Markenverletzung bei der Durchfuhr von Waren

Die unge­bro­che­ne Durch­fuhr von Waren, die im Aus­land mit einer im Inland geschütz­ten Mar­ke gekenn­zeich­net wor­den sind, durch das Gebiet der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land stellt kei­ne Ver­let­zung der Mar­ke dar. Dies gilt unab­hän­gig davon, ob die durch Deutsch­land durch­ge­führ­ten Waren für einen Mit­glied­staat der Euro­päi­schen Uni­on oder einen Dritt­staat bestimmt sind und ob im Bestim­mungs­land Mar­ken­schutz besteht oder nicht1.

Markenverletzung bei der Durchfuhr von Waren

Ist die Mar­ke, mit der die durch Deutsch­land durch­ge­führ­te Ware gekenn­zeich­net ist, im Bestim­mungs­land geschützt, kann in der Durch­fuhr kein im Inland began­ge­ner Teil­akt einer das aus­län­di­sche Schutz­recht beein­träch­ti­gen­den uner­laub­ten Hand­lung im Sin­ne des § 823 Abs. 1 und Abs. 2 BGB gese­hen wer­den. Dem steht der völ­ker­recht­lich und uni­ons­recht­lich aner­kann­te Grund­satz der Ter­ri­to­ria­li­tät ent­ge­gen, wonach natio­na­le Imma­te­ri­al­gü­ter­rech­te nur einen auf das staat­li­che Ter­ri­to­ri­um begrenz­ten Schutz genie­ßen2.

Besteht im Bestim­mungs­land Mar­ken­schutz, kom­men gegen den mit der Durch­fuhr durch Deutsch­land und der Ein­fuhr in das Bestim­mungs­land beauf­trag­ten Spe­di­teur gerich­te­te Ansprü­che auf Unter­las­sung der Ein­fuhr und des Inver­kehr­brin­gens von mar­ken­ver­let­zend gekenn­zeich­ne­ten Waren in Betracht, die unmit­tel­bar auf das Mar­ken­recht des Bestim­mungs­lan­des gestützt sind. Dies setzt vor­aus, dass nach dem Recht des Bestim­mungs­lan­des gegen den Spe­di­teur ein vor­beu­gen­der Unter­las­sungs­an­spruch auf Unter­sa­gung der Ein­fuhr und des Inver­kehr­brin­gens besteht.

Aller­dings hat der Bun­des­ge­richts­hof unter der Gel­tung des Waren­zei­chen­ge­set­zes ange­nom­men, dass dann, wenn die Beför­de­rung zu einer Ver­let­zung eines im Bestim­mungs­land geschütz­ten Zei­chens führt, in der Durch­fuhr ein im Inland began­ge­ner Teil­akt einer Beein­träch­ti­gung des aus­län­di­schen Schutz­rechts gese­hen wer­den kann, der als unlau­te­rer Wett­be­werb sowie als unlau­te­re Hand­lung im Sin­ne des § 823 Abs. 2 BGB im Inland ver­folgt wer­den kann3.

An die­ser Recht­spre­chung, auf die der Bun­des­ge­richts­hof bereits in der Ent­schei­dung „Durch­fuhr von Ori­gi­nal­wa­re“4 nicht mehr zurück­ge­kom­men ist, wird nicht fest­ge­hal­ten.

Rom-II-Verordnung

Da es im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Streit­fall um einen Sach­ver­halt mit Aus­lands­be­rüh­rung geht, dem eine vor dem 11.01.2009 vor­ge­nom­me­ne Hand­lung der Beklag­ten zugrun­de liegt, fin­det die Rom-II-Ver­ord­nung noch kei­ne Anwen­dung (vgl. Art. 31 f. Rom-II-VO)). Für die kol­li­si­ons­recht­li­che Prü­fung ist viel­mehr Art. 40 Abs. 1 Satz 1 EGBGB maß­geb­lich. Danach unter­lie­gen Ansprü­che aus uner­laub­ter Hand­lung dem Recht des Staa­tes, in dem der Ersatz­pflich­ti­ge gehan­delt hat oder — bei der Annah­me eines Unter­las­sungs­de­likts — hät­te han­deln müs­sen5. Im vor­lie­gen­den Streit­fall liegt der Hand­lungs­ort in Deutsch­land. Das Beru­fungs­ge­richt hat das pflicht­wid­ri­ge Ver­hal­ten der Beklag­ten dar­in gese­hen, dass sie den objek­tiv mar­ken­rechts­wid­ri­gen Besitz zu Guns­ten des rus­si­schen Käu­fers und Impor­teurs auf­recht­erhal­ten habe, obwohl sie von der Klä­ge­rin auf den Umstand der Mar­ken­fäl­schung auf­merk­sam gemacht wor­den sei. Es ist mit­hin von einer in Deutsch­land ver­letz­ten Hand­lungs­pflicht aus­ge­gan­gen. Nichts ande­res ergibt sich, wenn man die maß­ge­ben­de Hand­lung im (dro­hen­den) Trans­port durch Deutsch­land sähe6.

Deutsches Deliktsrecht und russisches Markenrecht

Aller­dings ist auf die bean­stan­de­te Hand­lung deut­sches Delikts­recht anzu­wen­den.

Der gel­tend gemach­te Unter­las­sungs­an­spruch lässt sich jedoch nicht auf § 823 BGB stüt­zen, weil die­se Vor­schrift rus­si­sche Mar­ken­rech­te nicht schützt.

Das Delikts­sta­tut bestimmt über die Vor­aus­set­zun­gen und Rechts­fol­gen einer uner­laub­ten Hand­lung7 und damit auch über die geschütz­ten Rechtsgüter((Erman/Hohloch, BGB, 13. Aufl., Art. 40 EGBGB Rn. 41)). Rus­si­sches Mar­ken­recht kommt als Schutz­ge­setz nach § 823 Abs. 2 BGB nicht in Betracht. Unter den Begriff des Geset­zes im Sin­ne des Bür­ger­li­chen Gesetz­bu­ches fal­len allein natio­na­le sowie sol­che inter­na­tio­na­len Rechts­nor­men, die für den Bür­ger unmit­tel­bar im Inland gel­ten (Art. 2 EGBGB)8. Die­se Vor­aus­set­zun­gen erfüllt das rus­si­sche Mar­ken­recht nicht. Für natio­na­le Imma­te­ri­al­gü­ter­rech­te gilt der völ­ker­recht­lich und uni­ons­recht­lich aner­kann­te Grund­satz der Ter­ri­to­ria­li­tät, wonach die­se Rech­te einen auf das staat­li­che Ter­ri­to­ri­um begrenz­ten Schutz genie­ßen und nur im Inland vor­ge­nom­me­ne Hand­lun­gen geahn­det wer­den kön­nen9. Aus­län­di­sche Mar­ken kön­nen daher nur auf­grund von — im Streit­fall nicht ersicht­li­chen — Son­der­re­ge­lun­gen oder zwi­schen­staat­li­cher Aner­ken­nung in Deutsch­land Schutz genie­ßen10 und kom­men des­halb weder als Schutz­ge­setz im Sin­ne von § 823 Abs. 2 BGB noch als sons­ti­ges Recht nach § 823 Abs. 1 BGB in Betracht11.

Der Gesichts­punkt der Schutz­be­dürf­tig­keit des Mar­ken­in­ha­bers erfor­dert kei­ne abwei­chen­de Beur­tei­lung. Inso­weit ist zu berück­sich­ti­gen, dass der Streit­fall dadurch gekenn­zeich­net ist, dass im Bestim­mungs­staat der bean­stan­de­ten Waren­lie­fe­rung nach den Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts Mar­ken­schutz besteht. Das Bedürf­nis an einem Rechts­schutz bereits im Tran­sit­staat ist für die Mar­ken­in­ha­be­rin mit­hin gerin­ger als bei einer Durch­fuhr in schutz­rechts­freie Bestim­mungs­län­der, bei der ein Schutz nach dem Delikts­recht des Tran­sit­staa­tes von vorn­her­ein aus­schei­det. Hin­zu kommt, dass den Inter­es­sen des Schutz­rechts­in­ha­bers bei einem Tran­sit in einen Bestim­mungs­staat, in dem gewerb­li­che Schutz­rech­te bestehen, auch durch eine Zusam­men­ar­beit der Zoll­be­hör­den Rech­nung getra­gen wer­den kann12.

Auf der Grund­la­ge der bis­her getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen recht­fer­ti­gen sich die gel­tend gemach­ten Ansprü­che auf Unter­las­sung und Her­aus­ga­be zum Zwe­cke der Ver­nich­tung auch nicht unmit­tel­bar aus rus­si­schem Mar­ken­recht.

Territorialitätsgrundsatz im Markenrecht

Aus dem Ter­ri­to­ria­li­täts­grund­satz folgt, dass das natio­na­le Imma­te­ri­al­gü­ter­recht nur die Hand­lun­gen mit Sank­tio­nen bele­gen kann, die im Hoheits­ge­biet des betref­fen­den Staa­tes vor­ge­nom­men wor­den sind13. Daher wird eine blo­ße Vor­be­rei­tungs­hand­lung wie der Trans­port durch das Tran­sit­land vom Recht des Bestim­mungs­staa­tes nicht erfasst14.

Etwas ande­res kann jedoch im Hin­blick auf die vom Unter­las­sungs­an­trag der Klä­ge­rin erfass­te Ein­fuhr von mit den Kla­ge­mar­ken gekenn­zeich­ne­ten Par­füms nach Russ­land sowie auf ein Inver­kehr­brin­gen sol­cher Waren in Russ­land gel­ten. Die­se Hand­lun­gen betref­fen ein Ver­hal­ten inner­halb des rus­si­schen Ter­ri­to­ri­ums und kom­men daher als Ver­let­zungs­hand­lun­gen nach rus­si­schem Mar­ken­recht in Betracht.

Die Durchfuhr als Markenverletzung

Die unge­bro­che­ne Durch­fuhr von Waren, die mit einer im Inland geschütz­ten Mar­ke ver­se­hen sind, stellt als sol­che kei­ne Benut­zungs­hand­lung im Sin­ne von § 14 Abs. 2 Mar­kenG, Art. 5 Mar­ken­RL, Art. 9 GMV und damit kei­ne Mar­ken­ver­let­zung dar.

Wer­den Waren, die mit einer im Inland geschütz­ten Mar­ke ver­se­hen sind, im Zoll­ver­schluss­ver­fah­ren durch Deutsch­land trans­por­tiert, kann der Mar­ken­in­ha­ber dage­gen nur vor­ge­hen, wenn — bei­spiels­wei­se durch Ver­kaufs­an­ge­bo­te — ein Inver­kehr­brin­gen der Waren im Inland oder — im Fal­le einer Gemein­schafts­mar­ke — in der Uni­on droht. Die blo­ße Gefahr, dass die Waren nicht an ihrem Ziel­ort ankom­men und even­tu­ell im Durch­fuhr­mit­glied­staat Deutsch­land unbe­fugt in den Ver­kehr gebracht wer­den, reicht nicht für die Annah­me aus, dass wesent­li­che Funk­tio­nen der Mar­ke in Deutsch­land beein­träch­tigt wer­den15. Es ist inso­weit uner­heb­lich, ob die durch Deutsch­land durch­ge­führ­ten Waren für einen Mit­glied­staat der Euro­päi­schen Uni­on oder einen Dritt­staat bestimmt sind und ob in dem Bestim­mungs­staat Mar­ken­schutz besteht oder nicht16.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 25. April 2012 — I ZR 23510

  1. im Anschluss an BGH, GRUR 2007, 875 — Durch­fuhr von Ori­gi­nal­wa­re und BGH, GRUR 2007, 876 — DIESEL II []
  2. Auf­ga­be von BGH, GRUR 1957, 352, 353 — Taeschner/​Pertussin II; GRUR 1958, 189, 197 Zeiß []
  3. BGH, Urteil vom 15.01.1957 — I ZR 5655, GRUR 1957, 352, 353 — Taeschner/​Pertussin II; Urteil vom 24.07.1957 — I ZR 2156, GRUR 1958, 189, 197 — Zeiß []
  4. BGH, Urteil vom 21.03.2007 — I ZR 6604, GRUR 2007, 875 = WRP 2007, 1184 []
  5. vgl. Palandt/​Thorn, BGB, 71. Aufl., (IPR) EGBGB Art. 40 Rn. 4 []
  6. so BGH, GRUR 1957, 352, 353 — Taeschner/​Pertussin II; GRUR 1958, 189, 197 — Zeiß []
  7. vgl. Münch­Komm-BGB/Jun­ker, 5. Aufl., Art. 40 EGBGB Rn. 99 []
  8. vgl. Bamberger/​Roth/​Spindler, BGB, 3. Aufl., § 823 Rn. 147; Palandt/​Sprau aaO § 823 Rn. 56a; Münch­Komm-BGB/­Wag­ner aaO § 823 Rn. 336 []
  9. EuGH, Urteil vom 22.06.1994 — C‑9/​93, Slg. 1994, I‑2789 = GRUR Int.1994, 614 Rn. 22 — Ide­al Stan­dard II; Urteil vom 14.07.2005 — C‑192/​04, Slg. 2005, I‑7199 = GRUR 2006, 50 Rn. 46 — Lagar­dè­re; BGH, Urteil vom 22.01.1964 — Ib ZR 9262, BGHZ 41, 84, 87 — Maja; Urteil vom 13.10.2004 — I ZR 16302, GRUR 2005, 431, 432 = WRP 2005, 493 — HOTEL MARITIME; Urteil vom 24.03.2011 — I ZR 21108, GRUR 2011, 1112 Rn. 22 = WRP 2011, 1621 — Schreib­ge­rä­te; Büscher in Büscher/​Dittmer/​Schiwy, Gewerb­li­cher Rechts­schutz Urhe­ber­recht Medi­en­recht, 2. Aufl., § 14 Rn. 67 []
  10. Ingerl/​Rohnke; Mar­kenG, 3. Aufl., Einl. Rn. 15; Erman/​Hohloch aaO Art. 40 EGBGB Rn. 46 []
  11. vgl. Kat­zen­ber­ger, ZHR 131 (1968), 174, 177 f.; Leit­zen, GRUR 2006, 89, 95; im Ergeb­nis eben­so Hacker in Ströbele/​Hacker, Mar­kenG, 10. Aufl., § 14 Rn. 164; ders., Mar­kenR 2009, 7, 9 []
  12. vgl. EuGH, Urteil vom 01.12.2011 — C‑446/​09, C‑495/​09, GRUR Int.2012, 134 Rn. 65 — Phil­ips und Nokia []
  13. EuGH, GRUR Int.1994, 614 Rn. 22 — Ide­al Stan­dard II; GRUR 2006, 50 Rn. 46 — Lagar­dè­re; BGH, GRUR 2005, 431, 432 — HOTEL MARITIME []
  14. Leit­zen, GRUR 2006, 89, 95; vgl. auch Heinze/​Heinze, GRUR 2007, 740, 746 []
  15. EuGH, Urteil vom 09.11.2006 — C‑281/​05, Slg. 2006, I‑10881 = GRUR 2007, 146 Rn. 23 ff. — Mon­tex Holdings/​Diesel; EuGH, GRUR Int.2012, 134 Rn. 55 ff. — Phil­ips und Nokia; BGH, Urteil vom 21.03.2007 — I ZR 24602, GRUR 2007, 876 Rn. 18 = WRP 2007, 1185 — DIESEL II; BGH, GRUR 2007, 875 Rn. 12 — Durch­fuhr von Ori­gi­nal­wa­re []
  16. vgl. BGH, GRUR 2007, 876 Rn. 18 — DIESEL II; BGH GRUR 2007, 875 Rn. 12 — Durch­fuhr von Ori­gi­nal­wa­re; Büscher in Büscher/​Dittmer/​Schiwy aaO § 14 Rn. 581; Hacker in Ströbele/​Hacker aaO § 14 Rn. 164; ders. in Mar­kenR 2009, 7, 9; Leit­zen, GRUR 2006, 89, 94 []