Kin­der­geld für pol­ni­sche Sai­son­ar­beit­neh­mer

In einem Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen des Bun­des­fi­nanz­hofs hat nun der Gene­ral­an­walt beim Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on sei­ne Schluss­an­trä­ge vor­ge­legt. Nach Ansicht von Gene­ral­an­walt Mazák hin­dert das Uni­ons­recht einen Mit­glied­staat nicht dar­an, ent­sand­ten Arbeit­neh­mern oder Sai­son­ar­beit­neh­mern Kin­der­geld zu gewäh­ren. Das Uni­ons­recht ver­pflich­tet jedoch nicht zur Gewäh­rung von Kin­der­geld, und die Mit­glied­staa­ten dür­fen das Kin­der­geld aus­schlie­ßen oder kür­zen, wenn in einem ande­ren Staat eine ver­gleich­ba­re Leis­tung gezahlt wird.

Kin­der­geld für pol­ni­sche Sai­son­ar­beit­neh­mer

Die Ver­ord­nung Nr. 1408/​71 [1] über die Anwen­dung der Sys­te­me der sozia­len Sicher­heit auf Wan­der­ar­beit­neh­mer legt als Grund­re­gel fest, dass ein Arbeit­neh­mer den Rechts­vor­schrif­ten des Mit­glied­staats unter­liegt, in dem er abhän­gig beschäf­tigt ist. Per­so­nen, die zur Aus­übung einer Beschäf­ti­gung in einen ande­ren Mit­glied­staat ent­sandt wer­den (ent­sand­te Arbeit­neh­mer) oder vor­über­ge­hend in einem ande­ren Mit­glied­staat beschäf­tigt sind (Sai­son­ar­beit­neh­mer), unter­lie­gen jedoch wei­ter­hin den sozi­al­recht­li­chen Vor­schrif­ten des Mit­glied­staats, in dem sie nor­ma­ler­wei­se beschäf­tigt sind, und nicht denen des Mit­glied­staats, in dem sie tat­säch­lich einer Beschäf­ti­gung nach­ge­hen.

Wal­de­mar Hud­zi­ñ­ski [2] und Jaros­law Wawr­zy­ni­ak [3] woh­nen in Polen und sind dort sozi­al­ver­si­chert. Herr Hud­zi­ñ­ski, Vater zwei­er Kin­der und selb­stän­di­ger Land­wirt, arbei­te­te vom 20. August bis zum 7. Dezem­ber 2007 als Sai­son­ar­beit­neh­mer bei einem Gar­ten­bau­un­ter­neh­men in Deutsch­land. Herr Wawr­zy­ni­ak, der eine Toch­ter hat, arbei­te­te von Febru­ar bis Dezem­ber 2006 als ent­sand­ter Arbeit­neh­mer in Deutsch­land.

Nach deut­schem Recht hat eine Per­son ohne Wohn­sitz oder gewöhn­li­chen Auf­ent­halt in Deutsch­land Anspruch auf Kin­der­geld, wenn sie ein­kom­men­steu­er­pflich­tig ist. Kin­der­geld wird jedoch nicht für ein Kind gezahlt, das anders­wo eine ver­gleich­ba­re Leis­tung bezie­hen kann. Nach­dem die bei­den Arbeit­neh­mer bean­tragt hat­ten, als in Deutsch­land ein­kom­men­steu­er­pflich­tig behan­delt zu wer­den, stell­te jeder in Bezug auf sei­ne Kin­der einen Antrag auf Zah­lung von Kin­der­geld in Höhe von 154 Euro monat­lich je Kind für die Dau­er sei­ner Beschäf­ti­gung in Deutsch­land.

Bei­de Anträ­ge wur­den mit der Begrün­dung abge­lehnt, dass nach der Ver­ord­nung Nr. 1408/​71 das pol­ni­sche, nicht das deut­sche Sozi­al­ver­si­che­rungs­recht anwend­bar sei.
Vor die­sem Hin­ter­grund hat der Bun­des­fi­nanz­hof beschlos­sen, den Gerichts­hof zu fra­gen, ob Deutsch­land, selbst wenn es nicht der zustän­di­ge Mit­glied­staat gemäß der Ver­ord­nung Nr. 1408/​71 ist und sei­ne Rechts­vor­schrif­ten nicht die anwend­ba­ren Rechts­vor­schrif­ten sind, unter die­sen Umstän­den durch das Uni­ons­recht dar­an gehin­dert wird, Kin­der­geld zu gewäh­ren. Dar­über hin­aus möch­te der Bun­des­fi­nanz­hof wis­sen, ob ein Mit­glied­staat einen Anspruch auf Fami­li­en­leis­tun­gen aus­schlie­ßen oder kür­zen darf, wenn in einem ande­ren Mit­glied­staat eine ver­gleich­ba­re Leis­tung bezo­gen wer­den kann.

In sei­nen jetzt vor­ge­leg­ten Schluss­an­trä­gen stellt Gene­ral­an­walt Ján Mazák zunächst klar, dass die Ver­ord­nung Nr. 1408/​71 bezweckt, sicher­zu­stel­len, dass die betrof­fe­nen Per­so­nen dem Sozi­al­ver­si­che­rungs­sys­tem nur eines Mit­glied­staats unter­lie­gen, damit nicht mehr als ein natio­na­les Rechts­sys­tem ange­wandt wird und damit ein­her­ge­hen­de Kom­pli­ka­tio­nen ver­mie­den wer­den.

Der Gene­ral­an­walt stellt fest, dass die Ver­ord­nung Nr. 1408/​71 das anwend­ba­re Recht nicht danach bestimmt, wel­cher Staat das für den Wan­der­ar­beit­neh­mer güns­tigs­te Sozi­al­ver­si­che­rungs­sys­tem hat, son­dern nach objek­ti­ven Fak­to­ren wie Beschäf­ti­gungs­ort oder Wohn­sitz. Die Ver­ord­nung schafft bloß ein Koor­di­nie­rungs­sys­tem und lässt die mate­ri­ell- und ver­fah­rens­recht­li­chen Unter­schie­de zwi­schen den Sozi­al­ver­si­che­rungs­sys­te­men unbe­rührt. Für einen Arbeit­neh­mer, der in mehr als einem Mit­glied­staat eine Beschäf­ti­gung aus­übt oder sei­ne Tätig­keit in einen ande­ren Mit­glied­staat ver­legt, gibt es des­halb kei­ne Garan­tie, dass dies sozi­al­ver­si­che­rungs­recht­lich neu­tral von­stat­ten geht. Auf­grund der Unter­schie­de zwi­schen den Sys­te­men der sozia­len Sicher­heit der ver­schie­de­nen Mit­glied­staa­ten kann eine sol­che Aus­wei­tung oder Ver­la­ge­rung für den Erwerbs­tä­ti­gen je nach Ein­zel­fall Vor- oder Nach­tei­le in Bezug auf die sozia­le Sicher­heit haben.

Nach Ansicht von Gene­ral­an­walt Mazák zeigt die ein­schlä­gi­ge Recht­spre­chung des Gerichts­hofs jedoch, dass die Ver­ord­nung Nr. 1408/​71 in dem Sin­ne güns­tig für Wan­der­ar­bei­ter aus­ge­legt wer­den muss, dass durch das Uni­ons­recht einem Mit­glied­staat, auch wenn er nicht der zustän­di­ge Staat ist, nicht ver­bo­ten wird, Arbeit­neh­mern nach sei­nem natio­na­len Recht Sozi­al­leis­tun­gen zu gewäh­ren.

Nach­dem dies klar­ge­stellt ist, betont Gene­ral­an­walt Mazák aller­dings, dass in sol­chen Fäl­len ein Mit­glied­staat nicht ver­pflich­tet ist, der­ar­ti­ge Leis­tun­gen zu gewäh­ren. Das Uni­ons­recht lässt die Befug­nis der Mit­glied­staa­ten zur Aus­ge­stal­tung ihrer Sys­te­me der sozia­len Sicher­heit unbe­rührt, und man­gels Har­mo­ni­sie­rung auf Uni­ons­ebe­ne ist es Sache des Rechts des jewei­li­gen Mit­glied­staats, die Vor­aus­set­zun­gen für die Gewäh­rung von Leis­tun­gen der sozia­len Sicher­heit sowie ihre Höhe und die Dau­er ihrer Gewäh­rung fest­zu­le­gen.
Da das Uni­ons­recht einem Mit­glied­staat kei­ne Ver­pflich­tung auf­er­legt, unter die­sen Umstän­den Kin­der­geld zu gewäh­ren, kön­nen natio­na­le Vor­schrif­ten, nach denen das Kin­der­geld aus­ge­schlos­sen oder gekürzt wird, folg­lich nicht als uni­ons­rechts­wid­rig ange­se­hen wer­den.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Schluss­an­trä­ge des Gene­ral­an­walts vom 16. Febru­ar 2012 – C‑611/​10 [Wal­de­mar Hud­zi­ñ­ski /​Agen­tur für Arbeit Wesel – Fami­li­en­kas­se] und C‑612/​10 [ Jaros­law Wawr­zy­ni­ak /​Agen­tur für Arbeit Mön­chen­glad­bach – Fami­li­en­kas­se]

  1. Ver­ord­nung (EWG) Nr. 1408/​71 des Rates vom 14. Juni 1971 über die Anwen­dung der Sys­te­me der sozia­len Sicher­heit auf Arbeit­neh­mer und Selb­stän­di­ge sowie deren Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge, die inner­halb der Gemein­schaft zu- und abwan­dern, ABl.EU L 149, S. 2, geän­dert und aktua­li­siert durch die Ver­ord­nung (EG) Nr. 118/​97 des Rates vom 2. Dezem­ber 1996, ABl.EU 1997, L 28, S. 1, in der durch die Ver­ord­nung (EG) Nr. 647/​2005 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 13. April 2005, ABl.EU L 117, S. 1, geän­der­ten Fas­sung.[]
  2. C‑611/​10[]
  3. C‑612/​10[]