Rechtsscheinshaftung der Gesellschaft bei Auslandsberührung

In Fäl­len mit Aus­lands­be­rüh­rung rich­tet sich die Rechts­schein­haf­tung der Gesell­schaft für das Han­deln ihres Organs, das sei­ne Ver­tre­tungs­be­fug­nis bei einem Distanz­ge­schäft über­schrei­tet, jeden­falls dann nach der an dem Ort der Abga­be der Wil­lens­er­klä­rung gel­ten­den Rechts­ord­nung, wenn die­se zugleich über die organ­schaft­li­che Ver­tre­tungs­macht ent­schei­det1.

Rechtsscheinshaftung der Gesellschaft bei Auslandsberührung

Als maß­geb­li­che Anknüp­fung für eine Anscheins­voll­macht hat der Bun­des­ge­richts­hof den Ort ange­se­hen, an dem der Rechts­schein ent­stan­den ist und sich aus­ge­wirkt hat, weil die Haf­tung allein auf dem Rechts­schein beru­he2; dabei ging es aller­dings nicht um ein Distanz­ge­schäft, bei dem wie hier der Ort der Abga­be der Wil­lens­er­klä­rung (hier: Bra­si­li­en) und der ihres Zugangs (hier: Deutsch­land) aus­ein­an­der­fal­len. Die gewähl­te For­mu­lie­rung ist als unscharf kri­ti­siert wor­den3. Im Ergeb­nis ähn­lich stel­len Tei­le der Lite­ra­tur hin­sicht­lich der Rechts­schein­haf­tung der Gesell­schaft für das Han­deln ihrer Orga­ne auf das Recht des Ortes ab, an dem das Geschäft statt­fand4.

Ande­re plä­die­ren für die Maß­geb­lich­keit des Voll­machts­sta­tuts. Der enge Zusam­men­hang zwi­schen Ver­tre­tungs­be­fug­nis und Rechts­schein­haf­tung erfor­de­re die Anwen­dung der­sel­ben Rechts­ord­nung. Wäh­rend dies bei einer rechts­ge­schäft­li­chen Voll­macht wegen ihrer Anknüp­fung an den Gebrauchs- und Wir­kungs­ort im Regel­fall nicht zu ande­ren Ergeb­nis­sen führt, unter­liegt die Rechts­schein­haf­tung bei einer organ­schaft­li­chen Ver­tre­tungs­macht nach die­ser Ansicht ohne Rück­sicht auf den Hand­lungs­ort dem Gesell­schafts­sta­tut5.

Im Ergeb­nis füh­ren alle Ansich­ten zu der Anwen­dung bra­si­lia­ni­schen Rechts, es sei denn, man woll­te den Ort des Zugangs der Wil­lens­er­klä­rung als maß­geb­lich anse­hen. Die­se Auf­fas­sung wird nur ver­ein­zelt ver­tre­ten6. Die über­wie­gen­de Mei­nung sieht wie das Beru­fungs­ge­richt bei Distanz­ge­schäf­ten stets den Ort der Abga­be der Erklä­rung des Ver­tre­ters als maß­geb­lich sowohl für die Anknüp­fung einer rechts­ge­schäft­li­chen Voll­macht als auch der Rechts­schein­haf­tung an7.

Der Bun­des­ge­richts­hof hält die Anknüp­fung an den Ort des Zugangs der Wil­lens­er­klä­rung auch unter Ver­trau­ens­schutz­ge­sichts­punk­ten jeden­falls dann nicht für rich­tig, wenn das an dem Hand­lungs­ort des Ver­tre­ters gel­ten­de Recht wie hier zugleich über des­sen Ver­tre­tungs­be­fug­nis ent­schei­det. An die­ser Rechts­ord­nung muss sich der Geschäfts­part­ner aus­rich­ten, der auf die Ver­tre­tungs­macht einer im Aus­land han­deln­den Per­son ver­traut.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 20. Juli 2012 — V ZR 14211

  1. Fort­füh­rung von BGHZ 43, 21 ff. []
  2. BGH, Urteil vom 09.12.1964 VIII ZR 30462, BGHZ 43, 21, 27; vgl. auch BGH, Urteil vom 05.02.2007 II ZR 8405, NJW 2007, 1529, 1530 Rn. 9 mwN []
  3. Leible, IPRax 1998, 257, 260; Heinz, Das Voll­machts­sta­tut [2011], S. 211 f. []
  4. Münch­Komm-BGB/Kind­ler, Int. GesR, 5. Aufl. Rn. 585; Staudinger/​Großfeld, Int. GesR [1998] Rn. 285; Kali­gin, DB 1985, 1449, 1452 []
  5. Haus­mann in Reithmann/​Martiny, Inter­na­tio­na­les Ver­trags­recht, 6. Aufl., Rn. 2480; Heinz, aaO, S. 211 f. []
  6. OLG Köln, IPRspr.1966/67 Nr. 25, S. 80 f.; Staudinger/​Magnus, BGB [2010], Anh. II zu Art. 1 Rom IVO Rn. 39: Ort, an dem der Drit­te ver­traut []
  7. LG Karls­ru­he, RIW 2002, 153, 155; Erman/​Hohloch, BGB, 13. Aufl., Anh. I nach Art. 12 EGBGB Rn. 7; Kro­phol­ler, IPR, 6. Aufl., S. 306, 308; Haus­mann in Reithmann/​Martiny, aaO, Rn. 2433, 2480; wei­te­re Nach­wei­se bei Heinz, aaO, S. 18, 162 ff. []