Tarifierung von Thermopapers und Thermolabels

Nach ihrem Wort­laut erfasst Pos. 9025 KN u.a. „Ther­mo­me­ter”. Die­ser Begriff wird weder in der KN defi­niert noch fin­den sich Beschrei­bun­gen in den Anmer­kun­gen und Erläu­te­run­gen.

Tarifierung von Thermopapers und Thermolabels

Nach dem EuGH, Urteil Duval1 ver­weist die­ser Begriff in sei­ner gän­gi­gen Bedeu­tung auf Mess­ge­rä­te zur Bestim­mung der Tem­pe­ra­tur, wor­auf im Übri­gen in zahl­rei­chen Sprach­fas­sun­gen der KN die Ver­bin­dung der aus dem Grie­chi­schen stam­men­den Wör­ter hin­wei­se, die den Begriff aus­ma­chen. So habe der Gerichts­hof in Rz 34 des Urteils „Ray­tek und Flu­ke Euro­pe” vom 12.02.20152 in Bezug auf eine Ver­ord­nung der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on, mit der Infra­rot-Wär­me­bild­ka­me­ras in die Unter­pos. 9025 19 20 KN ein­ge­reiht wor­den sei­en, u.a. ent­schie­den, die Kom­mis­si­on habe davon aus­ge­hen dür­fen, dass die betref­fen­den Gerä­te, da sie Tem­pe­ra­tur­mes­sun­gen vor­näh­men und die Mess­wer­te in Zah­len ange­ben könn­ten, einer unter der Pos. 9025 KN auf­ge­führ­ten Funk­ti­on ent­sprä­chen und als Ther­mo­me­ter i.S. die­ser Posi­ti­on ein­zu­rei­hen sei­en. In Rz 35 jenes Urteils habe der Gerichts­hof zudem her­vor­ge­ho­ben, die schlich­te Tem­pe­ra­tur­mes­sung sei die spe­zi­el­le Eigen­schaft, die durch die Pos. 9025 KN abge­deckt wer­de.

Die von der Klä­ge­rin ein­ge­führ­ten Ther­mo­pa­pers und Ther­mo­la­bels sind nach ihren objek­ti­ven Merk­ma­len dazu geeig­net, das Errei­chen einer bestimm­ten Tem­pe­ra­tur anzu­zei­gen. Nach den für den Bun­des­fi­nanz­hof gemäß § 118 Abs. 2 FGO bin­den­den Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt zeigt im Fall der Ther­mo­pa­pers die Ver­fär­bung der Vor­der­sei­te der Strei­fen von weiß nach schwarz an, dass die dar­auf auf­ge­druck­te Tem­pe­ra­tur erreicht ist. Im Fall der Ther­mo­la­bels wird an fünf Mess­punk­ten mit vor­ge­ge­be­nen anstei­gen­den Mess­wer­ten durch Far­bän­de­rung die erreich­te Tem­pe­ra­tur ange­zeigt. Die Beur­tei­lung, durch die jewei­li­ge Far­bän­de­rung sei die Tem­pe­ra­tur des Objekts gemes­sen und das Papier als Trä­ger­ma­te­ri­al der Strei­fen sowie die Irrever­si­bi­li­tät der Anzei­ge in Gestalt der (ein­ma­li­gen) Ver­fär­bung stün­den der Qua­li­fi­zie­rung als Ther­mo­me­ter nicht ent­ge­gen, ist revi­si­ons­recht­lich nicht zu bean­stan­den.

Auf die­ser Grund­la­ge hat der EuGH in sei­ner Ent­schei­dung Duval3 über das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen des Bun­des­fi­nanz­hofs fest­ge­stellt, Waren wie die vor­lie­gend in Rede ste­hen­den sei­en auf­grund ihrer objek­ti­ven Merk­ma­le und Eigen­schaf­ten zur aus­schließ­li­chen Ver­wen­dung als Tem­pe­ra­tur­mess­ge­rä­te bestimmt. Da näm­lich ihre ein­zi­ge Funk­ti­on dar­in bestehe, beim Mes­sen der Umge­bungs­tem­pe­ra­tur anzu­zei­gen, ob ein bestimm­tes vor­her fest­ge­leg­tes Tem­pe­ra­tur­ni­veau erreicht wor­den ist, indem sie, sofern dies der Fall sei, das dem­entspre­chen­de Mess­ergeb­nis durch eine Far­bän­de­rung sicht­bar mach­ten, sei­en sol­che Waren mit­hin als Ther­mo­me­ter in die Pos. 9025 KN ein­zu­rei­hen.

Inner­halb die­ser Posi­ti­on hat das Finanz­ge­richt zu Recht die Unter­pos. 9025 19 80 KN mit einem Dritt­lands­zoll­satz von 2, 1 % fest­ge­stellt.

Dem steht nicht ent­ge­gen, dass Ther­mo­pa­pers und Ther­mo­la­bels oder ver­gleich­ba­re Instru­men­te aus Papier nicht in der Auf­zäh­lung in den Erläu­te­run­gen zum Har­mo­ni­sier­ten Sys­tem (ErlHS) zu Pos. 9025 Rz 08.0 ff. genannt wer­den, weil die­se Auf­zäh­lung nicht abschlie­ßend ist. Zudem dür­fen der­ar­ti­ge Erläu­te­run­gen jeden­falls nicht zur Fol­ge haben, dass die Bedeu­tung einer KN-Posi­ti­on, wie sie aus deren Wort­laut her­vor­geht, ein­ge­schränkt wird4. Somit kann der Umstand, dass alle in dem genann­ten Abschnitt der ErlHS so auf­ge­zähl­ten Waren nicht nur die oben in den Rz 27 bis 29 genann­te spe­zi­el­le Eigen­schaft gemein haben, dass sie eine Tem­pe­ra­tur­mes­sung vor­neh­men, son­dern auch ande­re gemein­sa­me Merk­ma­le u.a. in Bezug auf ihre tech­ni­sche Funk­ti­ons­wei­se auf­wei­sen, indem sie mehr­fach und wie­der­holt ver­wen­det wer­den kön­nen oder eine kon­ti­nu­ier­li­che Anzei­ge des Tem­pe­ra­tur­ver­laufs ermög­li­chen, nicht zu einer engen Aus­le­gung des Begriffs des Ther­mo­me­ters i.S. der Pos. 9025 HS füh­ren, bei der sol­che zusätz­li­chen Merk­ma­le zu wesent­li­chen Kri­te­ri­en die­ses Begriffs erho­ben wer­den. Abge­se­hen davon fal­len unter Pos. 9025 HS auch „Maxi­mum-” oder „Mini­mum­ther­mo­me­ter”, die so kon­stru­iert sind, dass sie die äußers­ten Tem­pe­ra­tu­ren fest­hal­ten, denen sie aus­ge­setzt sind5.

ErlHS zu Kap. 90 Rz 02.0 spricht eben­falls nicht gegen eine Ein­rei­hung der Waren in Pos. 9025 KN, soweit danach von Kap. 90 KN Waren erfasst wer­den, die sich im All­ge­mei­nen vor allem durch ihre sorg­fäl­ti­ge Fer­ti­gung und ihre gro­ße Prä­zi­si­on kenn­zeich­nen. Wie sich aus dem Wort­laut der ErlHS ergibt, sind die­se Kri­te­ri­en für die Tari­fie­rung nicht allein ent­schei­dend. Zudem wer­den nach ErlHS zu Kap. 90 Rz 11.0 bei­spiels­wei­se auch Fan­ta­sie-Hygro­me­ter von nur beding­ter Prä­zi­si­on von Pos. 9025 KN erfasst und das Kri­te­ri­um der hohen Prä­zi­si­on aus­drück­lich ein­ge­schränkt.

Dem Ein­wand des Haupt­zoll­amt, auch Anm. 3 Buchst. e zu Kap. 38 KN, wonach schmelz­ba­re Tem­pe­ra­tur­mes­ser für Öfen (z.B. Seger­ke­gel) zur Pos. 3824 KN gehör­ten, wei­se dar­auf hin, dass der Wort­laut der Pos. 9025 KN nicht belie­big auf alle Instru­men­te erwei­ter­bar sei, die in irgend­ei­ner Form Tem­pe­ra­tu­ren oder Tem­pe­ra­tur­ver­än­de­run­gen anzeig­ten, ist der EuGH nicht gefolgt. Denn abge­se­hen davon, dass die­se Anmer­kung nur auf die Kate­go­rie der ganz spe­zi­el­len Waren abzie­le, auf die sie Bezug neh­me und den Waren wie die im Aus­gangs­ver­fah­ren in Rede ste­hen­den offen­sicht­lich nicht ent­sprä­chen, bestehe anders als bei Letz­te­ren und all­ge­mei­ner bei Ther­mo­me­tern die Funk­ti­on sol­cher schmelz­ba­ren Tem­pe­ra­tur­mes­ser nicht bloß dar­in, die Umge­bungs­tem­pe­ra­tur genau zu mes­sen. Die­se schmelz­ba­ren Tem­pe­ra­tur­mes­ser, die auch „pyro­me­tri­sche Kegel” genannt und in Kera­mikö­fen ver­wen­det wür­den, hät­ten die Funk­ti­on, dadurch, dass sie infol­ge der Hit­ze nach und nach schmel­zen und sich ver­bie­gen, den Brenn­fort­schritt bei kera­mi­schen Erzeug­nis­sen zu über­wa­chen und zu bestim­men, wann die­se Erzeug­nis­se den gewünsch­ten Brenn­grad erreicht hät­ten6.

ErlHS zu Pos. 9025 Rz 46.5, wonach mit che­mi­schen Stof­fen imprä­gnier­te Papie­re, deren Far­be sich ent­spre­chend dem Luft­feuch­tig­keits­grad ändert, zur Pos. 3822 KN gehö­ren, spricht nicht gegen eine Ein­rei­hung der vor­lie­gen­den Waren als Ther­mo­me­ter in Pos. 9025 KN. Denn der EuGH hat in sei­ner Ent­schei­dung Duval7 aus­ge­führt, dass sich die­se Klar­stel­lung auf die Grup­pe der als Hygro­me­ter ein­ge­stuf­ten Waren und nicht auf die Grup­pe der Ther­mo­me­ter bezie­he, für die es kei­ne ent­spre­chen­de Klar­stel­lung im Hin­blick auf Waren wie die im Aus­gangs­ver­fah­ren in Rede ste­hen­den gebe. Zwei­tens sei dar­an zu erin­nern, dass der Gerichts­hof im Urteil Doua­ne Advies Bureau Riet­veld vom 09.10.2014 — C‑541/​138, das zu ähn­li­chen Waren wie den im Aus­gangs­ver­fah­ren in Rede ste­hen­den ergan­gen sei, für Recht erkannt habe, dass die Pos. 3822 KN dahin aus­zu­le­gen sei, dass sol­che Waren nicht unter die­se Posi­ti­on fie­len.

Die vom Haupt­zoll­amt der Abga­ben­be­rech­nung im ange­foch­te­nen Ein­fuhr­ab­ga­ben­be­scheid zugrun­de geleg­te Pos. 3824 KN für „Zube­rei­te­te Bin­de­mit­tel für Gie­ße­rei­for­men oder –ker­ne; che­mi­sche Erzeug­nis­se und Zube­rei­tun­gen der che­mi­schen Indus­trie oder ver­wand­ter Indus­tri­en (ein­schließ­lich Mischun­gen von Natur­pro­duk­ten), ander­weit weder genannt noch inbe­grif­fen”, ist gegen­über der Ein­rei­hung in Pos. 9025 KN nach­ran­gig, weil nach der All­ge­mei­nen Vor­schrift 3 a für die Aus­le­gung der KN die Posi­ti­on mit der genaue­ren Waren­be­zeich­nung den Posi­tio­nen mit all­ge­mei­ner Waren­be­zeich­nung vor­geht. Glei­ches gilt für die von der Klä­ge­rin zur Begrün­dung ihrer Kla­ge teil­wei­se her­an­ge­zo­ge­ne Pos. 4823 KN, die sich ihrem Wort­laut nach auf „ande­re Papie­re, Pap­pen, Zell­stoff­wat­te und Vlie­se aus Zell­stoff­fa­sern, zuge­schnit­ten; ande­re Waren aus Papier­halb­stoff, Papier, Pap­pe, Zell­stoff­wat­te oder Vlie­sen aus Zell­stoff­fa­sern” bezieht9.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 26. Janu­ar 2016 — VII R 5913

  1. EuGH, EU:C:2015:783, ZfZ 2016, 21 []
  2. EuGH, EuGH; vom 12.02.2015 — C‑134/​13, EU:C:2015:82 []
  3. EuGH, EU:C:2015:783, Rz 30, ZfZ 2016, 21 []
  4. vgl. EuGH, Urteil Duval, EU:C:2015:783, Rz 32, ZfZ 2016, 21 []
  5. vgl. EuGH, Urteil Duval, EU:C:2015:783, Rz 33 f., ZfZ 2016, 21 und ErlHS zu Pos. 9025 Rz 10.0 []
  6. EuGH, Urteil Duval, EU:C:2015:783, Rz 31, ZfZ 2016, 21 []
  7. EuGH, EU:C:2015:783, Rz 35, ZfZ 2016, 21 []
  8. EuGH, EU:C:2014:2270 []
  9. vgl. EuGH, Urteil Duval, EU:C:2015:783, Rz 37 ff., ZfZ 2016, 21 []