Kulturgüterschutz für alte Münzen

Der Kul­tur­gü­ter­schutz kann auch ein­zel­ne Mün­zen umfas­sen.

Kulturgüterschutz für alte Münzen

Archäo­lo­gi­sche Gegen­stän­de im Sin­ne der Ver­ord­nung (EG) Nr. 1162009 über die Aus­fuhr von Kul­tur­gü­tern sind nur sol­che, die einen Wert für die Archäo­lo­gie haben, also von Men­schen­hand geschaf­fe­ne oder bear­bei­te­te Gegen­stän­de, die Erkennt­nis­se über ver­gan­ge­ne Kul­tu­ren zu ver­mit­teln ver­mö­gen, ins­be­son­de­re etwa über deren Gebräu­che, den dama­li­gen tech­ni­schen und künst­le­ri­schen Ent­wick­lungs­stand, poli­ti­sche und gesell­schaft­li­che Struk­tu­ren, die Reli­gi­on und der­glei­chen mehr. Gegen­stän­de, die ander­weit gewon­ne­ne Erkennt­nis­se über ver­gan­ge­ne Kul­tu­ren allen­falls illus­trie­ren und des­halb für die Archäo­lo­gie kei­ne Bedeu­tung haben, sind kei­ne „archäo­lo­gi­schen Gegen­stän­de” oder Fun­de. Anti­ke Mün­zen kön­nen archäo­lo­gi­sche Gegen­stän­de sein.

In dem hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Fall hat der Klä­ger bei dem Zoll eine Aus­fuhr­an­mel­dung über 32 Mün­zen und Medail­len abge­ge­ben, die –wie in der Anla­ge zur Aus­fuhr­an­mel­dung erläu­tert wur­de– 1 500 bis 2 400 Jah­re alt und zwi­schen 50 € und 400 € wert sein sol­len. Das Zoll­amt hat die Annah­me die­ser Anmel­dung abge­lehnt, weil es sich um Kul­tur­gü­ter i.S. des Art. 1, Anh. A Nr. 1 der Ver­ord­nung (EWG) Nr. 391192 des Rates vom 9. Dezem­ber 1992 über die Aus­fuhr von Kul­tur­gü­tern1 han­de­le, für die eine Aus­fuhr­ge­neh­mi­gung vor­ge­legt wer­den müs­se.

Anders als erst­in­stanz­lich das Finanz­ge­richt gab der Bun­des­fi­nanz­hof nun dem Klä­ger weit­ge­hend Recht:

Nach Art. 2 Abs. 1 der hier bereits anzu­wen­den­den VO Nr. 1162009, die in den maß­geb­li­chen Bestim­mun­gen mit den Vor­schrif­ten der VO Nr. 391192 über­ein­stimmt, dür­fen Kul­tur­gü­ter aus dem Zoll­ge­biet der Euro­päi­schen Uni­on nur aus­ge­führt wer­den, wenn eine Aus­fuhr­ge­neh­mi­gung vor­liegt. Als Kul­tur­gü­ter gel­ten nach Art. 1 der Ver­ord­nung die in ihrem Anhang I auf­ge­führ­ten Güter, mit­hin u.a. mehr als 100 Jah­re alte archäo­lo­gi­sche Gegen­stän­de aus Gra­bun­gen und archäo­lo­gi­schen Fun­den zu Lan­de oder unter Was­ser, archäo­lo­gi­schen Stät­ten und archäo­lo­gi­schen Samm­lun­gen. Wird von dem Zoll­be­tei­lig­ten eine sol­che Aus­fuhr­ge­neh­mi­gung für die von ihm gestell­ten Objek­te nicht vor­ge­legt, obwohl es sich um Kul­tur­gü­ter im Sin­ne der VO Nr. 1162009 han­delt, kann er nicht nach Art. 63, 62 Abs. 2 des Zoll­ko­dex ver­lan­gen, dass das Haupt­zoll­amt sei­ne Zollan­mel­dung annimmt.

Die Auf­fas­sung, dass Art. 2 Abs. 1 VO Nr. 1162009 im Streit­fall grei­fe, ver­letzt jedoch Bun­des­recht. Denn das Finanz­ge­richt ist von einem unzu­tref­fen­den Begriff des „archäo­lo­gi­schen Gegen­stan­des” bzw. „archäo­lo­gi­schen Fun­des” aus­ge­gan­gen.

Aller­dings ver­mag der Bun­des­fi­nanz­hof nicht die Auf­fas­sung zu tei­len, einer Aus­fuhr­ge­neh­mi­gung bedür­fe es nur für Gegen­stän­de, die gemäß § 1 Kult­g­SchG in das Ver­zeich­nis natio­nal wert­vol­len Kul­tur­gu­tes auf­ge­nom­men sind, nur sol­che Gegen­stän­de sei­en also Kul­tur­gut im Sin­ne der vor­ge­nann­ten Uni­ons­ver­ord­nung und nur für sol­che Gegen­stän­de kön­ne die Uni­on über­haupt die Kom­pe­tenz in Anspruch neh­men, bei ihrer Aus­fuhr eine beson­de­re Geneh­mi­gung zu ver­lan­gen. Eine sol­che enge Aus­le­gung des Anwen­dungs­be­reichs der Ver­ord­nung wäre mit deren Zweck nicht zu ver­ein­ba­ren, Ver­fah­rens­re­gu­la­ri­en für einen in der Uni­on ein­heit­li­chen Schutz vor einer Aus­fuhr von den Mit­glied­staa­ten als schüt­zens­wert ange­se­he­ner Gegen­stän­de auf­zu­stel­len. Dabei liegt es auf der Hand, dass die Zoll­stel­le in der Regel nicht beur­tei­len kann, ob ein ihr zur Abfer­ti­gung gestell­ter Gegen­stand von einem der Mit­glied­staa­ten als Kul­tur­gut unter Schutz gestellt wor­den ist. Dies zu prü­fen muss des­halb, wie es die Ver­ord­nung vor­schreibt, einer dafür von dem betref­fen­den Mit­glied­staat zu bestim­men­den fach­kun­di­gen Behör­de im Zusam­men­wir­ken mit den ent­spre­chen­den Behör­den der ande­ren Mit­glied­staa­ten (vgl. Art. 6 VO Nr. 1162009) über­las­sen blei­ben und das Ergeb­nis der Prü­fung in deren Aus­fuhr­ge­neh­mi­gung zum Aus­druck gebracht wer­den. Dass ein Gegen­stand von einem Mit­glied­staat nach sei­nen Rechts­vor­schrif­ten unter Schutz gestellt wor­den ist, ist also nicht Vor­aus­set­zung für das Erfor­der­nis der Vor­la­ge einer Aus­fuhr­ge­neh­mi­gung bei der Aus­fuhr aus dem Zoll­ge­biet der Uni­on, son­dern nach Art. 2 Abs. 2 Unter­abs. 3 VO Nr. 1162009 Maß­stab für die Ertei­lung der Aus­fuhr­ge­neh­mi­gung.

Ob Gegen­stän­de im Sin­ne vor­ge­nann­ter Vor­schrif­ten „archäo­lo­gi­sche Gegen­stän­de” sind, lässt sich indes, anders als das Finanz­ge­richt offen­bar meint, nicht allein anhand ihres Alters und ihrer (vom Finanz­ge­richt auch nur als wahr­schein­lich ange­se­he­nen bzw. auf­grund eines zwei­fel­haf­ten Bewei­ses des ers­ten Anscheins unter­stell­ten) Her­kunft aus Fun­den oder Gra­bun­gen beur­tei­len. Ein archäo­lo­gi­scher Gegen­stand ist viel­mehr nur ein sol­cher, der einen Wert für die Archäo­lo­gie hat, also ein von Men­schen­hand geschaf­fe­ner oder bear­bei­te­ter Gegen­stand, der Erkennt­nis­se über ver­gan­ge­ne Kul­tu­ren zu ver­mit­teln ver­mag, ins­be­son­de­re etwa über deren Gebräu­che, den dama­li­gen tech­ni­schen und künst­le­ri­schen Ent­wick­lungs­stand, poli­ti­sche und gesell­schaft­li­che Struk­tu­ren, die Reli­gi­on und der­glei­chen mehr. Gegen­stän­de, die ander­weit gewon­ne­ne Erkennt­nis­se über ver­gan­ge­ne Kul­tu­ren allen­falls illus­trie­ren und des­halb für die Archäo­lo­gie kei­ne Bedeu­tung haben, sind kei­ne „archäo­lo­gi­schen Gegen­stän­de” oder Fun­de i.S. des Anh. — I VO Nr. 1162009. Dem ent­spre­chen die Erläu­te­run­gen zum Har­mo­ni­sier­ten Sys­tem betref­fend die Posi­ti­on 9705, auf wel­che der vor­ge­nann­te Anhang Bezug nimmt, und die eben­falls auf das „archäo­lo­gi­sche Inter­es­se” abstel­len, wel­ches sie u.a. zum Stu­di­um frü­he­rer Genera­tio­nen geeig­ne­ten Gegen­stän­den bei­mes­sen, bei deren bei­spiel­haf­ter Auf­zäh­lung sie übri­gens Mün­zen und Medail­len nicht erwäh­nen. Dem ent­spricht es fer­ner, dass Gegen­stän­de, die für die Archäo­lo­gie kei­nen (Erkenntnis-)Wert haben, nicht von einem Mit­glied­staat auf­grund eines archäo­lo­gi­schen Inter­es­ses unter Schutz gestellt wer­den kön­nen. Die VO Nr. 1162009 soll jedoch, wie aus­ge­führt, nur der Durch­set­zung sol­cher Schutz­maß­nah­men eines Mit­glied­staats die­nen, näm­lich sicher­stel­len, dass die­se an den Außen­gren­zen der Uni­on beach­tet und eine mit ihnen nicht ver­ein­ba­re Aus­fuhr als natio­na­le Kul­tur­gü­ter schutz­be­dürf­ti­ger Gegen­stän­de ver­hin­dert wird.

Aller­dings kann weder aus der aus­drück­li­chen Benen­nung der „Samm­lun­gen von … numis­ma­ti­schem Wert” in Anh. I.A Nr. 13 Buchst. b VO Nr. 1162009 der Umkehr­schluss gezo­gen wer­den, ein­zel­ne Mün­zen stün­den nicht unter dem Schutz der Ver­ord­nung, noch ver­mag der BFH von vorn­her­ein aus­zu­schlie­ßen, dass ein­zel­nen Mün­zen oder Medail­len unter Umstän­den ein archäo­lo­gi­scher Wert zukom­men mag, der sie als einen „archäo­lo­gi­schen Gegen­stand” im Sin­ne der VO Nr. 1162009 erschei­nen lässt.

Mit Recht macht der Klä­ger indes sinn­ge­mäß gel­tend, dass Mün­zen, die aus der sog. Anti­ke stam­men, in der Regel kei­nen sol­chen archäo­lo­gi­schen Wert haben und des­halb kei­ne archäo­lo­gi­schen Gegen­stän­de sind, ins­be­son­de­re wenn es sie in gro­ßer Anzahl gibt und sie –wor­auf auch das Badi­sche Lan­des­mu­se­um in sei­ner vom Haupt­zoll­amt in der münd­li­chen Ver­hand­lung vor­ge­leg­ten Stel­lung­nah­me hin­ge­wie­sen hat– nicht (mehr) einem bestimm­ten Fund­ort zuge­ord­net wer­den kön­nen.

Das archäo­lo­gi­sche Inter­es­se an einem Gegen­stand ist in die­sem Zusam­men­hang vom Haupt­zoll­amt bzw. dem Tatrich­ter nach den Umstän­den des Ein­zel­falls zu bewer­ten, wobei als wich­ti­ge Beur­tei­lungs­kri­te­ri­en ins­be­son­de­re in Betracht kom­men, wie der betref­fen­de Gegen­stand im Han­del bewer­tet wird und ob glei­che oder ver­gleich­ba­re Gegen­stän­de in grö­ße­rem Umfang Gegen­stand eines Han­dels sind, an dem nicht Archäo­lo­gen bzw. archäo­lo­gi­sche Insti­tu­tio­nen und Samm­lun­gen, son­dern Samm­ler teil­neh­men, die sol­che Mün­zen nicht aus einem „archäo­lo­gi­schen” Inter­es­se, son­dern aus Sam­mel­lei­den­schaft, wegen des ästhe­ti­schen Werts der betref­fen­den Objek­te oder ande­rer Inter­es­sen erwer­ben.

Das Finanz­ge­richt hat –von sei­nem unzu­tref­fen­den recht­li­chen Aus­gangs­punkt aus– kei­ner­lei Fest­stel­lun­gen dazu getrof­fen, dass die streit­ge­gen­ständ­li­chen Mün­zen und Medail­len aus irgend­wel­chen beson­de­ren Grün­den eine Bedeu­tung und irgend­ei­nen Wert für die Archäo­lo­gie hät­ten. Auch das Haupt­zoll­amt hat dazu nichts bei­getra­gen. Die ihm vom Lan­des­mu­se­um Würt­tem­berg unter dem 28.04.2009 erteil­te Aus­kunft wäre kei­ne geeig­ne­te Grund­la­ge für eine ent­spre­chen­de Fest­stel­lung, zumal sie wider­sprüch­lich ist, wenn einer­seits sinn­ge­mäß die Ertei­lung einer Aus­fuhr­ge­neh­mi­gung für erfor­der­lich erklärt wird, ande­rer­seits das Lan­des­mu­se­um offen­läßt, ob es sich über­haupt um „archäo­lo­gi­sches Gut” han­delt.

Hin­ge­gen hat der Klä­ger unwi­der­spro­chen vor­ge­tra­gen, es han­de­le sich um „Mas­sen­wa­re”, wie sie sich viel­fach im all­ge­mei­nen Han­del befin­de. Davon kann der Bun­des­fi­nanz­hof bei sei­ner Ent­schei­dung aus­ge­hen, da nichts dafür erkenn­bar ist, dass das Finanz­ge­richt, dem aller­dings grund­sätz­lich die tat­säch­li­che Auf­klä­rung und Bewer­tung sol­cher Gege­ben­hei­ten obliegt, bei einer Zurück­ver­wei­sung der Sache gemäß § 126 Abs. 3 Satz 1 Nr. 2 FGO in einem zwei­ten Rechts­gang zu ande­ren Erkennt­nis­sen kom­men könn­te.

Die zur Aus­fuhr gestell­ten Objek­te sind nach alle­dem nicht als archäo­lo­gi­sche Gegen­stän­de anzu­se­hen. Der Klä­ger hat Anspruch auf Annah­me sei­ner Aus­fuhr­an­mel­dung, ohne dass er dafür eine Aus­fuhr­ge­neh­mi­gung vor­le­gen muss.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 11. Dezem­ber 2012 — VII R 33, 3411; VII R 3311; VII R 3411

  1. ABl.EG Nr. L 3951 []