Insolvente GmbH in Deutschland, Geschäftsführer aus der Schweiz — Gerichtsstand in Deutschland

Für die Kla­gen des Insol­venz­ver­wal­ters einer deut­schen GmbH gegen des­sen ehe­ma­li­ge, in der Schweiz leben­de Geschäfts­füh­re­rin sind die deut­schen Gerich­te zustän­dig.

Insolvente GmbH in Deutschland, Geschäftsführer aus der Schweiz — Gerichtsstand in Deutschland

Dabei ist es nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich, ob die vom Insol­venz­ver­wal­ter über das Ver­mö­gen einer GmbH (hier: mit Sitz in Lübeck) gegen die ehe­ma­li­ge, in der Schweiz leben­de Geschäfts­füh­re­rin der GmbH gel­tend gemach­ten Ansprü­che aus § 64 Satz 1 GmbHG und § 43 Abs. 3 GmbHG die inter­na­tio­na­le Zustän­dig­keit des Land­ge­richts Lübeck nach Art. 5 Nr. 3 des Über­ein­kom­mens über die gericht­li­che Zustän­dig­keit und Aner­ken­nung und Voll­stre­ckung von Ent­schei­dun­gen in Zivil- und Han­dels­sa­chen vom 30.10.2007 (Luga­no­Über­ein­kom­men, LugÜ) begrün­den oder nach Art. 5 Nr. 1 a LugÜ, oder ob die Anwen­dung des Luga­no­Über­ein­kom­mens auf die genann­ten Ansprü­che nach Art. 1 Abs. 2 b LugÜ aus­ge­schlos­sen ist, weil der Insol­venz­ver­wal­ter mit sei­ner Kla­ge den glei­chen Zweck ver­fol­ge wie mit einer Insol­venz­an­fech­tungs­kla­ge. Seit der Ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on vom 16.01.20141 ist klar­ge­stellt, dass auch in die­sem Fall das Land­ge­richt Lübeck für die Kla­ge inter­na­tio­nal zustän­dig wäre.

Geht man davon aus, dass es sich vor­lie­gend um eine Kon­kurs- bzw. Insol­venz­sa­che han­delt, so dass das Luga­no­Über­ein­kom­men nach Art. 1 Abs. 2 b LugÜ nicht anwend­bar wäre, ergibt sich den­noch eine inter­na­tio­na­le Zustän­dig­keit der deut­schen Gerich­te aus Art. 3 Abs. 1 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 13462000 des Rates vom 29.05.2000 über Insol­venz­ver­fah­ren (EuIns­VO). Für die Anwend­bar­keit der Ver­ord­nung genügt es ent­ge­gen der Ansicht der Revi­si­on, dass die Insol­venz­schuld­ne­rin ihren Sitz in einem Mit­glied­staat hat. Nicht erfor­der­lich ist ein Bin­nen­be­zug in dem Sinn, dass sich eine Kla­ge gegen eine Par­tei rich­tet, die ihren Wohn­ort oder Sitz in einem ande­ren Mit­glied­staat hat.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on hat auf eine Vor­la­ge des Bun­des­ge­richts­hofs2 mit Urteil vom 16.01.20143 für eine Insol­venz­an­fech­tungs­kla­ge gegen einen Anfech­tungs­geg­ner, der sei­nen Wohn­sitz eben­falls in der Schweiz hat­te, ent­schie­den, dass das ange­ru­fe­ne deut­sche Gericht nach Art. 3 Abs. 1 EuIns­VO zustän­dig ist. Der Wort­laut des Art. 3 Abs. 1 EuIns­VO ver­lan­ge nicht, dass der zu ent­schei­den­de Sach­ver­halt Anknüp­fungs­punk­te zu zwei oder meh­re­ren Mit­glied­staa­ten auf­wei­se, und auch der Sinn und Zweck der Ver­ord­nung, die Ver­bes­se­rung der Effi­zi­enz und Wirk­sam­keit der Insol­venz­ver­fah­ren mit grenz­über­schrei­ten­der Wir­kung, und spe­zi­ell das Ziel des Art. 3 EuIns­VO, die Vor­her­seh­bar­keit der gericht­li­chen Zustän­dig­keit und damit die Rechts­si­cher­heit zu för­dern, erfass­ten jeden grenz­über­schrei­ten­den Sach­ver­halt4. Dass der Dritt­staat, in dem der Beklag­te sei­nen Wohn­sitz habe, eine Ent­schei­dung des nach den oben genann­ten Grund­sät­zen zustän­di­gen Gerichts man­gels Bin­dungs­wir­kung der Ver­ord­nung unter Umstän­den nicht aner­ken­ne und voll­stre­cke, ste­he nicht ent­ge­gen, da zumin­dest die ande­ren Mit­glied­staa­ten das Urteil aner­ken­nen und voll­stre­cken könn­ten, ins­be­son­de­re wenn sich ein Teil des Ver­mö­gens des Beklag­ten im Gebiet eines die­ser Staa­ten befin­de5. Der Bun­des­ge­richts­hof ist dem mit Urteil vom 27.03.20146 gefolgt.

Ord­net man die Gel­tend­ma­chung von Ansprü­chen aus § 64 Satz 1 und § 43 Abs. 3 GmbHG mit der Revi­si­on als Kon­kurs- bzw. Insol­venz­sa­chen ein, gibt es kei­nen Grund anzu­neh­men, dass für die­se etwas ande­res gel­ten könn­te. Denn die Ent­schei­dung des Gerichts­hofs stützt sich nicht auf Beson­der­hei­ten der Insol­venz­an­fech­tung, son­dern legt Art. 3 Abs. 1 EuIns­VO für alle Ver­fah­ren aus, die unter den Begriff der Insol­venz nach Art. 1 Abs. 1 EuIns­VO fal­len.

Die gege­be­ne inter­na­tio­na­le Zustän­dig­keit der deut­schen Gerich­te läuft auch nicht des­halb leer, weil es an einer ört­li­chen Zustän­dig­keit eines deut­schen Gerichts feh­len könn­te7. Die ört­li­che Zustän­dig­keit des Land­ge­richts Lübeck wür­de sich nicht aus der EuIns­VO erge­ben, da die­se nur die inter­na­tio­na­le Zustän­dig­keit regelt. Es kann dahin­ste­hen, ob sich aus der Zivil­pro­zess­ord­nung direkt die ört­li­che Zustän­dig­keit des Land­ge­richts Lübeck ablei­ten lässt. Auch wenn das nicht der Fall sein soll­te, folgt die ört­li­che Zustän­dig­keit des Land­ge­richts Lübeck aus einer ana­lo­gen Anwen­dung von § 19a ZPO i.V.m. § 3 InsO, Art. 102 § 1 EGIn­sO.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat mit Urteil vom 19.05.20098 aus den genann­ten Vor­schrif­ten eine ört­li­che Zustän­dig­keit deut­scher Gerich­te für Insol­venz­an­fech­tungs­kla­gen her­ge­lei­tet, wenn nach euro­päi­schem Recht für Anfech­tungs­kla­gen die inter­na­tio­na­le Zustän­dig­keit deut­scher Gerich­te gege­ben ist. Müss­ten Anfech­tungs­kla­gen trotz bestehen­der inter­na­tio­na­ler Zustän­dig­keit der deut­schen Gerich­te wegen feh­len­der ört­li­cher Zustän­dig­keit als unzu­läs­sig abge­wie­sen wer­den, wür­de das in euro­pa­rechts­wid­ri­ger Wei­se gegen Sinn und Zweck des Art. 3 Abs. 1 EuIns­VO ver­sto­ßen. Nimmt man mit der Revi­si­on an, dass die Gel­tend­ma­chung von Ansprü­chen aus § 64 Satz 1 und § 43 Abs. 3 GmbHG eben­so wie eine Insol­venz­an­fech­tungs­kla­ge als Kon­kurs- bzw. Insol­venz­sa­che ein­zu­ord­nen ist, führt dies vor­lie­gend zur inter­na­tio­na­len Zustän­dig­keit deut­scher Gerich­te und in ana­lo­ger Anwen­dung von § 19a ZPO i.V.m. § 3 InsO, Art. 102 § 1 EGIn­sO zur ört­li­chen Zustän­dig­keit des Land­ge­richts Lübeck als am Ort des für das Ver­fah­ren zustän­di­gen Insol­venz­ge­richts bele­ge­nen sach­lich zustän­di­gen Land­ge­richts9.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 3. Juni 2014 — II ZR 3413

  1. EuGH, Urteil vom 16.01.2014, ZIP 2014, 181
  2. BGH, Beschluss vom 21.06.2012 — IX ZR 212, ZIP 2012, 1467
  3. EuGH, Urteil vom 16.01.2014, ZIP 2014, 181
  4. EuGH, ZIP 2014, 181 Rn. 25 ff.
  5. EuGH, ZIP 2014, 181 Rn. 36 ff.
  6. BGH, Urteil vom 27.03.2014 — IX ZR 212 6 f.
  7. vgl. zu der des­halb bestehen­den aus­nahms­wei­sen Prü­fungs­kom­pe­tenz in der Revi­si­ons­in­stanz: BGH, Urteil vom 21.11.1996 — IX ZR 26495, BGHZ 134, 127, 129 f.
  8. BGH, Urteil vom 19.05.2009 — IX ZR 3906, ZIP 2009, 1287 Rn. 11 ff.
  9. vgl. BGH, Urteil vom 27.03.2014 — IX ZR 212