Vollstreckbarerklärung ausländischer Vollstreckungstitel — und die Nebenforderungen

Bei der im Exe­qua­tur­ver­fah­ren mög­li­chen Aus­le­gung und Kon­kre­ti­sie­rung eines aus­län­di­schen Voll­stre­ckungs­ti­tels kön­nen auch For­de­run­gen, wel­che im aus­län­di­schen Voll­stre­ckungs­ti­tel nicht aus­drück­lich erwähnt wer­den, im Inland für voll­streck­bar erklärt wer­den, sofern sie im Erst­staat ohne eine sol­che Titu­lie­rung im Wege der Zwangs­voll­stre­ckung bei­ge­trie­ben wer­den kön­nen.

Vollstreckbarerklärung ausländischer Vollstreckungstitel — und die Nebenforderungen

Die Voll­streck­bar­er­klä­rung nach Art. 38 Abs. 1 EuGV­VO kann daher nicht mit der Begrün­dung ver­sagt wer­den, das fran­zö­si­sche Kas­sa­ti­ons­ur­teil sei zur Höhe der Rück­zah­lungs­ver­pflich­tung zu unbe­stimmt.

Zutref­fend ist, dass nach dem deut­schen Voll­stre­ckungs­recht ein Voll­stre­ckungs­ti­tel den durch­zu­set­zen­den Anspruch des Gläu­bi­gers aus­wei­sen und den Inhalt sowie den Umfang der Leis­tungs­pflicht bezeich­nen muss. Der Titel kann not­falls durch das Voll­stre­ckungs­or­gan aus­ge­legt wer­den, soweit die­ser aus sich her­aus genü­gend bestimmt ist oder jeden­falls sämt­li­che Kri­te­ri­en für sei­ne Bestimm­bar­keit ein­deu­tig fest­legt1. Bei Voll­stre­ckungs­ti­teln aus dem Aus­land gel­ten die­se Anfor­de­run­gen nicht für die aus­län­di­sche Ent­schei­dung selbst, son­dern viel­mehr für die inlän­di­sche Ent­schei­dung über die Voll­streck­bar­keit, wel­che maß­geb­li­che Grund­la­ge für die Zwangs­voll­stre­ckung im Inland ist2.

Soll­te der aus­län­di­sche Titel den deut­schen Anfor­de­run­gen an die Bestimmt­heit nicht genü­gen, hat das deut­sche Gericht im Inter­es­se der Titel­frei­zü­gig­keit eine Kon­kre­ti­sie­rung oder Ergän­zung des Aus­spruchs durch Aus­le­gung im Exe­qua­tur­ver­fah­ren vor­zu­neh­men3. Die­se ist mög­lich, wenn sich die Kri­te­ri­en hier­für aus den aus­län­di­schen Vor­schrif­ten oder ähn­li­chen im Inland glei­cher­ma­ßen zugäng­li­chen und sicher fest­stell­ba­ren Umstän­den ablei­ten las­sen4. Gege­be­nen­falls kann eine Beweis­auf­nah­me zum aus­län­di­schen Recht gebo­ten sein, um den aus­län­di­schen Titel kon­kre­ti­sie­ren zu kön­nen. Nur wenn dies nicht zuver­läs­sig mög­lich ist, muss der Antrag zurück­ge­wie­sen wer­den5.

Grund­sätz­lich kön­nen auch For­de­run­gen, wel­che im aus­län­di­schen Voll­stre­ckungs­ti­tel nicht aus­drück­lich erwähnt wer­den, im Inland für voll­streck­bar erklärt wer­den, sofern die­se For­de­run­gen im Erst­staat ohne eine sol­che Titu­lie­rung im Wege der Zwangs­voll­stre­ckung bei­ge­trie­ben wer­den kön­nen6. Denn der Inhalt und der Umfang der Voll­streck­bar­keit eines Titels bestim­men sich nach dem Recht des Erst­staa­tes7. Daher ist im Lich­te der aus­län­di­schen Ten­orie­rungs­ge­wohn­hei­ten zu ermit­teln, ob dem für voll­streck­bar zu erklä­ren­den Urteil ein Leis­tungs­be­fehl gegen den Antrags­geg­ner zu ent­neh­men ist8.

Danach kann von einer Zah­lungs­ver­pflich­tung der Antrags­geg­ne­rin auf­grund des Urteils der Cour de Cas­sa­ti­on vom 25.11.1997 in der berich­tig­ten Fas­sung vom 18.02.2003 aus­ge­gan­gen wer­den. Nach der Recht­spre­chung der Cour de Cas­sa­ti­on besteht kei­ne Ver­pflich­tung des Rechts­mit­tel­ge­richts, eine Ver­pflich­tung zur Erstat­tung von Zah­lun­gen anzu­ord­nen, die auf die kas­sier­te Ent­schei­dung der Vor­in­stanz geleis­tet wur­den. Die­se Ver­pflich­tung folgt viel­mehr schon kraft Geset­zes aus der Auf­he­bung der ange­grif­fe­nen Ent­schei­dung9. Eine wei­te­re Kon­kre­ti­sie­rung der Rück­zah­lungs­pflicht ist nach fran­zö­si­schem Recht für die­se Kon­stel­la­ti­on nicht vor­ge­se­hen. Da das Kas­sa­ti­ons­ur­teil nach fran­zö­si­schem Recht auch ohne aus­drück­li­chen Aus­spruch die Ver­pflich­tung ent­hält, die im Hin­blick auf die auf­ge­ho­be­ne Ent­schei­dung erhal­te­nen Zah­lun­gen zu erstat­ten, ist es einer Voll­streck­bar­er­klä­rung im Inland zugäng­lich10. Dem­entspre­chend hat die Cour d’Ap­pel Nan­cy in dem im Rechts­be­schwer­de­ver­fah­ren vor­ge­leg­ten Urteil vom 17.06.2013 eine Ent­schei­dung über den Antrag der Antrag­stel­le­rin auf Ver­ur­tei­lung der Mut­ter der Antrags­geg­ne­rin zur Rück­erstat­tung der in Aus­füh­rung des kas­sier­ten Beru­fungs­ur­teils geleis­te­ten Zah­lung mit der Begrün­dung zurück­ge­wie­sen, dass sich die­ser Anspruch schon aus dem Urteil der Cour de Cas­sa­ti­on vom 25.11.1997, berich­tigt durch die Ent­schei­dung vom 18.02.2003, erge­be.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 21. Novem­ber 2013 — IX ZB 4412

  1. vgl. BGH, Urteil vom 06.11.1985 — IVb ZR 7384, NJW 1986, 1440 []
  2. BGH, Urteil vom 06.11.1985, aaO S. 1441; Beschluss vom 04.03.1993 — IX ZB 5592, BGHZ 122, 16, 18 []
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 04.03.1993, aaO S. 18 f; vom 30.11.2011 — III ZB 1911, WM 2012, 179 Rn. 6 []
  4. BGH, Urteil vom 06.11.1985, aaO S. 1441; Spiecker genannt Döh­mann, Die Aner­ken­nung von Rechts­kraft­wir­kun­gen aus­län­di­scher Urtei­le, 2002, S. 156 []
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 30.11.2011, aaO []
  6. Seidl, Aus­län­di­sche Voll­stre­ckungs­ti­tel und inlän­di­scher Bestimmt­heits­grund­satz, 2010, S. 172 f []
  7. Rauscher/​Mankowski, EuZPR/​EuIPR, 2011, Art. 38 Brüs­sel IVO Rn. 24; Simons/​Hausmann/​Althammer, Brüs­sel IVer­ord­nung, 2012, Art. 38 Rn. 27; Seidl, aaO S. 51; Man­sel, IPRax 1995, 362, 363 []
  8. Schlos­ser, EU-Zivil­pro­zess­recht, 3. Aufl., Art. 38 EuGV­VO Rn. 2; Rauscher/​Mankowski, aaO []
  9. Cass., Urteil vom 20.03.1990, Bull. civ., V, Nr. 126; vom 13.01.2009, Nr. 0811992 []
  10. Seidl, aaO S. 178; Smy­rek, RIW 2005, 695, 696 mwN; vgl. auch Gei­mer, IZPR, 6. Aufl., Rn. 3160c; ders. in Zöl­ler, ZPO, 30. Aufl., § 722 Rn. 56d; Rauscher/​Mankowski, aaO; a.A. LG Stutt­gart, RIW 2005, 709, 710 []