Kein Vertrauensschutz bei unverbindlichen Zoll-Tarifauskünften

Nach der vom EuGH in stän­di­ger Recht­spre­chung ver­wen­de­ten Zusam­men­fas­sung der Tat­be­stands­vor­aus­set­zun­gen des Art. 220 Abs. 2 Buchst. b Unter­abs. 1 ZK hat die Zoll­be­hör­de von der nach­träg­li­chen buch­mä­ßi­gen Erfas­sung nicht erho­be­ner Ein­fuhr­ab­ga­ben abzu­se­hen, wenn drei Vor­aus­set­zun­gen kumu­la­tiv erfüllt sind: Die Nicht­er­he­bung muss auf einem Irr­tum der zustän­di­gen Behör­den beru­hen, es muss sich um einen Irr­tum han­deln, der für einen gut­gläu­bi­gen Abga­ben­schuld­ner ver­nünf­ti­ger­wei­se nicht erkenn­bar war, und die­ser muss alle gel­ten­den Vor­schrif­ten über sei­ne Zoll­erklä­rung ein­ge­hal­ten haben1.

Kein Vertrauensschutz bei unverbindlichen Zoll-Tarifauskünften

Die Erkenn­bar­keit des Irr­tums ist nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on und des Bun­des­fi­nanz­hofs unter Berück­sich­ti­gung sei­ner Art, d.h. unter Berück­sich­ti­gung der Kom­ple­xi­tät der betref­fen­den Rege­lung, sowie der Berufs­er­fah­rung des betrof­fe­nen Wirt­schafts­teil­neh­mers und der von ihm auf­ge­wand­ten Sorg­falt zu beur­tei­len2. Aller­dings ent­spricht es eben­falls stän­di­ger EuGH- sowie BFH-Recht­spre­chung, dass sich ein Wirt­schafts­be­tei­lig­ter nicht auf die Unkennt­nis der im Amts­blatt ver­öf­fent­lich­ten Rechts­vor­schrif­ten beru­fen kann3.

Kann daher der Zoll­schuld­ner anhand der Rechts­vor­schrif­ten der Uni­on erken­nen, dass die Zoll­be­hör­de die Ein­fuhr­ab­ga­ben irr­tüm­lich in nicht zutref­fen­der Höhe erho­ben hat, kom­men die vom Finanz­ge­richt für erfor­der­lich gehal­te­ne wei­te­re „Gesamt­be­trach­tung” unter Berück­sich­ti­gung der vom Zoll­schuld­ner auf­ge­wand­ten Sorg­falt und ein dar­aus ggf. her­zu­lei­ten­des Über­wie­gen des Ver­trau­ens­schut­zes nicht in Betracht. Auch die Recht­spre­chung des Uni­ons­ge­richts­hofs4 spricht nicht für die gegen­tei­li­ge Auf­fas­sung. Der vom EuGH stets her­vor­ge­ho­be­ne Grund­satz, dem zufol­ge die unio­tä­ren Rechts­vor­schrif­ten ab dem Zeit­punkt ihrer Ver­öf­fent­li­chung im Amts­blatt das ein­zi­ge posi­ti­ve Recht in der Uni­on sind, wel­ches nicht zu ken­nen nie­mand für sich gel­tend machen kann, ist vom EuGH in jenen Ent­schei­dun­gen nicht durch wei­te­re Vor­aus­set­zun­gen ein­ge­schränkt wor­den.

Ande­res kann nur gel­ten, wenn auch die im Amts­blatt ver­öf­fent­lich­ten Rechts­vor­schrif­ten den Irr­tum nicht deut­lich wer­den las­sen, die­se also selbst unklar sind und zu Zwei­feln Anlass geben. In einem sol­chen Fall kön­nen für die Fra­ge der Erkenn­bar­keit des behörd­li­chen Irr­tums wie­der­um die Berufs­er­fah­rung des betrof­fe­nen Wirt­schafts­teil­neh­mers und sei­ne Sorg­falt sowie sei­ne Bemü­hun­gen, sich über die Rechts­la­ge Klar­heit zu ver­schaf­fen, von Bedeu­tung sein. Im Streit­fall gab es jedoch kei­ne unkla­re Tarif­la­ge. Viel­mehr war –wie auch das Finanz­ge­richt ange­nom­men hat– die (zuvor mög­li­cher­wei­se zwei­fel­haf­te) zoll­ta­rif­li­che Ein­rei­hung der ein­ge­führ­ten elek­tro­ni­schen Bil­der­rah­men mit dem Inkraft­tre­ten der VO Nr. 11562008 geklärt. Dass die Klä­ge­rin wegen der gering­fü­gi­gen Unter­schie­de zwi­schen der in die­ser Ver­ord­nung beschrie­be­nen Ware und den Ein­fuhr­wa­ren noch unsi­cher hin­sicht­lich der zoll­ta­rif­li­chen Ein­rei­hung hät­te sein kön­nen, hat das Finanz­ge­richt zu Recht ver­neint.

Aus dem EuGH-Urteil „Deut­sche Fern­spre­cher„5 folgt ledig­lich, dass eine zwar irr­tüm­li­che, aber von der Zoll­be­hör­de wie­der­holt bestä­tig­te Rechts­auf­fas­sung ein Anhalts­punkt dafür sein kann, dass die betref­fen­de Fra­ge schwie­rig und nicht ein­deu­tig zu beant­wor­ten ist. Hier­von aus­zu­ge­hen bie­ten die Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt jedoch kei­nen Anlass, denn das Haupt­zoll­amt hat nach dem Inkraft­tre­ten der die Tari­fie­rungs­fra­ge klä­ren­den Ein­rei­hungs-VO Nr. 11562008 kei­ne von die­ser Ver­ord­nung abwei­chen­de Tarif­auf­fas­sung gegen­über der Klä­ge­rin mehr ver­tre­ten oder ihr wei­ter­hin die bis­he­ri­ge Tari­fie­rung emp­foh­len. Wie sich aus den Fest­stel­lun­gen des ange­foch­te­nen Urteils ergibt, hat das zustän­di­ge Zoll­amt der Klä­ge­rin zuletzt unter dem 21.11.2008, also vor dem Inkraft­tre­ten der VO Nr. 11562008, die Anga­be der Unter­pos. 8543 70 90 KN für die elek­tro­ni­schen Bil­der­rah­men emp­foh­len. Nach dem Inkraft­tre­ten die­ser Ein­rei­hungs­ver­ord­nung wur­den ledig­lich eini­ge Ein­fuh­ren noch wie ange­mel­det abge­fer­tigt. Dass dem Haupt­zoll­amt inso­weit „etwas ent­gan­gen” sein muss­te, hät­te anhand der bereits vor­lie­gen­den VO Nr. 11562008 unschwer erkannt wer­den kön­nen.

Auf die ihr vor dem Erlass der VO Nr. 11562008 erteil­ten unver­bind­li­chen Tarif­aus­künf­te durch das zustän­di­ge Zoll­amt und die ZPLA kann die Klä­ge­rin –anders als das Finanz­ge­richt meint– den bean­spruch­ten Ver­trau­ens­schutz nicht stüt­zen. Nur eine ver­bind­li­che Zoll­ta­rif­aus­kunft bin­det nach Art. 12 Abs. 2 ZK die Zoll­be­hör­de hin­sicht­lich der tarif­li­chen Ein­rei­hung und kann, falls sie gemäß Art. 12 Abs. 5 Buchst. a Ziff. i ZK wegen einer anders­lau­ten­den Ein­rei­hungs­ver­ord­nung ungül­tig gewor­den ist, von dem Berech­tig­ten für einen in die­ser Ver­ord­nung fest­ge­leg­ten Zeit­raum noch ver­wen­det wer­den (Art. 12 Abs. 6 Unter­abs. 2 ZK).

Im vor­lie­gend vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Fall kann die Klä­ge­rin nach alle­dem nicht mit Erfolg gel­tend machen, sie hät­te den behörd­li­chen Irr­tum bei der Abga­ben­er­he­bung auch unter Her­an­zie­hung der im Amts­blatt ver­öf­fent­lich­ten VO Nr. 11562008 nicht erken­nen kön­nen. Es ver­bleibt nur der ihr nicht zugu­te­kom­men­de Ein­wand, von dem Erlass die­ser Ein­rei­hungs­ver­ord­nung kei­ne Kennt­nis gehabt zu haben. Bei blo­ßer Unkennt­nis von maß­ge­ben­den Vor­schrif­ten kann aber der vom Finanz­ge­richt ver­tre­te­nen Ansicht, die Klä­ge­rin habe „mit ange­mes­se­ner Sorg­falt” gehan­delt, nicht gefolgt wer­den. Wie der Bun­des­fi­nanz­hof mit Urteil in BFHE 205, 366, ZfZ 2004, 270 aus­ge­führt hat, besteht die Pflicht des Wirt­schafts­teil­neh­mers, sich über das auf sei­ne Geschäf­te anwend­ba­re Uni­ons­recht durch die Lek­tü­re des Amts­blatts zu infor­mie­ren, in jedem Fall und unab­hän­gig von dem Maß an Erfah­rung, über das er ver­fügt.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 19. Juni 2013 — VII R 3112

  1. vgl. EuGH, Urteil vom 03.03.2005 — C‑499/​03 P –Bie­gi Nah­rungs­mit­tel, Com­mon­food – , Slg. 2005, I‑1751, ZfZ 2005, 228, m.w.N. []
  2. vgl. BFH, Urteil vom 26.02.2004 — VII R 2003, BFHE 205, 366, ZfZ 2004, 270, m.w.N. []
  3. EuGH, Urtei­le vom 12.07.1989 16188 –Bin­der – , Slg. 1989, 2415 Rz 19, ZfZ 1990, 78; vom 26.11.1998 — C‑370/​96 –Covi­ta – , Slg. 1998, I‑7711 Rz 26, ZfZ 1999, 86; EuGH, Beschluss vom 11.10.2001 — C‑30/​00 –Wil­liam Hin­ton & Sons – , Slg. 2001, I‑7511 Rz 71; BFH, Urtei­le vom 23.03.1999 — VII R 1698, BFHE 188, 164, 167, ZfZ 1999, 271, und in BFHE 205, 366, ZfZ 2004, 270 []
  4. EuGH, Urtei­le in Slg. 1989, 2415, ZfZ 1990, 78; in Slg. 1998, I‑7711, ZfZ 1999, 86; und vom 28.06.1990 — C‑80/​89 –Behn Ver­pa­ckungs­be­darf – , Slg. 1990, I‑2659, ZfZ 1990, 352 []
  5. EuGH, Urteil vom 26.06.1990 — C‑64/​89 –Deut­sche Fern­spre­cher – , Slg. 1990, I‑2535, ZfZ 1990, 351 []