Die verkaufte inländischen Betriebsstätte einer österreichischen Gesellschaft

Gehört der Gewinn aus der Ver­äu­ße­rung einer inlän­di­schen Betriebs­stät­te von einer öster­rei­chi­schen Kapi­tal­ge­sell­schaft zum Gewer­be­er­trag? Nach Ansicht des Finanz­ge­richts Baden-Würt­tem­berg ja:

Die verkaufte inländischen Betriebsstätte einer österreichischen Gesellschaft

Nach § 2 Abs. 1 GewStG — unter­liegt der Gewer­be­steu­er jeder ste­hen­de Gewer­be­be­trieb, soweit er im Inland betrie­ben wird. Unter Gewer­be­be­trieb ist ein gewerb­li­ches Unter­neh­men im Sin­ne des Ein­kom­men­steu­er­ge­set­zes zu ver­ste­hen. Im Inland betrie­ben wird ein Gewer­be­be­trieb unter ande­rem, soweit für ihn im Inland eine Betriebs­stät­te unter­hal­ten wird. Gem. § 2 Abs. 2 GewStG gilt die Tätig­keit der Kapi­tal­ge­sell­schaf­ten stets und in vol­lem Umfang als Gewer­be­be­trieb. Dar­aus folgt, dass die Tätig­keit einer Kapi­tal­ge­sell­schaft vom Beginn bis zur Been­di­gung und Abwick­lung als der Gewer­be­steu­er unter­lie­gen­der Gewer­be­be­trieb gilt.

Es ent­spricht gefes­tig­ter höchst­rich­ter­li­cher Recht­spre­chung, der sich auch das Finanz­ge­richt Baden-Würt­tem­berg anschließt, dass bei Kapi­tal­ge­sell­schaf­ten auch der Gewinn aus der Ver­äu­ße­rung oder Auf­ga­be eines Betriebs, eines Teil­be­triebs oder einer betrieb­li­chen Betei­li­gung zum Gewer­be­er­trag (vgl. § 7 GewStG) gehört1.

Die­ser Recht­spre­chung haben sich die Finanz­ge­rich­te2, die Ver­wal­tungs­pra­xis3 sowie ganz über­wie­gend das Schrift­tum ange­schlos­sen4. Hier­von ist trotz ver­ein­zel­ter Kri­tik im Schrift­tum5 nicht abzu­wei­chen. Viel­mehr ist an der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung fest­zu­hal­ten6. Dafür spricht nicht neben dem Gesichts­punkt der Rechts­si­cher­heit auch die Geset­zes­la­ge:

Die Gewer­be­steu­er­pflicht knüpft bei Kapi­tal­ge­sell­schaf­ten allein an die Rechts­form an; die Tätig­keit einer sol­chen Gesell­schaft gilt stets und in vol­lem Umfang als Gewer­be­be­trieb (§ 2 Abs. 2 Satz 1 GewStG). Des­halb gehö­ren alle Gewin­ne von Kapi­tal­ge­sell­schaf­ten, auch Gewin­ne aus der Ver­äu­ße­rung und der Auf­ga­be eines Betriebs, eines Teil­be­triebs oder einer betrieb­li­chen Betei­li­gung, zum Gewer­be­er­trag. Bei einer Kapi­tal­ge­sell­schaft berüh­ren alle Ein­nah­men den steu­er­pflich­ti­gen Gewer­be­er­trag7. § 2 Abs. 2 GewStG gilt auch für aus­län­di­sche Gesell­schaf­ten mit beschränk­ter Haf­tung (Gewer­be­steu­er­pflicht kraft Rechts­form), wenn sie — wie im vor­lie­gen­den Streit­fall — auch im Inland eine Betriebs­stät­te unter­hal­ten, in ihrer Rechts­form einer inlän­di­schen GmbH in ihrer Art ent­spre­chen und im Inland rechts­fä­hig sind8.

Die­se Betriebs­stät­ten­ei­gen­schaft ist im Streit­fall unstrei­tig gege­ben. Gewer­be­steu­er­lich ist daher zu beach­ten, dass die inlän­di­sche Betriebs­stät­te von einer Kapi­tal­ge­sell­schaft gehal­ten wird. Somit gehört auch der Gewinn aus der Ver­äu­ße­rung der Betriebs­stät­te zum Gewer­be­er­trag. Unbe­acht­lich ist dabei, dass die öster­rei­chi­sche GmbH zwi­schen­zeit­lich in eine Per­so­nen­ge­sell­schaft in der Rechts­form einer KG umge­wan­delt wur­de.

Zwar erfor­dert der Geset­zes­wort­laut in § 2 Abs. 2 Satz 1 GewStG auch bei Kapi­tal­ge­sell­schaf­ten aus­drück­lich eine „Tätig­keit” für die dar­aus abzu­lei­ten­de Qua­li­fi­ka­ti­ons­fik­ti­on als Gewer­be­be­trieb. Aus die­ser Fik­ti­on folgt zugleich, dass eine Kapi­tal­ge­sell­schaft „stets und in vol­lem Umfang” allein gewerb­li­che Tätig­kei­ten aus­übt und dass ande­re, dane­ben ste­hen­de Vor­gän­ge aus Sicht des Gewer­be­steu­er­ge­set­zes nicht exis­tie­ren. Sämt­li­che von der Kapi­tal­ge­sell­schaft ent­fal­te­ten Akti­vi­tä­ten fal­len sonach unter­schieds­los in den Bereich gewerb­li­cher Betä­ti­gung, gleich­viel, ob es sich um „wer­ben­de” Tätig­kei­ten oder um Tätig­kei­ten im Zusam­men­hang mit der Betriebs­ver­äu­ße­rung oder ‑been­di­gung han­delt. Die kon­kre­te Tätig­keit der Gesell­schaft ist in jedem Fall unbe­acht­lich, eben­so wie die Nach­hal­tig­keit die­ser Tätig­keit oder das Vor­lie­gen einer Gewinn­erzie­lungs­ab­sicht. Nicht zuletzt des­we­gen hat der BFH sich gera­de in § 2 Abs. 2 Satz 1 GewStG dar­in bestä­tigt gese­hen, dass Kapi­tal­ge­sell­schaf­ten aus steu­er­li­cher Sicht über kei­ne außer­be­trieb­li­che Sphä­re ver­fü­gen9.

Eine unge­recht­fer­tig­te Ungleich­be­hand­lung von Kapi­tal­ge­sell­schaf­ten im Ver­hält­nis zu Gewer­be­be­trie­ben ande­rer Rechts­for­men, bei denen Ver­äu­ße­rungs- und Auf­ga­be­ge­win­ne nach stän­di­ger Recht­spre­chung grund­sätz­lich nicht gewer­be­steu­er­pflich­tig sind, liegt dar­in nicht. Kapi­tal­ge­sell­schaf­ten einer­seits sowie natür­li­che Per­so­nen und Per­so­nen­ge­sell­schaf­ten ande­rer­seits unter­schei­den sich grund­le­gend von­ein­an­der10. Im Übri­gen lie­ße sich — was hier nicht wei­ter ver­tieft wer­den muss — ohne­hin fra­gen, ob Ver­äu­ße­rungs- und Abwick­lungs­vor­gän­ge nicht all­ge­mein, also bei Gewer­be­be­trie­ben aller Rechts­for­men, der Gewer­be­steu­er unter­fal­len11.

Finanz­ge­richt Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 9. Juli 2010 — 10 K 328609

  1. vgl. RFH, Urtei­le vom 05.03.1940 — I 40/​40, RStBl 1940, 476; und vom 13.01.1942 — I 26141, RStBl 1942, 274; BFH, Urtei­le vom 18.11.1970 — I R 11669, BFHE 101, 112, BStBl II 1971, 182; vom 28.02.1990 — I R 9286, BFHE 160, 262, BStBl II 1990, 699; vom 05.09.2001 — I R 2701, BStBl II 2002, 155; BFH, Beschluss vom 20.09.1995 — I B 19794, BFH/​NV 1996, 366, 368 []
  2. vgl. FG Mün­chen, Urtei­le vom 08.04.1999 — 7 K 89097, EFG 1999, 723; und vom 07.09.2000 — 7 K 508098, EFG 2000, 1405; FG Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 24.08.2000 — 3 K 26498, EFG 2000, 1405 []
  3. vgl. Abschnitt 41 Abs. 2 Gew­StR 1990, Abschnitt 40 Abs. 2 Gew­StR 1998 []
  4. vgl. v. Twi­ckel in Blü­mich, Ein­kom­men­steu­er­ge­setz, Kör­per­schaft­steu­er­ge­setz, Gewer­be­steu­er­ge­setz, 16. Aufl., § 7 GewStG Rz. 142, 151 ff. []
  5. vgl. Roser/​Tesch, FR 1998, 183 []
  6. vgl. BFH, Urteil vom 05.09.2001 — I R 2701, BStBl II 2002, 155 []
  7. vgl. Roser in: Lenski/​Steinberg, Kom­men­tar zum GewStG, § 7 Anm. 334, 335, Stand: Juli 2009 []
  8. vgl. auch Hin­weis 2.1 Abs. 4 „Gewer­be­steu­er­pflicht aus­län­di­scher Kapi­tal­ge­sell­schaf­ten“ GewStH 2009 []
  9. vgl. BFH, Urtei­le vom 04.12.1996 — I R 5495, BFHE 182, 123; vom 08.07.1998 — I R 12397, BFHE 186, 540; vom 05.09.2001 — I R 2701, BStBl II 2002, 155 []
  10. vgl. BFH, Urtei­le vom 20.10.1976 — I R 14874, BFHE 120, 265, BStBl II 1977, 10; vom 08.06.1977 — I R 4075, BFHE 122, 318, BStBl II 1977, 668; vom 28.07.1982 — I R 19679, BFHE 136, 547, BStBl II 1983, 77; vom 27.03.1996 — I R 8995, BFHE 181, 499, BStBl II 1997, 224; sie­he auch BVerfG, Beschlüs­se vom 21.03.1977 — 1 BvR 177, HFR 1977, 264; und 1 BvR 277, HFR 1977, 265 []
  11. vgl. BFH, Urtei­le vom 25.05.1962 — I 7861 S, BFHE 75, 467, BStBl III 1962, 438; vom 26.04.2001 — IV R 7599, BFH/​NV 2001, 1195, DStR 2001, 1212; vom 05.09.2001 — I R 2701, BStBl II 2002, 155 []