Die EuGVVO und Gerichtsstandsvereinbarungen in der Lieferkette

Im Rah­men einer Ket­te von Ver­trä­gen, die zwi­schen in ver­schie­de­nen EU-Mit­glied­staa­ten ansäs­si­gen Par­tei­en geschlos­se­nen wur­den, kann eine Gerichts­stands­ver­ein­ba­rung, die in dem zwi­schen dem Her­stel­ler und dem Erwer­ber eines Gegen­stands geschlos­se­nen Ver­trag ent­hal­ten ist, dem spä­te­ren Erwer­ber nicht ent­ge­gen­ge­hal­ten wer­den, es sei denn, die­ser hat der Klau­sel zuge­stimmt.

Die EuGVVO und Gerichtsstandsvereinbarungen in der Lieferkette

Die EuGV­VO, die Ver­ord­nung Nr. 4420011 über die gericht­li­che Zustän­dig­keit und die Aner­ken­nung und Voll­stre­ckung von Ent­schei­dun­gen in Zivil- und Han­dels­sa­chen1, die das Brüs­se­ler Über­ein­kom­men von 1968 über die gericht­li­che Zustän­dig­keit und die Voll­stre­ckung gericht­li­cher Ent­schei­dun­gen in Zivil- und Han­dels­sa­chen2 ersetz­te, regelt die Zustän­dig­keit der Gerich­te in Zivil- und Han­dels­sa­chen, wobei danach grund­sätz­lich die Gerich­te des Mit­glied­staats zustän­dig sind, in wel­chem der Beklag­te sei­nen Wohn­sitz hat. In bestimm­ten Fäl­len kann der Beklag­te jedoch auch vor den Gerich­ten eines ande­ren Mit­glied­staats ver­klagt wer­den. Dies gilt u. a. dann, wenn die Par­tei­en – von denen min­des­tens eine ihren Wohn­sitz in der Euro­päi­schen Uni­on haben muss – im Ver­trag eine Gerichts­stands­klau­sel ver­ein­bart haben, mit der sie das zustän­di­ge Gericht bestim­men.

Die Dou­mer SNC (im Fol­gen­den: Dou­mer) ließ an einem in Cour­be­vo­ie (Frank­reich) bele­ge­nen Immo­bi­li­en­kom­plex Reno­vie­rungs­ar­bei­ten durch­füh­ren; sie ist bei Axa Cor­po­ra­te ver­si­chert, die ihren Sitz in Frank­reich hat. Im Rah­men die­ser Arbei­ten wur­den Kühl­ag­gre­ga­te ein­ge­baut. Die­se waren mit Kom­pres­so­ren bestückt, die (1.) von der ita­lie­ni­schen Gesell­schaft Ref­comp her­ge­stellt, (2.) sei­tens Cli­ma­ve­n­e­ta, die ihren Sitz eben­falls in Ita­li­en hat, von Ref­comp erwor­ben und zusam­men­ge­setzt und (3.) schließ­lich von der Gesell­schaft Lie­bert, deren Rechts­nach­fol­ge­rin Emer­son ist, an Dou­mer ver­kauft wur­den. Emer­son ist bei Axa Fran­ce ver­si­chert; die­se bei­den Gesell­schaf­ten haben ihren Sitz in Frank­reich. Als an den Kli­ma­an­la­gen Stö­run­gen auf­tra­ten, wur­de anhand eines Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens fest­ge­stellt, dass die Stö­run­gen auf einen Fabri­ka­ti­ons­feh­ler der Kom­pres­so­ren zurück­zu­füh­ren waren.

Axa Cor­po­ra­te, auf die die Rech­te von Dou­mer, der sie den ent­stan­de­nen Scha­den ersetzt hat, über­ge­gan­gen sind, nahm den ita­lie­ni­schen Her­stel­ler Ref­comp, den Mon­teur Cli­ma­ve­n­e­ta und den Ver­käu­fer Emer­son vor dem Tri­bu­nal de gran­de instan­ce de Paris gesamt­schuld­ne­risch auf Ersatz des ent­stan­de­nen Scha­dens in Anspruch. Ref­comp bestritt die Zustän­dig­keit des fran­zö­si­schen Gerichts und berief sich auf eine in ihrem Ver­trag mit Cli­ma­ve­n­e­ta ent­hal­te­ne Gerichts­stands­ver­ein­ba­rung zuguns­ten der ita­lie­ni­schen Gerich­te. Ref­comp leg­te gegen die Zurück­wei­sung ihrer Ein­re­de der Unzu­läs­sig­keit durch das Tri­bu­nal de gran­de instan­ce Beru­fung und danach Revi­si­on ein.

Infol­ge­des­sen fragt die Cour de cas­sa­ti­on (Frank­reich) im Rah­men eines Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, ob eine Gerichts­stands­ver­ein­ba­rung, die in einem zwi­schen dem Her­stel­ler und dem ursprüng­li­chen Erwer­ber eines Gegen­stands geschlos­se­nen Ver­trag ent­hal­ten ist, der Teil einer Ket­te von Ver­trä­gen ist, die von in ver­schie­de­nen Mit­glied­staa­ten ansäs­si­gen Par­tei­en geschlos­sen wur­den, ihre Wir­kun­gen gegen­über dem spä­te­ren Erwer­ber ent­fal­tet, so dass er gegen den Her­stel­ler eine Haf­tungs­kla­ge erhe­ben kann.

In sei­nem jetzt ver­kün­de­ten Urteil stellt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on fest, dass die genann­te Ver­ord­nung nichts dar­über besagt, ob eine Gerichts­stands­ver­ein­ba­rung (Art. 23 EuGV­VO) über die Par­tei­en des ursprüng­li­chen Ver­trags hin­aus auf einen Drit­ten über­tra­gen wer­den kann, der Par­tei eines spä­te­ren Ver­trags und in die Rech­te und Pflich­ten einer der Par­tei­en des ursprüng­li­chen Ver­trags ein­ge­tre­ten ist.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on erin­nert dar­an, dass die Prü­fung, ob sich die Par­tei­en tat­säch­lich über die Gerichts­stands­ver­ein­ba­rung geei­nigt haben, Sache des mit dem Rechts­streit befass­ten natio­na­len Gerichts ist, weil eines der Zie­le der Ver­ord­nung gera­de dar­in besteht, die tat­säch­li­che Wil­lens­ei­ni­gung der Betei­lig­ten zu über­prü­fen. Der Gerichts­hof schließt dar­aus, dass die in einen Ver­trag auf­ge­nom­me­ne Gerichts­stands­ver­ein­ba­rung ihre Wir­kun­gen grund­sätz­lich nur im Ver­hält­nis zwi­schen den Par­tei­en ent­fal­ten kann, die dem Abschluss die­ses Ver­trags zuge­stimmt haben. Sie kann daher einem Drit­ten nur dann ent­ge­gen­ge­hal­ten wer­den, wenn die­ser tat­säch­lich sei­ne Zustim­mung erteilt hat.

Da der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on im Zusam­men­hang mit der Ver­ord­nung bereits ent­schie­den hat, dass der spä­te­re Erwer­ber und der Her­stel­ler nicht durch eine ver­trag­li­che Bezie­hung ver­bun­den sind3, kann nicht ange­nom­men wer­den, sie hät­ten im Sin­ne der Ver­ord­nung „ver­ein­bart“, dass das im ursprüng­li­chen Ver­trag vom Her­stel­ler und vom ers­ten Erwer­ber bezeich­ne­te Gericht zustän­dig sein sol­le.

Mit die­ser Aus­le­gung der Ver­ord­nung, die nicht auf die natio­na­len Rechts­ord­nun­gen ver­weist, wird ver­mie­den, dass sich in den ver­schie­de­nen Mit­glied­staa­ten von­ein­an­der abwei­chen­de Lösun­gen erge­ben, durch die das mit der Ver­ord­nung ver­folg­te Ziel einer Ver­ein­heit­li­chung der Vor­schrif­ten über die gericht­li­che Zustän­dig­keit beein­träch­tigt wür­de. Außer­dem wür­de eine sol­che Ver­wei­sung auf das natio­na­le Recht zu Unsi­cher­hei­ten füh­ren, was unver­ein­bar wäre mit dem Bestre­ben, die Vor­her­seh­bar­keit auf dem Gebiet der gericht­li­chen Zustän­dig­keit sicher­zu­stel­len, bei der es sich um eines der Zie­le der Ver­ord­nung han­delt.

Folg­lich ant­wor­tet der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on auf die Vor­la­ge­fra­ge, dass die EuGV­VO dahin aus­zu­le­gen ist, dass eine in dem Ver­trag zwi­schen dem Her­stel­ler eines Gegen­stands und dem ursprüng­li­chen Erwer­ber ent­hal­te­ne Gerichts­stands­ver­ein­ba­rung dem spä­te­ren Erwer­ber, der die­sen Gegen­stand am Ende einer Ket­te von das Eigen­tum über­tra­gen­den Ver­trä­gen, die zwi­schen in ver­schie­de­nen Mit­glied­staa­ten ansäs­si­gen Par­tei­en geschlos­sen wur­den, erwor­ben hat und eine Haf­tungs­kla­ge gegen den Her­stel­ler erhe­ben möch­te, nicht ent­ge­gen­ge­hal­ten wer­den kann, es sei denn, es steht fest, dass die­ser Drit­te der Klau­sel tat­säch­lich zuge­stimmt hat.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 7. Febru­ar 2013 — C‑543/​10 [Ref­comp SpA /​ Axa Cor­po­ra­te Solu­ti­ons Assuran­ce SA, Axa Fran­ce IARD, Emer­son Net­work und Cli­ma­ve­n­e­ta SpA]

  1. ABl.EU L 12 vom 16.01.2001
  2. ABl.EU L 299 vom 31.12.1972
  3. EuGH, Urteil vom 17.06.1992 — C‑26/​91 [Hand­te], Slg. 1992, I‑3967