Ver­fracht­er­haf­tung und Ver­schul­den bei der Seefracht

Im Rah­men der See­fracht reicht es für die Annah­me eines qua­li­fi­zier­ten Ver­schul­dens des Ver­frach­ters wegen Ver­lus­tes des Trans­port­guts nicht aus, dass das sper­ri­ge Trans­port­gut (hier: ein Mobil­kran mit einem Gewicht von 48.000 kg) auf sei­ne Ver­an­las­sung vor der Schiffs­ver­la­dung auf einem frei zugäng­li­chen Gelän­de eines mit­tel­eu­ro­päi­schen See­ha­fens (hier: Ant­wer­pen) ver­schlos­sen abge­stellt wor­den ist.

Ver­fracht­er­haf­tung und Ver­schul­den bei der Seefracht

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall unter­lag der Güter­be­för­de­rungs­ver­trag jeden­falls gemäß Art. 28 Abs. 4 Satz 1 EGBGB aF dem deut­schen Recht. Denn sowohl die Auf­trag­ge­be­rin als auch der beklag­te Ver­frach­ter haben ihren Sitz in Deutsch­land. Dar­über hin­aus ergibt sich die Anwen­dung deut­schen Rechts aus Art. 27 Abs. 2 Satz 1 EGBGB aF, da die Par­tei­en durch­weg auf der Grund­la­ge deut­scher Rechts­vor­schrif­ten vor­ge­tra­gen haben [1].

Die Haf­tung für den Ver­lust der bei­den Krä­ne beur­teilt sich nach den Bestim­mun­gen über die Haf­tung eines Ver­frach­ters (§§ 556 ff. HGB). Der beklag­te Spe­di­teur hat die Besor­gung der Ver­sen­dung der bei­den Krä­ne von Ant­wer­pen nach Guya­na auf dem See­weg zu fes­ten Kos­ten über­nom­men, so dass er hin­sicht­lich der Beför­de­rung die Pflich­ten eines Ver­frach­ters hat­te (§ 459 Satz 1 HGB). Die als sol­che ein­heit­li­che Spe­di­ti­ons­leis­tung hat­te die Beför­de­rung mit nur einem Trans­port­mit­tel (Schiff) zum Gegen­stand. Dar­aus ergibt sich die unmit­tel­ba­re Anwen­dung des Seefrachtrechts.

Gemäß § 606 Satz 2 HGB haf­tet der Ver­frach­ter für den Scha­den, der durch Ver­lust oder Beschä­di­gung der Güter in der Zeit von der Annah­me bis zur Ablie­fe­rung ent­steht, es sei denn, der Ver­lust oder die Beschä­di­gung beruht auf Umstän­den, die durch die Sorg­falt eines ordent­li­chen Ver­frach­ters nicht abge­wen­det wer­den konn­ten. Ein Ver­schul­den sei­ner Leu­te hat der Ver­frach­ter nach § 607 Abs. 1 HGB in glei­chem Umfang zu ver­tre­ten wie eige­nes Verschulden.

Im vor­lie­gen­den Fall ist der Scha­den wäh­rend der Obhuts­zeit des Ver­frach­ters ein­ge­tre­ten. Zwi­schen den Par­tei­en ist unstrei­tig, dass der Ver­frach­ter die Krä­ne nach deren Anlie­fe­rung in Ant­wer­pen durch das von ihm beauf­trag­te Kai­um­schlags­un­ter­neh­men A. zum Zweck der anschlie­ßend vor­ge­se­he­nen See­be­för­de­rung ange­nom­men hat. Ab die­sem Zeit­punkt haf­te­te der Ver­frach­ter gemäß § 606 Satz 2 HGB grund­sätz­lich für den Ver­lust des Gutes, und zwar unab­hän­gig davon, wel­che Wei­sun­gen das Umschlags­un­ter­neh­men hin­sicht­lich des Ortes der Zwi­schen­la­ge­rung der Krä­ne bis zum Ein­tref­fen des See­schif­fes erteilt hat­te (§ 607 Abs. 1 HGB).

Der Umfang des von dem Ver­frach­ter gemäß § 606 Satz 2 HGB zu leis­ten­den Scha­dens­er­sat­zes bestimmt sich nach § 249 BGB [2]. Dem­entspre­chend ist der Ver­frach­ter grund­sätz­lich zum Ersatz des der Ver­si­che­rungs­neh­me­rin auf­grund des Dieb­stahls der Krä­ne ent­stan­de­nen Scha­dens ver­pflich­tet. Der gemäß § 249 BGB zu berech­nen­de Scha­dens­er­satz wird aller­dings – wenn kein qua­li­fi­zier­tes Ver­schul­den nach § 660 Abs. 3 HGB vor­liegt – durch die Rege­lun­gen in § 660 Abs. 1 Satz 1 HGB begrenzt. Nach die­ser Vor­schrift haf­tet der Ver­frach­ter höchs­tens bis zu einem Betrag von 666,67 Rech­nungs­ein­hei­ten pro Fracht­stück oder bis zu einem Betrag von zwei Rech­nungs­ein­hei­ten für jedes Kilo­gramm des Roh­ge­wichts des abhan­den­ge­kom­me­nen Gutes, je nach dem, wel­cher Betrag höher ist. Gemäß § 660 Abs. 1 Satz 2 HGB ist die in Satz 1 genann­te Rech­nungs­ein­heit das Son­der­zie­hungs­recht des Inter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds. Der danach zu leis­ten­de Ersatz ist gemäß § 660 Abs. 1 Satz 3 HGB in Euro ent­spre­chend dem Wert am Tag des Urteils über den Betrag der Haf­tung – eine davon abwei­chen­de Par­tei­ver­ein­ba­rung ist nicht dar­ge­tan – umzurechnen.

Im ent­schie­de­nen Fall war es dem Ver­frach­ter jedoch nach § 660 Abs. 3 HGB nicht ver­wehrt, sich auf die Haf­tungs­be­gren­zung gemäß § 660 Abs. 1 Satz 1 HGB zu beru­fen, weil der durch den Ver­lust des Trans­port­guts ein­ge­tre­te­ne Scha­den auf ein qua­li­fi­zier­tes Ver­schul­den des Ver­frach­ters zurück­zu­füh­ren sei. Gemäß § 660 Abs. 3 HGB ver­liert der Ver­frach­ter sein Recht auf Haf­tungs­be­schrän­kung nach Absatz 1, wenn der Scha­den auf eine Hand­lung oder Unter­las­sung zurück­zu­füh­ren ist, die der Ver­frach­ter in der Absicht, einen Scha­den her­bei­zu­füh­ren oder leicht­fer­tig und in dem Bewusst­sein began­gen hat, dass ein Scha­den mit Wahr­schein­lich­keit ein­tre­ten wer­de. Ent­spre­chend dem Wort­laut des § 660 Abs. 3 HGB, in dem nur vom „Ver­frach­ter“ und nicht auch – wie etwa in § 435 HGB – von den in § 428 HGB genann­ten Per­so­nen die Rede ist, führt nur ein qua­li­fi­zier­tes Ver­schul­den des Ver­frach­ters selbst zum Weg­fall der Haf­tungs­be­schrän­kung nach § 660 Abs. 1 HGB. Die Vor­schrift des § 607 Abs. 1 HGB fin­det – wie der Bun­des­ge­richts­hof zwi­schen­zeit­lich ent­schie­den hat – im Rah­men von § 660 Abs. 3 HGB kei­ne Anwen­dung [3].

Han­delt es sich bei dem in Anspruch genom­me­nen Ver­frach­ter um eine juris­ti­sche Per­son oder – wie im Streit­fall – um eine Kapi­tal­ge­sell­schaft, erfor­dert der Ver­lust des Rechts auf Haf­tungs­be­schrän­kun­gen ein qua­li­fi­zier­tes Ver­schul­den der Orga­ne des Anspruchs­geg­ners, hier also des Geschäfts­füh­rers der Beklag­ten [4].

Das Beru­fungs­ge­richt hat sei­ne Annah­me, der streit­ge­gen­ständ­li­che Scha­den sei auf ein Ver­schul­den der Beklag­ten im Sin­ne von § 660 Abs. 3 HGB zurück­zu­füh­ren, dar­auf gestützt, dass die Beklag­te nach der Anlie­fe­rung der bei­den Krä­ne nicht in aus­rei­chen­dem Maße für deren Siche­rung gegen Dieb­stahl gesorgt habe. Es hat dar­auf abge­stellt, dass die Krä­ne nach dem eige­nen Vor­trag der Beklag­ten ledig­lich durch Abzie­hen der Zünd­schlüs­sel gesi­chert wor­den sei­en. Dage­gen sei offen­ge­blie­ben, wer die Schlüs­sel bis zur Ver­schif­fung habe ver­wah­ren sol­len und ob das Kai­um­schlags­un­ter­neh­men die­se – gege­be­nen­falls auf wel­che Wei­se – gegen unbe­fug­ten Zugriff gesi­chert habe. Die Krä­ne hät­ten tage­lang außer­halb der Sicht­wei­te des Büros des Kai­um­schlags­be­triebs gestan­den. Auf einem frei zugäng­li­chen Hafen­ge­län­de sei Gut, das mobil und unbe­wacht sei, in hohem Maße diebstahlgefährdet.

Das Beru­fungs­ge­richt hat auf die­ser Grund­la­ge zu Unrecht ein qua­li­fi­zier­tes Ver­schul­den des beklag­ten Ver­frach­ters bejaht. Es hat nicht berück­sich­tigt, dass nur ein eige­nes Ver­schul­den des Ver­frach­ters gemäß § 660 Abs. 3 HGB zur Durch­bre­chung der Haf­tungs­be­schrän­kung nach § 660 Abs. 1 HGB führt. Viel­mehr ist das Beru­fungs­ge­richt ersicht­lich davon aus­ge­gan­gen, dass sich die Beklag­te ein pflicht­wid­ri­ges Ver­hal­ten des Kai­um­schlags­un­ter­neh­mens gemäß § 278 BGB zurech­nen las­sen muss.

Die Annah­me eines qua­li­fi­zier­ten Ver­schul­dens kann zwar auch dann gerecht­fer­tigt sein, wenn der Ver­frach­ter die ihm inso­weit oblie­gen­de sekun­dä­re Dar­le­gungs­last nicht erfüllt [5]. Jedoch hat der Ver­frach­ter dar­ge­tan hat, wo die Krä­ne abge­stellt waren, dass sie ver­schlos­sen und die Schlüs­sel bei dem Kai­um­schlags­un­ter­neh­men abge­ge­ben wor­den waren. Des Wei­te­ren hat der Ver­frach­ter vor­ge­tra­gen, dass die zur Auf­be­wah­rung gege­be­nen Schlüs­sel nach dem Dieb­stahl bei dem Kai­um­schlags­un­ter­neh­men noch vor­han­den waren. Unbe­rück­sich­tigt geblie­ben ist auch der Vor­trag des Ver­frach­ters, das sper­ri­ge Gut habe auf dem Hafen­ge­län­de in Ant­wer­pen nur frei gela­gert wer­den kön­nen, wobei eine sol­che Lage­rung dort all­ge­mein üblich sei und die Beklag­te sich an die dort gel­ten­den Sicher­heits­stan­dards gehal­ten habe. Mit Recht bean­stan­det die Revi­si­on fer­ner, das Beru­fungs­ge­richt habe nicht gewür­digt, dass es sich bei den Mobil­krä­nen mit einem Gewicht von jeweils 48.000 kg nicht um Gut han­delt, das ohne wei­te­res leicht ver­wert­bar ist. Die bis­he­ri­gen Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts tra­gen daher nicht die Annah­me eines qua­li­fi­zier­ten Ver­schul­dens der Beklag­ten im Sin­ne von § 660 Abs. 3 HGB.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 24. Novem­ber 2010 – I ZR 192/​08

  1. vgl. BGH, Urteil vom 30.10.2008 – I ZR 12/​06, TranspR 2009, 130 Rn. 19 = VersR 2009, 1141[]
  2. BGH, Urteil vom 18.06.2009 – I ZR 140/​06, BGHZ 181, 292 Rn. 28; Rabe, See­han­dels­recht, 4. Aufl., § 606 HGB Rn. 44[]
  3. BGHZ 181, 292 Rn. 34 ff.; eben­so: Rabe aaO § 660 HGB Rn. 26; ders., TranspR 2004, 142, 144; Her­ber, Das neue Haf­tungs­recht der Schiff­fahrt, 1989, S. 315 f.; ders., See­han­dels­recht, 1999, S. 332 f.[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 03.11.2005 – I ZR 325/​02, TranspR 2006, 35, 37, inso­weit nicht in BGHZ 164, 394; BGHZ 181, 292 Rn. 39[]
  5. BGH, Urteil vom 29.07.2009 – I ZR 212/​06, TranspR 2009, 331 Rn. 34[]