Dual Use: die zu Unrecht versagte Ausfuhrgenehmigung — und die Strafbarkeit

Für die Straf­bar­keit nach § 18 Abs. 5 Satz 1 Nr. 1 AWG nF bzw. § 34 Abs. 2 Nr. 3 AWG aF kommt es auf­grund der Ver­wal­tungs­ak­zess­orie­tät die­ser Vor­schrif­ten auf die mate­ri­el­le Recht­mä­ßig­keit der jewei­li­gen Ver­wal­tungs­ak­te des BAFA nicht an.

Dual Use: die zu Unrecht versagte Ausfuhrgenehmigung — und die Strafbarkeit

Die behaup­te­te tat­säch­li­che Geneh­mi­gungs­fä­hig­keit der ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­chen Aus­fuh­ren kann ledig­lich im Rah­men der Straf­zu­mes­sung Bedeu­tung erlan­gen.

Vor­aus­set­zung ist, dass die Beschei­de des BAFA den Anfor­de­run­gen genü­gen, die an die Unter­rich­tung des Aus­füh­rers nach Art. 4 Abs. 1 Dual-Use-VO zu stel­len sind. Als belas­ten­de Ver­wal­tungs­ak­te müs­sen sie hin­rei­chend kon­kret sein, ins­be­son­de­re die Umstän­de der Aus­fuhr — Güter, Emp­fän­ger, poten­ti­el­ler Ver­wen­dungs­zweck — bezeich­nen, bezüg­lich derer die Geneh­mi­gungs­pflicht kon­sti­tu­iert wer­den soll1.

Dabei folgt bereits aus dem Wesen der Unter­rich­tung, dass die­se nicht auf einen Ein­zel­fall im Sin­ne eines kon­kre­ten Export­ge­schäf­tes beschränkt ist, son­dern sich auf eine bestimm­te, näher bezeich­ne­te Art von Geschäf­ten bezieht.

Die durch bewirk­te Aus­fuhr ohne die danach erfor­der­li­chen Geneh­mi­gun­gen erweist sich sowohl nach dem zur Tat­zeit gel­ten­dem Recht als auch nach der in Art. 1 des Geset­zes zur Moder­ni­sie­rung des Außen­wirt­schafts­rechts vom 06.06.20132 ent­hal­te­nen Neu­fas­sung des Außen­wirt­schafts­ge­set­zes, die am 1.09.2013 in Kraft trat, als straf­bar.

Zwi­schen den jeweils anzu­wen­den­den Vor­schrif­ten besteht — auch soweit es um die unter­schied­li­chen Dual-Use-Ver­ord­nun­gen als blan­kett­aus­fül­len­de Nor­men geht — Unrechts­kon­ti­nui­tät3, da sowohl das Schutz­gut als auch die inkri­mi­nier­te Angriffs­rich­tung unver­än­dert geblie­ben sind4.

Soweit nach frü­he­rem Recht — ent­ge­gen § 18 Abs. 5 Satz 1 Nr. 1 AWG nF, der die geneh­mi­gungs­lo­se Aus­fuhr an sich für straf­bar erklärt — erst die Eig­nung des Ver­sto­ßes zur erheb­li­chen Gefähr­dung der aus­wär­ti­gen Bezie­hun­gen der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land eine Ord­nungs­wid­rig­keit nach § 33 Abs. 4 Satz 1 AWG aF, § 70 Abs. 5a Satz 1, Nr. 2 AWV aF zu einer Straf­tat gemäß § 34 Abs. 2 Nr. 3 AWG aF hoch­stuf­te, hat das Land­ge­richt die­se Eig­nung und den dies­be­züg­li­chen Vor­satz der Ange­klag­ten bei Anwen­dung der zutref­fen­den recht­li­chen Maß­stä­be5 unter Bezug­nah­me auf eine Stel­lung­nah­me des Aus­wär­ti­gen Amtes sowie auf die sach­ver­stän­di­gen Zeu­gen­an­ga­ben eines dort täti­gen Beam­ten eben­falls rechts­feh­ler­frei fest­ge­stellt. Dass der gegen die P. bestehen­de Ver­dacht im Jahr 2012 einer Neu­be­wer­tung unter­zo­gen und die auf eine Ein­bin­dung in das ira­ni­sche Nukle­ar­pro­gramm hin­deu­ten­den Umstän­de als „nicht bestä­tig­te Hin­wei­se” bezeich­net wur­den, ändert dar­an nichts: Für die Fra­ge der Eig­nung der Tat zur erheb­li­chen Gefähr­dung der aus­wär­ti­gen Bezie­hun­gen der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ist auf die Zeit der Tat (§ 8 StGB) abzu­stel­len; spä­te­re Erkennt­nis­se bezüg­lich des Emp­fän­gers und der kon­kre­ten Ver­wen­dung der gelie­fer­ten Güter durch die­sen kön­nen nicht rück­wir­kend zu einer ande­ren Beur­tei­lung füh­ren.

Bei der Beja­hung der Qua­li­fi­ka­ti­ons­tat­be­stän­de des § 34 Abs. 6 Nr. 2 Alter­na­ti­ve 1 AWG aF bzw. des § 18 Abs. 7 Nr. 2 Alter­na­ti­ve 1 AWG nF steht der Annah­me von Gewerbs­mä­ßig­keit nicht ent­ge­gen, dass die von den Han­deln­den erstreb­ten Vor­tei­le ihnen nur mit­tel­bar in Form des Gehalts oder der Pro­vi­si­ons­zah­lun­gen zuflie­ßen soll­ten6. Da vor­lie­gend im Moment der ers­ten Aus­fuhr das BAFA schon mehr­fach Geneh­mi­gun­gen ver­wei­gert hat­te, ist auch das erfor­der­li­che Dau­er­ele­ment der Gewerbs­mä­ßig­keit belegt.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 10. März 2016 — 3 StR 34715

  1. vgl. Pietsch in Wolffgang/​Simonsen/​Rogmann, AWR-Kom­men­tar, 21. Erg.-Lfg., Art. 4 Dual-Use-VO Rn. 34 f. []
  2. BGBl. I, S. 1482 []
  3. vgl. hier­zu BGH, Beschluss vom 10.07.1975 — GSSt 175, BGHSt 26, 167, 172 ff. []
  4. vgl. S/​S‑Eser/​Hecker, StGB, 29. Aufl., § 2 Rn. 22 ff. mwN []
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 13.01.2009 — AK 2008, BGHSt 53, 128, 134 ff. []
  6. vgl. BGH, Urteil vom 01.07.1998 — 1 StR 24698, BGHR StGB § 261 Straf­zu­mes­sung 2 []
  7. Ver­ord­nung (EG) Nr. 13342000 []