 1.01.2010’ ein­ge­reicht wur­den“, war damit kei­ne Aus­sa­ge des EuGH zur Antrags­frist des Art. 7 Abs. 1 Satz 4 der Richt­li­nie 79/​1072/​EWG ver­bun­den. Die Fest­stel­lung, dass dort Anträ­ge teils vor dem 1.01.2010, teils nach dem 31.12 2009 ein­ge­reicht wur­den, war inso­weit von Bedeu­tung, als nach Art. 28 Abs. 2 der Richt­li­nie 2008/​9/​EG des Rates vom 12.02.2008 zur Rege­lung der Erstat­tung der Mehr­wert­steu­er gemäß der Richt­li­nie 2006/​112/​EG an nicht im Mit­glied­staat der Erstat­tung, son­dern in einem ande­ren Mit­glied­staat ansäs­si­ge Steu­er­pflich­ti­ge die Richt­li­nie 79/​1072/​EWG wei­ter­hin für Erstat­tungs­an­trä­ge gilt, die vor dem 1.01.2010 gestellt wor­den sind.

Das Urteil „Socié­té géné­ra­le des gran­des sources d’eaux miné­ra­les fran­çai­ses“ des Uni­ons­ge­richts­hofs [5], wonach Art. 3 Buchst. a der Richt­li­nie 79/​1072/​EWG nicht dahin aus­ge­legt wer­den kann, dass er einem Mit­glied­staat die Mög­lich­keit ver­wehrt ‑unter wei­te­ren Vor­aus­set­zun­gen- einen Erstat­tungs­an­trag „in außer­ge­wöhn­li­chen Fäl­len“ zuzu­las­sen, in denen das Abhan­den­kom­men der Rech­nung oder des Ein­fuhr­do­ku­ments vom Steu­er­pflich­ti­gen nicht zu ver­tre­ten ist, trifft kei­ne Aus­sa­ge zu einem Fall, in dem die Antrag­stel­le­rin ledig­lich ihrer Oblie­gen­heit, dem Ver­gü­tungs­an­trag die Ori­gi­nal­rech­nun­gen bei­zu­fü­gen [6], nicht inner­halb der Aus­schluss­frist nach­ge­kom­men ist.

Im Übri­gen hat der Uni­ons­ge­richts­hof mit dem Urteil „Elsa­com“ [7] betont, dass die Mög­lich­keit, einen Antrag auf Erstat­tung des Mehr­wert­steu­er­über­schus­ses ohne jede zeit­li­che Beschrän­kung zu stel­len, dem Grund­satz der Rechts­si­cher­heit zuwi­der­lie­fe, der ver­langt, dass die steu­er­li­che Lage des Steu­er­pflich­ti­gen in Anbe­tracht sei­ner Rech­te und Pflich­ten gegen­über der Steu­er­ver­wal­tung nicht unbe­grenzt offen­blei­ben kann; die Fest­le­gung einer blo­ßen Ord­nungs­frist für die Stel­lung eines Antrags auf Mehr­wert­steu­er­erstat­tung gemäß Art. 2 i.V.m. Art. 3 der Richt­li­nie 79/​1072/​EWG lie­fe ent­we­der dem mit die­ser Richt­li­nie ver­folg­ten Ziel der Har­mo­ni­sie­rung oder gege­be­nen­falls der EuGH-Recht­spre­chung [8] zuwider.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 9. Janu­ar 2014 – XI B 11/​13

  1. vgl. BFH, Urtei­le vom 13.04.1972 – V R 16/​69, BFHE 105, 416, BStBl II 1972, 725; vom 21.10.1999 – V R 76/​98, BFHE 190, 239, BStBl II 2000, 214; BFH, Beschlüs­se vom 24.07.2012 – V B 76/​11, BFH/​NV 2012, 1840; vom 14.12 2012 – V B 19/​12, BFH/​NV 2013, 602; vom 19.12 2012 – XI B 111/​11, BFH/​NV 2013, 785[]
  2. vgl. hier­zu BFH, Beschluss in BFH/​NV 2013, 785[]
  3. EuGH, Urteil vom 21.06.2012 – C‑294/​11 ‑Elsacom‑, BFH/​NV 2012, 1404, UR 2012, 649, Rz 24[]
  4. EuGH, Urteil vom 25.10.2012 – C‑318, 319/​11 ‑Daim­ler, Widex‑, UR 2012, 932, HFR 2012, 1306[]
  5. EuGH, Urteil vom 11.06.1998 – C‑361/​96 ‑Socié­té géné­ra­le des gran­des sources d’eaux miné­ra­les françaises‑, Slg. 1998, I‑3495, UR 1998, 309, HFR 1998, 699[]
  6. vgl. BFH, Urteil vom 18.01.2007 – V R 23/​05, BFHE 217, 32, BStBl II 2007, 430; BFH, Beschluss in BFH/​NV 2012, 1840[]
  7. EuGH, Urteil „Elsa­com“ in BFH/​NV 2012, 1404, UR 2012, 649, Rz 29, 30[]
  8. Urtei­le vom 08.05.2008 – C‑95, 96/​07 ‑Ecotrade‑, Slg. 2008, I‑3457, UR 2008, 512, HFR 2008, 879; vom 21.01.2010 – C‑472/​08 ‑Als­tom Power Hydro‑, Slg. 2010, I‑623, UR 2010, 182[]