Par­al­lel­im­por­te von Pflan­zen­schutz­mit­teln

Strei­ten der Her­stel­ler eines im Inland zuge­las­se­nen Pflan­zen­schutz­mit­tels A und ein Drit­ter, der für das von ihm impor­tier­te Pflan­zen­schutz­mit­tel B die für das Pro­dukt A bestehen­de Zulas­sung in Anspruch nimmt, über die che­mi­sche Iden­ti­tät der bei­den Mit­tel, liegt die Dar­le­gungs und Beweis­last hier­für auch nach Inkraft­tre­ten des § 16c PflSchG bei dem Drit­ten [1].

Par­al­lel­im­por­te von Pflan­zen­schutz­mit­teln

Nach § 11 Abs. 1 Satz 1 PflSchG dür­fen Pflan­zen­schutz­mit­tel in der For­mu­lie­rung, in der die Abga­be an den Ver­wen­der vor­ge­se­hen ist, nur in den Ver­kehr gebracht wer­den, wenn sie vom Bun­des­amt zuge­las­sen sind. Als zuge­las­sen gilt nach § 11 Abs. 1 Satz 2 PflSchG auch ein Pflan­zen­schutz­mit­tel, für das die Ver­kehrsfä­hig­keits­be­schei­ni­gung nach § 16c PflSchG fest­ge­stellt ist. Gemäß § 16c Abs. 1 Satz 1 PflSchG darf ein Pflan­zen­schutz­mit­tel, das in einem ande­ren Mit­glied­staat oder einem Ver­trags­staat des Abkom­mens über den Euro­päi­schen Wirt­schafts­raum zuge­las­sen ist und mit einem in Deutsch­land zuge­las­se­nen Pflan­zen­schutz­mit­tel über­ein­stimmt, nur ein­ge­führt und in den Ver­kehr gebracht wer­den, wenn der­je­ni­ge, der das Mit­tel ein­füh­ren oder in Ver­kehr brin­gen will, zuvor beim Bun­des­amt die Fest­stel­lung der Ver­kehrsfä­hig­keit bean­tragt und das Bun­des­amt die­se Fest­stel­lung getrof­fen hat. Die dabei vor­aus­ge­setz­te Über­ein­stim­mung des par­al­lel­ein­zu­füh­ren­den Pflan­zen­schutz­mit­tels (Import­mit­tel) mit dem ent­spre­chen­den zuge­las­se­nen Pflan­zen­schutz­mit­tel (Refe­renz­mit­tel) liegt, wie sich aus § 16c Abs. 2 Satz 1 PflSchG ergibt, dann vor, wenn das par­al­lel­ein­zu­füh­ren­de Pflan­zen­schutz­mit­tel die glei­chen Wirk­stof­fe in ver­gleich­ba­rer Men­ge mit ent­spre­chen­dem Min­dest­rein­heits­grad und mit bestimm­ten Ver­un­rei­ni­gun­gen glei­cher Art sowie ent­spre­chen­dem Höchst­ge­halt ent­hält wie das Refe­renz­mit­tel (Nr. 1) und mit die­sem in Zusam­men­set­zung und Beschaf­fen­heit über­ein­stimmt (Nr. 2).

Eine ver­gleich­ba­re Men­ge des Wirk­stoffs im Sin­ne des § 16c Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 PflSchG liegt gemäß § 1c Abs. 3 PflSchMGV (Ver­ord­nung über Pflan­zen­schutz­mit­tel und Pflan­zen­schutz­ge­rä­te – Pflan­zen­schutz­mit­tel­ver­ord­nung) vor, soweit sich der ange­ge­be­ne Wirk­stoff­ge­halt des ein­zu­füh­ren­den Mit­tels nicht von dem Wirk­stoff­ge­halt des Refe­renz­mit­tels unter­schei­det (Nr. 1) oder bei der ana­ly­ti­schen Bestim­mung des Wirk­stoff­ge­halts die in Anhang VI Teil C der Richt­li­nie 91/​414/​EWG unter der Num­mer 2.7.2 Buch­sta­be a in der jeweils gel­ten­den Fas­sung genann­ten Kri­te­ri­en ein­ge­hal­ten wur­den (Nr. 2). Nach § 1c Abs. 4 PflSchMGV ist eine Über­ein­stim­mung in Zusam­men­set­zung und Beschaf­fen­heit im Sin­ne des § 16c Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 PflSchG gege­ben, wenn bei­de Mit­tel in der For­mu­lie­rungs­art über­ein­stim­men (Nr. 1) und qua­li­ta­ti­ve oder quan­ti­ta­ti­ve Unter­schie­de in den Bei­stof­fen nicht zu Unter­schie­den im Hin­blick auf die bio­lo­gi­sche Wirk­sam­keit, die Aus­wir­kun­gen auf die zu behan­deln­den Pflan­zen oder die Aus­wir­kun­gen auf Mensch, Tier oder Natur­haus­halt füh­ren (Nr. 2). An einer sol­chen Über­ein­stim­mung fehlt es nach § 1c Abs. 5 PflSchMGV ins­be­son­de­re dann, wenn ein nicht bewer­te­ter Bei­stoff oder eine nicht bewer­te­te Bei­stoff­sub­stanz vor­liegt (Nr. 1), Bei­stoff­sub­stan­zen mit wesent­li­cher Funk­ti­on feh­len (Nr. 2), unter­schied­li­che Nomi­nal­kon­zen­tra­tio­nen von Bei­stof­fen mit wesent­li­cher Funk­ti­on vor­lie­gen (Nr. 3), Bei­stoff­sub­stan­zen vor­lie­gen, die toxi­scher oder öko­to­xi­scher sind als die des Refe­renz­mit­tels oder die für die Wirk­sam­keit oder die Sta­bi­li­tät ungüns­ti­ger sind als die des Refe­renz­mit­tels (Nr. 4), oder Bei­stof­fe feh­len, die dem Anwen­der­schutz die­nen oder zum Schutz Drit­ter Anwen­dung fin­den (Nr. 5).

Es liegt auf der Hand, dass in einem Voll­stre­ckungs­ver­fah­ren, dem ein den gestell­ten Unter­las­sungs­an­trä­gen ent­spre­chen­der Ver­bots­ti­tel zugrun­de liegt, das Voll­stre­ckungs­ge­richt beur­tei­len müss­te, ob ein Pflan­zen­schutz­mit­tel in einer vom vor­lie­gen­den Streit­fall abwei­chen­den Zusam­men­set­zung die Vor­aus­set­zun­gen der Ver­kehrsfä­hig­keit nach § 16c Abs. 2 PflSchG erfüllt. Dies könn­te eine Wür­di­gung der kom­ple­xen recht­li­chen Begrif­fe des § 16c Abs. 2 PflSchG und des § 1c Abs. 3 bis 5 PflSchMGV im Voll­stre­ckungs­ver­fah­ren erfor­dern, die jedoch grund­sätz­lich dem Erkennt­nis­ver­fah­ren vor­be­hal­ten ist. Die vom Gläu­bi­ger im Voll­stre­ckungs­ver­fah­ren gel­tend gemach­te Abwei­chung der Zusam­men­set­zung des Import­pflan­zen­schutz­mit­tels vom Refe­renz­mit­tel könn­te völ­lig anders gela­gert sein als die­je­ni­ge, die Grund­la­ge des vor­lie­gen­den Ver­fah­rens ist. Das wäre – zumal unter Berück­sich­ti­gung des­sen, dass die stoff­li­che Zusam­men­set­zung des Refe­renz­mit­tels für Außen­ste­hen­de nicht ohne wei­te­res und im vol­len Umfang erkenn­bar ist – nach der oben in Rand­num­mer 16 ange­führ­ten Recht­spre­chung nur dann hin­zu­neh­men, wenn dies zur Gewähr­leis­tung effek­ti­ven Rechts­schut­zes im Hin­blick auf das von der Klä­ge­rin bean­stan­de­te geschäft­li­che Ver­hal­ten der Beklag­ten erfor­der­lich wäre. Davon kann jedoch nicht aus­ge­gan­gen wer­den. Unlau­te­rem Ver­hal­ten der Beklag­ten kann bereits durch ein kon­kre­ter gefass­tes Ver­bot wirk­sam ent­ge­gen­ge­wirkt wer­den [2].

Die seit 14. Juni 2011 gel­ten­de und damit für die abschlie­ßen­de Beur­tei­lung der in die Zukunft gerich­te­ten Unter­las­sungs­an­trä­ge und der Fol­ge­an­sprü­che für den nach­fol­gen­den Zeit­raum mög­li­cher­wei­se eben­falls maß­geb­li­che Rege­lung des Par­al­lel­han­dels mit Pflan­zen­schutz­mit­teln in Art. 52 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 1007/​2009 über das Inver­kehr­brin­gen von Pflan­zen­schutz­mit­teln und zur Auf­he­bung der Richt­li­ni­en 79/​117/​EWG und 91/​414/​EWG ist mit der bis zu die­sem Zeit­punkt gel­ten­den Rege­lung in § 16c PflSchG ver­gleich­bar. So kann gemäß Art. 52 Abs. 1 Satz 1 VO (EG) Nr. 1107/​2009 ein Pflan­zen­schutz­mit­tel, das in einem Mit­glied­staat (Ursprungs­mit­glied­staat) zuge­las­sen ist, in einen ande­ren Mit­glied­staat (nur) dann ein­ge­führt und dort in Ver­kehr gebracht oder ver­wen­det wer­den (Ein­fuhr­mit­glied­staat), wenn die­ser Mit­glied­staat fest­stellt, dass das Pflan­zen­schutz­mit­tel in sei­ner Zusam­men­set­zung mit einem Pflan­zen­schutz­mit­tel iden­tisch ist, das in sei­nem Gebiet bereits zuge­las­sen ist (Refe­renz­mit­tel). Pflan­zen­schutz­mit­tel gel­ten nach Art. 52 Abs. 3 VO (EG) Nr. 1107/​2009 als iden­tisch mit dem Refe­renz­mit­tel, wenn sie von dem­sel­ben Unter­neh­men oder einem ange­schlos­se­nen Unter­neh­men oder unter Lizenz nach dem­sel­ben Ver­fah­ren her­ge­stellt wur­den, in Spe­zi­fi­ka­ti­on und Gehalt an Wirk­stof­fen, Safe­nern und Syn­er­gis­ten sowie in For­mu­lie­rungs­art iden­tisch sind und hin­sicht­lich der ent­hal­te­nen Bei­stof­fe und der Grö­ße, des Mate­ri­als und der Form der Ver­pa­ckung im Hin­blick auf die poten­zi­ell nach­tei­li­gen Wir­kun­gen auf die Sicher­heit des Pro­dukts in Bezug auf die Gesund­heit von Mensch oder Tier oder auf die Umwelt iden­tisch oder gleich­wer­tig sind [3]. Pflan­zen­schutz­mit­tel, für die vor dem 14.06.2011 Ver­kehrsfä­hig­keits­be­schei­ni­gun­gen erteilt wor­den sind, dür­fen noch bis zu dem Zeit­punkt in Ver­kehr gebracht wer­den, an dem die Zulas­sung des Refe­renz­mit­tels endet, sofern nicht die Ver­kehrsfä­hig­keits­be­schei­ni­gung vor die­sem Zeit­punkt durch Wider­ruf oder Rück­nah­me endet (vgl. § 5 Abs. 3 Nr. 2 des Geset­zes über die vor­läu­fi­ge Durch­füh­rung unmit­tel­bar gel­ten­der Vor­schrif­ten der Euro­päi­schen Uni­on über die Zulas­sung oder Geneh­mi­gung des Inver­kehr­brin­gens von Pflan­zen­schutz­mit­teln [4]).

Die Zulas­sungs­be­stim­mun­gen des Pflan­zen­schutz­ge­set­zes sind im Hin­blick dar­auf, dass sie gemäß § 1 Abs. 4 PflSchG dem Schutz der Gesund­heit der Ver­brau­cher die­nen, Markt­ver­hal­tens­re­ge­lun­gen im Sin­ne des § 4 Nr. 11 UWG [5]. Ver­stö­ße gegen die­se Bestim­mun­gen sind des­halb auch geeig­net, die Inter­es­sen der Ver­brau­cher nicht uner­heb­lich bzw. spür­bar im Sin­ne von § 3 UWG 2004, § 3 Abs. 1 UWG 2008 zu beein­träch­ti­gen [6].

Der Anspruch­stel­ler muss im Rah­men des in § 4 Nr. 11 UWG gere­gel­ten Rechts­bruchs­tat­be­stan­des bei unter einem Ver­bot mit Erlaub­nis­vor­be­halt ste­hen­den Ver­hal­tens­wei­sen ledig­lich dar­le­gen und im Bestrei­ten­s­fall bewei­sen, dass das von ihm bean­stan­de­te Ver­hal­ten des Anspruchs­geg­ners von dem gene­rel­len Ver­bot erfasst wird [7]. Aus die­sem Grund hat im Streit­fall die Beklag­te dar­zu­le­gen und zu bewei­sen, dass die von der Klä­ge­rin bean­stan­de­te Ver­hal­tens­wei­se von der Ver­kehrsfä­hig­keits­fest­stel­lung gemäß § 16c PflSchG gedeckt ist.

Die in der instanz­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung ver­tre­te­ne gegen­tei­li­ge Ansicht [8] berück­sich­tigt nicht genü­gend, dass die in § 16c PflSchG ent­hal­te­ne Rege­lung, die die Anfor­de­run­gen an einen zuläs­si­gen Par­al­lel­im­port ver­schärft hat, nicht nur bezweckt, die Rechts­si­cher­heit für die Impor­teu­re hin­sicht­lich der Ver­kehrsfä­hig­keit ihrer Pro­duk­te zu erhö­hen. Viel­mehr soll sie ins­be­son­de­re auch Rechts­si­cher­heit für die Zulas­sungs­in­ha­ber und die Anwen­der schaf­fen sowie die Kon­trol­le der auf dem Markt befind­li­chen Pflan­zen­schutz­mit­tel erleich­tern, um sicher­zu­stel­len, dass kei­ne Pflan­zen­schutz­mit­tel in Ver­kehr gebracht wer­den, die nicht bereits im euro­päi­schen Wirt­schafts­raum zuge­las­sen und mit einem in Deutsch­land zuge­las­se­nen Pflan­zen­schutz­mit­tel über­ein­stim­men [9]. Die­se mit der gesetz­li­chen Neu­re­ge­lung ver­folg­ten Zie­le gebie­ten es, dass bei einem Streit über die Iden­ti­tät der Mit­tel die Dar­le­gungsund Beweis­last bei dem­je­ni­gen liegt, der für sich die Iden­ti­tät in Anspruch nimmt.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 2. Febru­ar 2012 – I ZR 81/​10 – Tri­benuron­me­thyl

  1. Fort­füh­rung von BGH, Urteil vom 19.11.2009 – I ZR 186/​07, GRUR 2010, 160 Rn. 15 – Quiz­alo­fop[]
  2. vgl. für einen ver­gleich­ba­ren Fall BGH, Urteil vom 06.10.2011 – I ZR 117/​10, GRUR 2012, 407 Rn.19 und 21 bis 28 = WRP 2012, 456 – Delan[]
  3. vgl. Kamann, StoffR 2011, 52, 5355[]
  4. vom 23.05.2011 [BGBl. I S. 925]; Gees­mann, StoffR 2011, 134, 139 f.[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 10.02.2011 – I ZR 8/​09, GRUR 2011, 842 Rn.20 = WRP 2011, 1144 – RC-Netz­mit­tel; BGH, GRUR 2011, 843 Rn. 16 – Vor­rich­tung zur Schäd­lings­be­kämp­fung; BGH, GRUR 2012, 407 Rn. 31 – Delan[]
  6. vgl. BGH, GRUR 2011, 842 Rn. 21 – RCNetz­mit­tel; GRUR 2011, 843 Rn. 16 – Vor­rich­tung zur Schäd­lings­be­kämp­fung; BGH, GRUR 2012, 407 Rn. 31 – Delan[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 23.06.2005 – I ZR 194/​02, BGHZ 163, 265, 273 f. – Atem­test, zu § 21 AMG; BGH, Urteil vom 19.11.2009 – I ZR 186/​07, GRUR 2010, 160 Rn. 15 = WRP 2010, 250 – Quiz­alo­fop, zu § 11 PflSchG; Urteil vom 09.09.2010 – I ZR 107/​09, GRUR 2011, 453 Rn. 21 = WRP 2011, 446 – Hand­lan­ger, zu § 21 AMG[]
  8. vgl. OLG Köln, GRUR-RR 2011, 113, 115; LG Aachen, Urteil vom 07.09.2010 – 41 O 110/​09[]
  9. vgl. Begrün­dung des Ent­wurfs der Frak­tio­nen der CDU/​CSU und SPD eines Zwei­ten Geset­zes zur Ände­rung des Pflan­zen­schutz­ge­set­zes, BT-Drucks. 16/​645, S. 2 und 6[]