Sank­tio­nen gegen die Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen aus­län­di­scher Des­po­ten

Sank­tio­nen, die der Rat gegen ein Dritt­land erlas­sen hat, dür­fen auf natür­li­che Per­so­nen nicht allein wegen ihrer fami­liä­ren Bin­dung zu Per­so­nen, die mit den Macht­ha­bern des ent­spre­chen­den Lan­des ver­bun­den sind, ange­wandt wer­den. Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on hat daher die EU-Ver­ord­nung, mit der das Ein­frie­ren von Gel­dern von Herrn Pye Phyo Tay Za ange­ord­net wird, für nich­tig erklärt, soweit sie ihn betrifft.

Sank­tio­nen gegen die Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen aus­län­di­scher Des­po­ten

Auf­grund der man­geln­den Fort­schrit­te im Hin­blick auf eine Demo­kra­ti­sie­rung und der anhal­ten­den Ver­let­zun­gen der Men­schen­rech­te in Birma/​Myan­mar führ­te der Rat bereits im Jahr 1996 eine Rei­he restrik­ti­ver Maß­nah­men gegen die­ses Land ein. Erst­mals wur­de die Euro­päi­sche Uni­on dabei mit dem vom Rat auf­grund von Arti­kel J.2 des Ver­trags über die Euro­päi­sche Uni­on fest­ge­leg­ten Gemein­sa­men Stand­punkt 96/​635/​GASP vom 28. Okto­ber 1996 betref­fend Birma/​Myanmar [1] tätig. Die­se Maß­nah­men wur­den regel­mä­ßig auf­recht­erhal­ten und aus­ge­wei­tet. Sie umfas­sen ins­be­son­de­re das Ein­frie­ren der Gel­der der Mit­glie­der der Regie­rung von Myan­mar und der mit ihnen ver­bun­de­nen Per­so­nen und Orga­ni­sa­tio­nen, deren Namen in einer vom Rat erstell­ten Lis­te ver­zeich­net sind.

Herr Pye Phyo Tay Za wur­de in die­se Lis­te als eine der Per­so­nen auf­ge­nom­men, die Nut­zen aus der Wirt­schafts­po­li­tik der Regie­rung zie­hen; sein Name wur­de mit dem Zusatz „Sohn von Tay Za“ und der Name sei­nes Vaters mit dem Zusatz „Geschäfts­füh­ren­der Direk­tor, Htoo Tra­ding Co; Htoo Con­struc­tion Co.“ ver­se­hen. Im Mai 2008 erhob Herr Pye Phyo Tay Za beim Gericht Kla­ge auf Nich­tig­erklä­rung der Ver­ord­nung (EG) Nr. 194/​2008 [2], der eine Lis­te mit sei­nem Namen bei­gefügt ist.

Mit Urteil vom 19. Mai 2010 wies das Gericht der Euro­päi­schen Uni­on sei­ne Kla­ge ab [3] und führ­te dabei ins­be­son­de­re aus, dass sich ver­mu­ten las­se, dass die Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen der Füh­rungs­kräf­te von Unter­neh­men aus der von die­sen aus­ge­üb­ten Funk­ti­on Nut­zen zögen, so dass sie eben­falls Nut­zen aus der Wirt­schafts­po­li­tik der Regie­rung zögen. Das Gericht ent­schied fer­ner, dass sich die­se Ver­mu­tung wider­le­gen las­se, sofern es Herrn Pye Phyo Tay Za gelin­ge, dar­zu­tun, dass er zu der Füh­rungs­kraft, die zu sei­ner Fami­lie gehö­re, kei­ne enge Ver­bin­dung habe.

Herr Pye Phyo Tay Za leg­te sodann beim Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on das Rechts­mit­tel gegen die­ses Urteil des Gerichts der Euro­päi­schen Uni­on ein. Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on ist damit im vor­lie­gen­den Fall auf­ge­ru­fen, über die Vor­aus­set­zun­gen zu ent­schei­den, unter denen sich eine vom Rat gegen ein Dritt­land ein­ge­führ­te Sank­ti­ons­re­ge­lung gegen natür­li­che Per­so­nen rich­ten darf, und über die erfor­der­li­che Inten­si­tät der Ver­bin­dung zwi­schen die­sen Per­so­nen und dem herr­schen­den Régime.

In sei­nem heu­ti­gen Urteil weist der Gerichts­hof auf sei­ne bis­he­ri­ge Recht­spre­chung [4] hin, nach der restrik­ti­ve Maß­nah­men gegen ein Dritt­land – was natür­li­che Per­so­nen betrifft – nur auf die Macht­ha­ber die­ses Lan­des und mit ihnen ver­bun­de­ne Per­so­nen abzie­len dür­fen.

So woll­te der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, indem er ent­schie­den hat, dass sol­che restrik­ti­ven Maß­nah­men nicht auf Per­so­nen abzie­len dür­fen, die „in ande­rer Art und Wei­se“ mit dem ent­spre­chen­den Land ver­bun­den sind, die Kate­go­rien von natür­li­chen Per­so­nen, gegen die geziel­te restrik­ti­ve Maß­nah­men gerich­tet wer­den kön­nen, auf die­je­ni­gen beschrän­ken, deren Ver­bin­dung mit dem betrof­fe­nen Dritt­land ganz offen­sicht­lich ist, also auf die Macht­ha­ber der ent­spre­chen­den Dritt­län­der und mit ihnen ver­bun­de­ne Per­so­nen.

Die Anwen­dung der­ar­ti­ger Maß­nah­men auf natür­li­che Per­so­nen allein des­halb, weil eine fami­liä­re Bin­dung zu sol­chen Per­so­nen besteht, die mit den Macht­ha­bern des betrof­fe­nen Dritt­lands ver­bun­den sind, und unab­hän­gig von ihrem per­sön­li­chen Ver­hal­ten steht daher im Wider­spruch zum Uni­ons­recht. Es lässt sich näm­lich nur schwer eine auch nur mit­tel­ba­re Ver­bin­dung her­stel­len zwi­schen den man­geln­den Fort­schrit­ten im Hin­blick auf eine Demo­kra­ti­sie­rung sowie den anhal­ten­den Ver­let­zun­gen der Men­schen­rech­te in Myan­mar – die einer der Grün­de für den Erlass der restrik­ti­ven Maß­nah­men waren –, und dem Ver­hal­ten der Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen der Füh­rungs­kräf­te von Unter­neh­men, das als sol­ches in kei­ner Wei­se gerügt wird.

Folg­lich konn­te die Maß­nah­me der Ein­frie­rung der Gel­der und wirt­schaft­li­chen Res­sour­cen von Herrn Pye Phyo Tay Za nur auf der Grund­la­ge genau­er und kon­kre­ter Umstän­de erlas­sen wer­den, anhand deren sich fest­stel­len ließ, dass er Nut­zen aus der Wirt­schafts­po­li­tik der Macht­ha­ber von Myan­mar zieht.

Aus die­sen Erwä­gun­gen folgt für den Euro­päi­schen Gerichts­hof, dass das erst­in­stanz­li­che Gericht rechts­feh­ler­haft ent­schie­den hat, dass sich ver­mu­ten las­se, dass die Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen der Füh­rungs­kräf­te von Unter­neh­men aus der von die­sen aus­ge­üb­ten Funk­ti­on Nut­zen zögen, so dass sie eben­falls Nut­zen aus der Wirt­schafts­po­li­tik der Regie­rung zögen und somit zwi­schen Herrn Pye Phyo Tay Za und dem Mili­tär­re­gime von Myan­mar eine hin­rei­chen­de Ver­bin­dung bestehe.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on hebt daher das Urteil des Gerichts der Euro­päi­schen Uni­on auf und erklärt die Bestim­mun­gen der strei­ti­gen Ver­ord­nung, die Herrn Pye Phyo Tay Za betref­fen, für nich­tig.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 13. März 2012 – C‑376/​10 P [Pye Phyo Tay Za /​Rat]

  1. ABl. L 287, S. 1[]
  2. Ver­ord­nung (EG) Nr. 194/​2008 des Rates vom 25. Febru­ar 2008 zur Ver­län­ge­rung und Aus­wei­tung der restrik­ti­ven Maß­nah­men gegen Birma/​Myanmar und zur Auf­he­bung der Ver­ord­nung (EG) Nr. 817/​2006, ABl. L 66, S. 1[]
  3. EuGH, Urteil vom 19.05.2010 – T‑181/​08 [Pye Phyo Tay Za/​Rat][]
  4. vgl. EuGH, Urteil vom 03.09.2008 – C402/​05 P und C‑415/​05 P [Kadi und Al Bara­ka­at Inter­na­tio­nal Foundation/​Rat und Kom­mis­si­on][]