Englische Restschuldbefreiung — und deutsches Sekundarinsolvenzverfahren

Eine in einem eng­li­schen Haupt­in­sol­venz­ver­fah­ren ein­ge­tre­te­ne Rest­schuld­be­frei­ung (dischar­ge) hin­dert einen Gläu­bi­ger nicht, sei­ne For­de­rung in einem vor Ein­tritt der Rest­schuld­be­frei­ung im Inland eröff­ne­ten und noch nicht abge­schlos­se­nen Sekun­där­insol­venz­ver­fah­ren anzu­mel­den und in die­sem Rah­men zu ver­fol­gen.

Englische Restschuldbefreiung — und deutsches Sekundarinsolvenzverfahren

Die Auf­nah­me des unter­bro­che­nen Zivil­pro­zes­ses ist gegen den Insol­venz­ver­wal­ter des deut­schen Sekun­där­insol­venz­ver­fah­rens zuläs­sig.

Die Vor­aus­set­zun­gen der Auf­nah­me des unter­bro­che­nen Zivil­pro­zes­ses gegen den Insol­venz­ver­wal­ter in dem Sekun­där­insol­venz­ver­fah­ren über das inlän­di­sche Ver­mö­gen des Insol­venz­schuld­ners rich­ten sich nach deut­schem Recht, wobei hier dahin­ste­hen kann, ob deut­sches Recht als Recht des Sekun­där­insol­venz­eröff­nungs­staa­tes oder als Recht des Staa­tes, in dem die ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­chen Eigen­tums­woh­nun­gen bele­gen sind, oder als Recht des Staa­tes, in dem der auf­zu­neh­men­de Rechts­streit anhän­gig ist, anwend­bar ist1.

Die im Streit­fall anwend­ba­re Euro­päi­sche Insol­venz­ver­ord­nung (EuIns­VO)2, sieht neben dem Haupt­in­sol­venz­ver­fah­ren auch Sekun­där­insol­venz­ver­fah­ren vor. Wird in einem ande­ren Mit­glied­staat als dem­je­ni­gen, in dem das Haupt­in­sol­venz­ver­fah­ren eröff­net wor­den ist, ein Sekun­där­insol­venz­ver­fah­ren (vgl. Art. 27 Satz 2 EuIns­VO) eröff­net, so beschrän­ken sich des­sen Wir­kun­gen auf das Ver­mö­gen des Schuld­ners, das im Gebiet die­ses ande­ren Mit­glied­staa­tes bele­gen ist (vgl. Art. 27 Satz 3 EuIns­VO)3. Soweit die Wir­kun­gen des Sekun­där­insol­venz­ver­fah­rens rei­chen, wer­den die an sich uni­ons­weit­uni­ver­sel­len Wir­kun­gen des Haupt­in­sol­venz­ver­fah­rens sus­pen­diert4. Auf das Sekun­där­insol­venz­ver­fah­ren fin­den, soweit die Euro­päi­sche Insol­venz­ord­nung nichts ande­res bestimmt, die Rechts­vor­schrif­ten des Mit­glied­staats Anwen­dung, in des­sen Gebiet das Sekun­där­insol­venz­ver­fah­ren eröff­net wor­den ist (vgl. Art. 28 EuIns­VO)5. Das sind hier die Vor­schrif­ten des deut­schen Rechts.

Die etwai­ge zwi­schen­zeit­li­che Been­di­gung des in Eng­land eröff­ne­ten Haupt­in­sol­venz­ver­fah­rens (bankrupt­cy-Ver­fah­ren) infol­ge Rest­schuld­be­frei­ung (dischar­ge; fort­an: Rest­schuld­be­frei­ung) steht im Hin­blick auf den Sus­pen­siv­ef­fekt, der mit der Eröff­nung eines Sekun­där­insol­venz­ver­fah­rens ver­bun­den ist, der Auf­nah­me des unter­bro­che­nen Revi­si­ons­ver­fah­rens gegen den Beklag­ten nicht ent­ge­gen. Das Sekun­där­insol­venz­ver­fah­ren, das im Inland bereits eröff­net wor­den ist, bevor in dem eng­li­schen Haupt­in­sol­venz­ver­fah­ren Rest­schuld­be­frei­ung ein­ge­tre­ten ist, ist noch nicht abge­schlos­sen.

Die Vor­aus­set­zun­gen für eine Auf­nah­me des Zivil­pro­zes­ses lie­gen hin­sicht­lich des Haupt­an­trags nach § 180 Abs. 2 InsO vor.

Ist in einem Insol­venz­ver­fah­ren eine For­de­rung vom Insol­venz­ver­wal­ter oder von einem Insol­venz­gläu­bi­ger bestrit­ten wor­den, so bleibt es gemäß § 179 Abs. 1 InsO dem Gläu­bi­ger über­las­sen, die Fest­stel­lung gegen den Bestrei­ten­den zu betrei­ben. War zur Zeit der Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens ein Rechts­streit über die For­de­rung anhän­gig, so ist die Fest­stel­lung gemäß § 180 Abs. 2 InsO durch Auf­nah­me des Rechts­streits zu betrei­ben. Die Auf­nah­me des Rechts­streits ist auch mög­lich, wenn die­ser, wie im Streit­fall, zur Zeit der Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens in der Revi­si­ons­in­stanz anhän­gig war6.

Die in der Revi­si­ons­in­stanz hin­sicht­lich des Haupt­an­trags vor­ge­nom­me­ne Antrags­um­stel­lung ist zuläs­sig. Nach der Auf­nah­me des Recht­streits gemäß § 180 Abs. 2 InsO sind die Anträ­ge der ver­än­der­ten Ver­fah­rens­la­ge anzu­pas­sen. Der Antrag ist auf Fest­stel­lung der For­de­rung zur Insol­venz­ta­bel­le umzu­stel­len, wobei die durch die §§ 45, 46 InsO gebo­te­nen Ände­run­gen zu berück­sich­ti­gen sind7. Des­halb ist es zuläs­sig, dass der Klä­ger beim Haupt­an­trag die bis­her ent­hal­te­ne Zugum-Zug-Ein­schrän­kung fal­len­ge­las­sen hat. Damit wird dem Umstand Rech­nung getra­gen, dass die Anmel­dung einer Geld­for­de­rung mit einer der­ar­ti­gen Zugum-Zug-Ein­schrän­kung im Insol­venz­ver­fah­ren aus insol­venz­recht­li­chen Grün­den im Hin­blick auf die gleich­mä­ßi­ge Befrie­di­gung der Gläu­bi­ger aus der Mas­se nicht mög­lich ist8.

Die Fra­ge, ob eine Kla­ge­for­de­rung von einer in Eng­land ein­ge­tre­te­nen Rest­schuld­be­frei­ung erfasst wird, ist von den deut­schen Gerich­ten grund­sätz­lich nach Art. 4 Abs. 2 Satz 2 Buchst. k EuIns­VO unter Anwen­dung des eng­li­schen Rechts zu beant­wor­ten9. Im Streit­fall kann indes dahin­ste­hen, ob sich die am 31.05.2013 im eng­li­schen Haupt­in­sol­venz­ver­fah­ren ein­ge­tre­te­ne Rest­schuld­be­frei­ung nach eng­li­schem Recht auf die mit dem Haupt­an­trag gel­tend gemach­te Kla­ge­for­de­rung erstreckt. Wäre die Rest­schuld­be­frei­ung in einem inlän­di­schen Insol­venz­ver­fah­ren vor des­sen Auf­he­bung erteilt wor­den, müss­ten ange­mel­de­te und fest­ge­stell­te Insol­venz­for­de­run­gen im Ver­fah­ren wei­ter­hin berück­sich­tigt wer­den und an einer Ver­tei­lung des bis zum Ablauf der Abtre­tungs­frist in die Mas­se gefal­le­nen Ver­mö­gens und Neu­erwerbs teil­neh­men10. Wird die Rest­schuld­be­frei­ung im Rah­men eines aus­län­di­schen Haupt­in­sol­venz­ver­fah­rens erreicht, kann sich an die­ser Bewer­tung nichts ändern, wenn ein im Inland eröff­ne­tes, aber noch nicht abge­schlos­se­nes Sekun­där­insol­venz­ver­fah­ren läuft. Auch ein inlän­di­sches Ter­ri­to­ri­al­ver­fah­ren, auf wel­ches gemäß Art. 4, Art. 28 EuIns­VO das deut­sche Insol­venz­recht Anwen­dung fin­det, dient nach § 1 Abs. 1 Satz 1 InsO dem Zweck, die Gläu­bi­ger durch eine gemein­sa­me Ver­tei­lung des Ver­wer­tungs­er­lö­ses zu befrie­di­gen. Die­sem Zweck lie­fe es zuwi­der, wenn ein Gläu­bi­ger wegen einer bereits erlang­ten Rest­schuld­be­frei­ung an einer Durch­set­zung sei­ner For­de­rung im Rah­men des Insol­venz­ver­fah­rens gehin­dert wäre11.

Bezüg­lich die­ser im Ein­klang mit den Regeln der Euro­päi­schen Insol­venz­ver­ord­nung fol­gen­den Begren­zung der Wir­kun­gen einer in einem Haupt­in­sol­venz­ver­fah­ren ein­ge­tre­te­nen Rest­schuld­be­frei­ung besteht kei­ner­lei Raum für einen ver­nünf­ti­gen Zwei­fel12, wes­halb der Bun­des­ge­richts­hof ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nach Art. 267 AEUV an den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on zur Aus­le­gung der Euro­päi­schen Insol­venz­ver­ord­nung im Streit­fall nicht für erfor­der­lich erach­tet.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 18. Sep­tem­ber 2014 — VII ZR 5813

  1. vgl. auch BGH, Zwi­schen­ur­teil vom 23.04.2013 — X ZR 16912, BGHZ 197, 177 Rn. 6 — Auf­nah­me des Patent­nich­tig­keits­ver­fah­rens []
  2. Ver­ord­nung (EG) Nr. 13462000 des Rates vom 29.05.2000 über Insol­venz­ver­fah­ren, ABl.EG L 160 vom 30.06.2000, S. 1, zuletzt geän­dert durch die Ver­ord­nung (EU) Nr. 5172013 des Rates vom 13.05.2013, ABl. L 158 vom 10.06.2013, S. 1 []
  3. EuGH, NZI 2012, 147 Rn. 15 m.w.N. []
  4. vgl. Smid in Leonhardt/​Smid/​Zeuner, Inter­na­tio­na­les Insol­venz­recht, 2. Aufl., Art. 17 EuIns­VO Rn. 12; Duurs­ma-Kepp­lin­ger/Cha­lups­ky in Duurs­ma-Kepp­lin­ger/­Du­urs­ma/Cha­lups­ky, Euro­päi­sche Insol­venz­ver­ord­nung, Art. 17 Rn. 16; Pannen/​Riedemann in Pan­nen, Euro­päi­sche Insol­venz­ver­ord­nung, Art. 17 Rn.15; Ren­ger, Wege zur Rest­schuld­be­frei­ung nach dem Insol­vency Act 1986, S.209 []
  5. EuGH, ZIP 2012, 1815 Rn. 38 ff. []
  6. BGH, Beschluss vom 31.10.2012 — III ZR 20412, BGHZ 195, 233 Rn. 8 m.w.N.; Beschluss vom 29.04.2004 — IX ZR 26503, ZVI 2004, 530 []
  7. vgl. BGH, Urteil vom 23.12 1953 — VI ZR 152, LM Nr. 5 zu § 146 KO; Ger­hardt in Jae­ger, Insol­venz­ord­nung, § 180 Rn. 72 []
  8. vgl. BGH, Beschluss vom 19.04.2011 — II ZR 26310, NZG 2011, 750 Rn. 7; Urteil vom 09.07.2013 — II ZR 912, NJW-RR 2013, 1255 Rn. 14; Urteil vom 17.07.2014 — III ZR 22613 18 []
  9. vgl. BGH, Urteil vom 14.01.2014 — II ZR 19213, NJW 2014, 1244 Rn. 12; Dorn­blüth, ZIP 2014, 712 f. m.w.N.; zu den Rechts­fol­gen der Rest­schuld­be­frei­ung nach dem eng­li­schen Insol­vency Act 1986 vgl. Ren­ger, aaO, S. 111 ff. []
  10. BGH, Beschluss vom 03.12 2009 — IX ZB 24708, BGHZ 183, 258 Rn. 22; Beschluss vom 23.01.2014 — IX ZB 3313, WM 2014, 359 Rn. 9, Rn. 13 ff. []
  11. vgl. BGH, Beschluss vom 23.01.2014, aaO, Rn. 14 []
  12. vgl. EuGH, Slg. 1982, 3415 Rn. 16 — C.I.L.F.I.T. []