Voller Schadensersatz trotz CMR

Vol­len Scha­dens­er­satz — über die Beschrän­kung des Art. 23 Abs. 3 CMR hin­aus — schul­det die Beklag­te nur dann, wenn die Vor­aus­set­zun­gen des Art. 29 CMR vor­lie­gen. Nach die­ser Bestim­mung kann sich der Fracht­füh­rer nicht auf Haf­tungs­be­schrän­kun­gen beru­fen, wenn er den Scha­den vor­sätz­lich oder durch ein dem Vor­satz gleich­ste­hen­des Ver­schul­den ver­ur­sacht hat (Art. 29 Abs. 1 CMR). Das Glei­che gilt, wenn sei­nen Bediens­te­ten oder Ver­rich­tungs­ge­hil­fen ein sol­ches qua­li­fi­zier­tes Ver­schul­den zur Last fällt (Art. 29 Abs. 2 Satz 1 CMR).

Voller Schadensersatz trotz CMR

Soweit auf den geschlos­se­nen Beför­de­rungs­ver­trag gemäß Art. 5 Abs. 1 der Rom-I-VO deut­sches Recht zur Anwen­dung kommt, ist im Rah­men von Art. 29 Abs. 1 CMR ergän­zend § 435 HGB her­an­zu­zie­hen1. Nach die­ser Vor­schrift kann sich der Fracht­füh­rer nicht auf gesetz­li­che oder ver­trag­lich ver­ein­bar­te Haf­tungs­be­schrän­kun­gen beru­fen, wenn der Scha­den auf eine Hand­lung oder Unter­las­sung zurück­zu­füh­ren ist, die der Fracht­füh­rer oder eine in § 428 HGB genann­te Per­son vor­sätz­lich oder bewusst leicht­fer­tig began­gen hat.

Das Tat­be­stands­merk­mal der Leicht­fer­tig­keit erfor­dert einen beson­ders schwe­ren Pflich­ten­ver­stoß, bei dem sich der Fracht­füh­rer oder sei­ne Leu­te in kras­ser Wei­se über die Sicher­heits­in­ter­es­sen des Ver­trags­part­ners hin­weg­set­zen. Das sub­jek­ti­ve Erfor­der­nis des Bewusst­seins von der Wahr­schein­lich­keit des Scha­dens­ein­tritts ist eine sich dem Han­deln­den aus sei­nem leicht­fer­ti­gen Ver­hal­ten auf­drän­gen­de Erkennt­nis, es wer­de wahr­schein­lich ein Scha­den ent­ste­hen2. Wel­che Sicher­heits­vor­keh­run­gen der Fracht­füh­rer ergrei­fen muss, hängt von den Umstän­den des Ein­zel­fal­les ab.

Der Bun­des­ge­richts­hof geht in stän­di­ger Recht­spre­chung davon aus, dass es sich beim Umschlag von Trans­port­gü­tern, wie er hier in Rede steht, um einen beson­ders scha­dens­an­fäl­li­gen Bereich han­delt, der des­halb so orga­ni­siert wer­den muss, dass in der Regel Ein- und Aus­gang der Güter kon­trol­liert wer­den, damit Fehl­be­stän­de früh­zei­tig fest­ge­hal­ten wer­den kön­nen. Ohne aus­rei­chen­de Ein- und Aus­gangs­kon­trol­len, die im Regel­fall einen kör­per­li­chen Abgleich der papier- bzw. EDVmä­ßig erfass­ten Ware erfor­dern, kann ein ver­läss­li­cher Über­blick über Lauf und Ver­bleib der in den ein­zel­nen Umschlag­sta­tio­nen ein- und abge­hen­den Güter nicht gewon­nen wer­den mit der Fol­ge, dass der Ein­tritt eines Scha­dens und der Scha­dens­be­reich in zeit­li­cher, räum­li­cher und per­so­nel­ler Hin­sicht nicht ein­ge­grenzt wer­den kön­nen. Das Erfor­der­nis von Schnitt­stel­len­kon­trol­len wird noch ver­stärkt, wenn — wie im Streit­fall — recht­lich selb­stän­di­ge Dritt­un­ter­neh­men in die Erbrin­gung der Trans­port­leis­tung ein­ge­bun­den sind. Die in § 435 HGB gefor­der­te Leicht­fer­tig­keit des Fracht­füh­rers oder sei­ner „Leu­te” kann sich aus einer man­gel­haf­ten Orga­ni­sa­ti­on des Betriebs­ab­laufs erge­ben. Bei einer Betriebs­or­ga­ni­sa­ti­on, die Ein- und Aus­gangs­kon­trol­len beim Umschlag von Trans­port­gü­tern nicht durch­gän­gig vor­sieht, ist im Regel­fall der Vor­wurf eines leicht­fer­ti­gen Ver­hal­tens gerecht­fer­tigt, weil es sich bei die­sen­Maß­nah­men um ele­men­ta­re Vor­keh­run­gen gegen Ver­lust von Ware han­delt3.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 22. Mai 2014 — I ZR 10913

  1. BGH, Urteil vom 04.07.2013 — I ZR 15612, TranspR 2014, 146 Rn. 15 = RdTW 2014, 55 []
  2. BGH, TranspR 2012, 107 Rn. 27 []
  3. BGH, Urteil vom 25.03.2004 — I ZR 20501, BGHZ 158, 322, 330 f. mwN. []