Wegzugsteuer ist rechtmäßig

Die Weg­zug­steu­er nach § 6 AStG ist, wie jetzt der Bun­des­fi­nanz­hof urteil­te, recht­mä­ßig. Mit die­ser Weg­zug­steu­er gemäß § 6 AStG nimmt der deut­sche Fis­kus bei sol­chen Per­so­nen, die min­des­tens zehn Jah­re in Deutsch­land gewohnt haben und dann ins Aus­land ver­zie­hen, Zugriff auf bis zum Weg­zugs­zeit­punkt ent­stan­de­ne Wert­stei­ge­run­gen von Betei­li­gun­gen an Kapi­tal­ge­sell­schaf­ten. Die Steu­er ent­steht auch dann, wenn sich die Wert­stei­ge­run­gen noch nicht –wie bei Inlands­sach­ver­hal­ten für eine Besteue­rung erfor­der­lich– z.B. durch einen Ver­kauf der Antei­le tat­säch­lich „rea­li­siert” haben.

Wegzugsteuer ist rechtmäßig

Um einen Ver­stoß gegen EU-Recht zu ver­mei­den, hat der Gesetz­ge­ber im Dezem­ber 2006 die Vor­schrift des § 6 AStG mit Wir­kung auch für die Ver­gan­gen­heit neu gestal­tet. Nach der Neu­re­ge­lung wird die Steu­er bei Weg­zug in einen Mit­glied­staat der EU oder des Euro­päi­schen Wirt­schafts­raums (EWR) zwar fest­ge­setzt, jedoch zunächst zins­frei gestun­det und muss erst dann gezahlt wer­den, wenn es tat­säch­lich zu einer Rea­li­sie­rung der Wert­stei­ge­rung kommt. Glei­ches gilt, wenn der Steu­er­pflich­ti­ge nach dem Weg­zug in einen Mit­glied­staat von dort aus wei­ter in einen sog. Dritt­staat außer­halb der EU oder des EWR ver­zieht.

Der Bun­des­fi­nanz­hof hat nun geur­teilt, dass die Neu­re­ge­lung, auch soweit sie zurück­wirkt, weder gegen das EU-Recht noch gegen das Grund­ge­setz ver­stößt und auch mit den von Deutsch­land abge­schlos­se­nen Dop­pel­be­steue­rungs­ab­kom­men ver­ein­bar ist. Es besteht kein schüt­zens­wer­tes Ver­trau­en in den Fort­be­stand eines Ver­sto­ßes gegen das EU-Recht.

Die sog. Weg­zug­steu­er nach § 6 Abs. 1 AStG i.d.F. bis zur Ände­rung durch das SEStEG vom 7. Dezem­ber 20061 i.V.m. § 6 Abs. 5, § 21 Abs. 13 Satz 2 AStG i.d.F. der Ände­run­gen durch das SEStEG ver­stößt weder gegen Abkom­mens­recht noch Gemein­schafts­recht oder gegen Ver­fas­sungs­recht2.

Die Anwen­dung der Weg­zugs­be­steue­rung nach Maß­ga­be von § 6 Abs. 1 AStG a.F. i.V.m. § 6 Abs. 5, § 21 Abs. 13 AStG n.F. ver­stößt nach dem Urteil des Bun­des­fi­nanz­hofs weder gegen Abkom­mens­recht noch gegen die gemein­schafts­recht­lich ver­bürg­te Nie­der­las­sungs­frei­heit (Art. 43 EG3 ); sie wirkt, so der Bun­des­fi­nanz­hof wei­ter, auch nicht in ver­fas­sungs­recht­lich unzu­läs­si­ger Wei­se zurück und steht den Rechts­staats­er­for­der­nis­sen des Art. 20 Abs. 3 GG nicht ent­ge­gen.

Der Bun­des­fi­nanz­hof hat die­se, sei­ne Ansicht, bereits nach sum­ma­ri­scher Prü­fung in dem im Ver­fah­ren des einst­wei­li­gen Rechts­schut­zes ergan­ge­nen Beschluss vom 23. Sep­tem­ber 20084 begrün­det. In dem jetzt ver­kün­de­ten Urteil bekräf­tigt er sei­ne Auf­fas­sung nach noch­ma­li­ger Prü­fung; die dort für einen Weg­zug nach Por­tu­gal gefun­de­ne Lösung ist glei­cher­ma­ßen ein­schlä­gig für den in den Streit­fäl­len in Rede ste­hen­den Weg­zug nach Bel­gi­en und die dafür gege­be­ne, inso­weit par­al­le­le Abkom­mens­la­ge nach Maß­ga­be von Art. 13 Abs. 3 DBA-Bel­gi­en5 (i.V.m. dem dazu ergan­ge­nen Schluss­pro­to­koll). Die Ein­wän­de, wel­che aus unter­schied­li­chen Grün­den im Schrift­tum gegen den zitier­ten Senats­be­schluss erho­ben wor­den sind6, ändern an die­ser Ein­schät­zung nichts; sie wur­den in der Sache nach Über­zeu­gung des Bun­des­fi­nanz­hofs bereits sämt­lich in sei­nem ers­ten Beschluss zur Weg­zug­steu­er7 erwo­gen.

Ins­be­son­de­re hält der Bun­des­fi­nanz­hof dar­an fest, dass das Ver­trau­en des Steu­er­pflich­ti­gen auf die Gemein­schafts­rechts­wid­rig­keit einer inner­staat­li­chen Vor­schrift grund­sätz­lich nicht schüt­zens­wert sein kann. Ein schüt­zens­wer­tes Ver­trau­en kann nicht wei­ter rei­chen, als der aus dem Ver­stoß gegen das Gemein­schafts­recht fol­gen­de Anwen­dungs­vor­rang des Gemein­schafts­rechts reicht; in dem Umfang, in dem die Norm ohne Ver­stoß gegen Gemein­schafts­recht ange­wen­det wer­den kann, besteht des­halb kein Raum für einen Ver­trau­ens­schutz. Ein ande­res Ergeb­nis ergibt sich für die Streit­fäl­le nicht aus dem Umstand, dass zum Zeit­punkt der Erhe­bung der ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­chen Kla­gen im Jahr 2002 die gesetz­li­chen Modi­fi­ka­tio­nen des § 6 AStG a.F. durch die Rege­lun­gen des SEStEG noch nicht exis­tiert haben, § 6 AStG a.F. des­halb mög­li­cher­wei­se wegen Ver­sto­ßes gegen die gemein­schafts­recht­lich ver­bürg­te Nie­der­las­sungs­frei­heit nicht anwend­bar war8 und die Kla­gen folg­lich ursprüng­lich begrün­det gewe­sen sein könn­ten. Dem durch die Modi­fi­ka­tio­nen des SEStEG bewirk­ten nach­träg­li­chen Weg­fall der bis dahin mög­li­cher­wei­se bestehen­den gemein­schafts­recht­li­chen Anwen­dungs­sper­re –einem erle­di­gen­den Ereig­nis i.S. von § 138 Abs. 1 FGO– hät­ten die Klä­ger pro­zes­su­al durch eine Ein­schrän­kung ihrer Kla­ge­an­trä­ge Rech­nung tra­gen kön­nen, um dro­hen­de Kos­ten­nach­tei­le zu ver­mei­den. Für die Kos­ten­ent­schei­dung wäre es dann ggf. auf die Rechts­la­ge vor der Geset­zes­än­de­rung ange­kom­men (§ 138 Abs. 1 FGO).

Geklagt hat­ten Ehe­leu­te, die Akti­en an meh­re­ren deut­schen Gesell­schaf­ten hiel­ten und im Jahr 1998 nach Bel­gi­en und spä­ter –im Jah­re 2001– in die Schweiz ver­zo­gen waren.

Die Ent­schei­dung des BFH kann dazu füh­ren, dass die betref­fen­den Wert­stei­ge­run­gen dop­pelt zu ver­steu­ern sind, näm­lich ein­mal nach Maß­ga­be der Weg­zug­steu­er in Deutsch­land und ein wei­te­res Mal nach Maß­ga­be des aus­län­di­schen Steu­er­rechts im Zuzug­staat. Über­dies bleibt trotz die­ser Grund­satz­ent­schei­dung nach wie vor offen, ob die inner­halb der EU und des EWR geschaf­fe­nen Ver­scho­nungs­re­geln in allen Detail­fra­gen gemein­schafts­recht­li­chen Anfor­de­run­gen genü­gen. Dar­über muss­te im Urteils­fall nach Ansicht des Bun­des­fi­nanz­hofs jedoch nicht ent­schie­den wer­den.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 25. August 2009 — I R 88, 8907

  1. BGBl I 2006, 2782, berich­tigt BGBl I 2007, 68 []
  2. Bestä­ti­gung des BFH-Beschlus­ses vom 23.09.2008 — I B 9208, BFHE 223, 73, BSt­Bl II 2009, 524 []
  3. Ver­trag von Ams­ter­dam zur Ände­rung des Ver­tra­ges über die Euro­päi­sche Uni­on, der Ver­trä­ge zur Grün­dung der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten –EGV – , sowie eini­ger damit zusam­men­hän­gen­der Rechts­ak­te –EG – , ABlEG 1997 Nr. C‑340, 1 []
  4. BFH, Beschluss vom 23.09.2008 — I B 9208, BFHE 223, 73, BSt­Bl II 2009, 524 []
  5. Abkom­men zwi­schen der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und dem König­reich Bel­gi­en zur Ver­mei­dung der Dop­pel­be­steue­rung und zur Regu­lie­rung ver­schie­de­ner ande­rer Fra­gen auf dem Gebie­te der Steu­ern vom Ein­kom­men und vom Ver­mö­gen ein­schließ­lich der Gewer­be­steu­er und der Grund­steu­ern vom 11. April 1967, BGBl II 1968, 18, BSt­Bl I 1969, 39, i.d.F. des Zusatz­ab­kom­mens vom 5. Novem­ber 2002, BGBl II 2003, 1616 []
  6. vgl. Was­ser­mey­er, NJW 2009, 112; Inte­mann, NWB Fach 2, Weg­zugs­be­steue­rung, 10101; Bei­ser, IStR 2009, 236; Häck in Haa­se, AStG/​DBA, § 6 AStG Rz 17 ff. []
  7. BFHE 223, 73, BSt­Bl II 2009, 524 []
  8. vgl. BFHE 223, 73, BSt­Bl II 2009, 524 []