Ungarische Sondersteuer für den Einzelhandel

Nach Ansicht der Gene­ral­an­wäl­tin beim Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on liegt in der unga­ri­schen Son­der­steu­er für den Ein­zel­han­del kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung aus­län­di­scher Unter­neh­men. Mög­li­cher­wei­se ver­sto­ße die Son­der­steu­er jedoch gegen das Mehr­wert­steu­er­recht der Euro­päi­schen Uni­on.

Ungarische Sondersteuer für den Einzelhandel

Zur Deckung des wegen der Finanz- und Wirt­schafts­kri­se erhöh­ten Finanz­be­darfs hat Ungarn im Jahr 2010 eine Steu­er auf bestimm­te Ein­zel­han­dels­tä­tig­kei­ten ein­ge­führt. Die­se Son­der­steu­er bemisst sich nach dem Jah­res­um­satz des Ein­zel­händ­lers und fällt ab einem Umsatz­vo­lu­men von über 500 Mio. HUF (ca. 1,7 Mio. Euro) an. Der pro­gres­siv gestal­te­te Steu­er­satz beträgt 0,1 %, 0,4 % oder, ab einem Umsatz von 100 Mrd. HUF (ca. 336 Mio. Euro), 2,5 %. Bei ver­bun­de­nen Unter­neh­men, d.h. bei Unter­neh­men, bei denen das eine beherr­schen­den Ein­fluss auf das ande­re aus­übt, rich­tet sich der Steu­er­satz nicht nach dem Jah­res­um­satz des ein­zel­nen Unter­neh­mens, son­dern sämt­li­cher ver­bun­de­ner Unter­neh­men. Die Steu­er­schuld des ein­zel­nen Unter­neh­mens ergibt sich sodann ent­spre­chend sei­nem Anteil am Gesamt­um­satz.

Der unga­ri­sche Sport­ar­ti­kel­händ­ler Her­vis hält die­se Steu­er für uni­ons­rechts­wid­rig, weil dis­kri­mi­nie­rend, und hat daher Kla­ge vor einem unga­ri­schen Gericht erho­ben. Er gehört zu einem öster­rei­chi­schen Kon­zern, der in Ungarn auch im Lebens­mit­tel­han­del tätig ist. Da bei der Berech­nung sei­ner Steu­er­schuld sämt­li­che Kon­zern­um­sät­ze in Ungarn berück­sich­tigt wur­den, ergab sich für Her­vis ein erheb­lich höhe­rer Steu­er­satz als wenn nur sei­ne eige­nen Umsät­ze berück­sich­tigt wor­den wären. Her­vis macht gel­tend, dass im Bereich des Lebens­mit­tel­ein­zel­han­dels haupt­säch­lich Unter­neh­men in aus­län­di­scher Hand von einer sol­chen Zusam­men­rech­nung betrof­fen sei­en. Wäh­rend die­se näm­lich als Kon­zern orga­ni­siert sei­en, bedien­ten sich unga­ri­sche Inha­ber des Fran­chise-Modells, bei dem allein der Umsatz jedes ein­zel­nen Fran­chise­neh­mers maß­geb­lich sei. Das unga­ri­sche Gericht hat dem Gericht­hof der Euro­päi­schen Uni­on vor die­sem Hin­ter­grund ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen zur Fra­ge der Ver­ein­bar­keit der Son­der­steu­er mit dem Uni­ons­recht vor­ge­legt.

Die Gene­ral­an­wäl­tin ver­tritt in ihren jetzt vor­ge­leg­ten Schluss­an­trä­gen die Ansicht, dass die uni­ons­recht­li­chen Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bo­te und Grund­frei­hei­ten, ins­be­son­de­re die Nie­der­las­sungs­frei­heit, einer Steu­er wie der unga­ri­schen Son­der­steu­er nicht ent­ge­gen­ste­hen.

Die Kon­zern­mut­ter von Her­vis wer­de ‒ soweit sich das nach den dem Gerichts­hof vor­lie­gen­den Anga­ben beur­tei­len las­se ‒ durch die Erhe­bung der Son­der­steu­er in ihrer frei­en Nie­der­las­sung in Ungarn nicht in ver­bo­te­ner Wei­se beschränkt. Die Rege­lun­gen zur unga­ri­schen Son­der­steu­er ent­hiel­ten näm­lich kei­ne Bestim­mung, die Gesell­schaf­ten auf­grund ihres aus­län­di­schen Sit­zes im Hin­blick auf ihre Nie­der­las­sungs­frei­heit offen oder ver­steckt dis­kri­mi­nie­re.

So las­se das für die Besteue­rung her­an­ge­zo­ge­ne Kri­te­ri­um der Umsatz­hö­he kei­ne ver­steck­te Ungleich­be­hand­lung Gebiets­an­säs­si­ger und Gebiets­frem­der erken­nen. Es sei näm­lich nicht evi­dent und nach den vor­lie­gen­den Anga­ben auch nicht ersicht­lich, dass in der weit über­wie­gen­den Mehr­zahl der Fäl­le Ein­zel­han­dels­un­ter­neh­men mit hohen Umsät­zen von Gebiets­frem­den und sol­che mit nied­ri­gen Umsät­zen von Gebiets­an­säs­si­gen betrie­ben wür­den.

Auch das Unter­schei­dungs­kri­te­ri­um der ver­bun­de­nen Unter­neh­men, wonach Umsät­ze ande­rer Kon­zern­ge­sell­schaf­ten berück­sich­tigt wür­den, wäh­rend die Ein­bin­dung in ein Fran­chise­sys­tem irrele­vant sei, kön­ne nicht zur Annah­me einer ver­steck­ten Dis­kri­mi­nie­rung füh­ren. Es kön­ne dahin­ste­hen, ob inso­weit über­haupt eine ver­steck­te Ungleich­be­hand­lung gebiets­an­säs­si­ger und gebiets­frem­der Unter­neh­men vor­lie­ge, weil womög­lich die Ein­bin­dung eines Ein­zel­han­dels­un­ter­neh­mens in eine Kon­zern­struk­tur in der weit über­wie­gen­den Mehr­zahl der Fäl­le mit einem gebiets­frem­den Sitz sei­ner Mut­ter­ge­sell­schaft ver­bun­den sei. Jeden­falls befän­den sich näm­lich nach dem Maß­stab der Bemes­sung der unga­ri­schen Son­der­steu­er nach dem Umsatz Ein­zel­han­dels­un­ter­neh­men, die einem Fran­chise­sys­tem ange­schlos­sen sei­en, und sol­che, die in eine Kon­zern­struk­tur ein­ge­bun­den sei­en, nicht in einer objek­tiv ver­gleich­ba­ren Situa­ti­on.

Schließ­lich füh­re auch das Unter­schei­dungs­kri­te­ri­um der Ver­triebs­stu­fe des Umsat­zes, d.h. die Besteue­rung nur der letz­ten Ver­triebs­stu­fe, nicht zur Annah­me einer ver­steck­ten Dis­kri­mi­nie­rung. Auch hier kön­ne dahin­ste­hen, ob inso­weit über­haupt eine ver­steck­te Ungleich­be­hand­lung Gebiets­frem­der gegen­über Gebiets­an­säs­si­gen vor­lie­ge, weil womög­lich Ers­te­re in der weit über­wie­gen­den Mehr­zahl der Fäl­le in Ungarn mit einem Fili­al­sys­tem agier­ten, wäh­rend Letz­te­re als Fran­chi­se­ge­ber ein Fran­chise­sys­tem betrie­ben. Jeden­falls feh­le es näm­lich im Hin­blick auf die unga­ri­sche Rege­lung an der Ver­gleich­bar­keit der Lage von Unter­neh­men, die ein Fili­al­sys­tem betrie­ben, und Fran­chi­se­ge­bern.

Nach Ansicht der Gene­ral­an­wäl­tin steht auch das uni­ons­recht­li­che Ver­bot der steu­er­li­chen Dis­kri­mi­nie­rung von Waren, wonach ein Mit­glied­staat auf Waren aus ande­ren Mit­glied­staa­ten weder unmit­tel­bar noch mit­tel­bar höhe­re inlän­di­sche Abga­ben erhe­ben darf als gleich­ar­ti­ge inlän­di­sche Waren zu tra­gen haben, der unga­ri­schen Son­der­steu­er nicht ent­ge­gen. Es sei näm­lich nicht erkenn­bar, dass durch die Son­der­steu­er Waren aus ande­ren Mit­glied­staa­ten stär­ker belas­tet wür­den als inlän­di­sche Waren.

Gene­ral­an­wäl­tin Kokott weist jedoch dar­auf hin, dass die unga­ri­sche Son­der­steu­er mög­li­cher­wei­se gegen die Mehrwertsteuerrichtlinie1 ver­sto­ße. Danach sei es den Mit­glied­staa­ten näm­lich ver­bo­ten, Steu­ern mit Umsatz­steu­er­cha­rak­ter zu erhe­ben. Ent­ge­gen der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung rich­te sich die­ses Ver­bot nicht nur gegen natio­na­le Steu­ern, die die wesent­li­chen Merk­ma­le der Mehr­wert­steu­er auf­wie­sen, son­dern gegen alle natio­na­len Steu­ern, die die wesent­li­chen Merk­ma­le einer Umsatz­steu­er auf­wie­sen und das Funk­tio­nie­ren des gemein­sa­men Mehr­wert­steu­er­sys­tems beein­träch­tig­ten, indem sie die Wett­be­werbs­be­din­gun­gen auf natio­na­ler Ebe­ne oder auf Uni­ons­ebe­ne ver­fälsch­ten. Die unga­ri­sche Son­der­steu­er erfül­le jeden­falls das eigent­lich wesens­ge­ben­de Merk­mal einer Umsatz­steu­er, näm­lich die Bemes­sung nach dem Preis, selbst wenn sie nach dem Gesamt­um­satz eines Jah­res bemes­sen wer­de. Auch ver­fäl­sche sie die Wett­be­werbs­be­din­gun­gen auf natio­na­ler Ebe­ne. Ob die Steu­er aber auch all­ge­mein erho­ben wer­de, las­se sich anhand der vor­lie­gen­den Infor­ma­tio­nen nicht beur­tei­len. Letzt­lich habe daher das unga­ri­sche Gericht zu prü­fen, ob die Son­der­steu­er mit der Mehr­wert­steu­er­richt­li­nie ver­ein­bar sei.

Die­se Schluss­an­trä­ge sei­ner Gene­ral­an­wäl­tin sind für den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on nicht bin­dend. Auf­ga­be des Gene­ral­an­walts ist es, dem Uni­ons­ge­richts­hof in völ­li­ger Unab­hän­gig­keit einen Ent­schei­dungs­vor­schlag für die betref­fen­de Rechts­sa­che zu unter­brei­ten. Die Rich­ter des Gerichts­hofs tre­ten nun­mehr in die Bera­tung ein. Das Urteil wird zu einem spä­te­ren Zeit­punkt ver­kün­det.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Schluss­an­trä­ge der Gene­ral­an­wäl­tin vom 5. Sep­tem­ber 2013 — C‑385/​12
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