Zöl­le auf Kriegs­ge­rät

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on hat in von der Kom­mis­si­on ange­streng­ten Ver­trags­ver­let­zungs­ver­fah­ren fest­ge­stellt, dass Finn­land, Schwe­den, Deutsch­land, Ita­li­en, Grie­chen­land und Däne­mark dadurch gegen Gemein­schafts­recht ver­sto­ßen haben, dass sie die auf die Ein­fuhr von Kriegs­ge­rät und Gerät, das sowohl zivi­len als auch mili­tä­ri­schen Zwe­cken dient, zu ent­rich­ten­den Zöl­le nicht abge­führt haben. Die Mit­glied­staa­ten sind nach dem Urteil des EuGH auf­grund der Gebo­te der finan­zi­el­len Soli­da­ri­tät in Bezug auf den Gemein­schafts­haus­halt und der Loya­li­tät gegen­über der Kom­mis­si­on zur Erhe­bung und Abfüh­rung die­se Abga­ben ver­pflich­tet.

Zöl­le auf Kriegs­ge­rät

Der Gemein­schafts­haus­halt wird durch Eigen­mit­tel finan­ziert, die u. a. aus den Abga­ben des gemein­sa­men Zoll­ta­rifs auf den Waren­aus­tausch mit Dritt­län­dern stam­men. Nach dem Zoll­ko­dex [1] sind die Mit­glied­staa­ten ver­pflich­tet, die bei der Ein­fuhr von Waren erho­be­nen Zöl­le als Eigen­mit­tel an die Gemein­schafts­kas­se abzu­füh­ren. Mit die­sen sie­ben Kla­gen hat die Euro­päi­sche Kom­mis­si­on vom Gerichts­hof die Fest­stel­lung begehrt, dass Finn­land, Schwe­den, Deutsch­land, Ita­li­en, Grie­chen­land Däne­mark gegen die Ver­pflich­tun­gen aus dem Zoll­ko­dex sowie ver­schie­de­nen Ver­ord­nun­gen [2] ver­sto­ßen haben, indem sie sich gewei­gert haben, die auf die Ein­fuhr von Kriegs­ge­rät (im Fall Schwe­dens und Ita­li­ens auch von Gerät, das sowohl zivi­len als auch mili­tä­ri­schen Zwe­cken dient [3]) ent­fal­len­den Zöl­le als Eigen­mit­tel zu ver­bu­chen.

Deutsch­land hat einen Betrag von 10 803 000 € – unter Vor­be­halt und ohne Auf­schlüs­se­lung nach den Ein­fuh­ren und den Zeit­räu­men – gezahlt und dann die Über­mitt­lung ent­spre­chen­der Infor­ma­tio­nen an die Kom­mis­si­on abge­lehnt.
Die Ver­trags­ver­let­zun­gen betref­fen den Zeit­raum vom 1. Janu­ar 1998 bis 31. Dezem­ber 2002; um dem Schutz der mili­tä­ri­schen Geheim­hal­tung in den Mit­glied­staa­ten Rech­nung zu tra­gen, wur­den mit Wir­kung vom 1. Janu­ar 2003 spe­zi­fi­sche Ver­wal­tungs­ver­fah­ren ein­ge­führt, mit denen eine Aus­set­zung der Zöl­le auf die genann­ten Aus­rüs­tungs­gü­ter ermög­licht wur­de [4].

Die betrof­fe­nen Mit­glied­staa­ten haben ihre Zah­lungs­ver­wei­ge­rung all­ge­mein damit begrün­det, dass eine Erhe­bung der Zöl­le ihre wesent­li­chen Sicher­heits­in­ter­es­sen gefähr­det hät­te. Nach Art. 296 EG ist ein Mit­glied­staat […] nicht ver­pflich­tet, Aus­künf­te zu ertei­len, deren Preis­ga­be sei­nes Erach­tens sei­nen wesent­li­chen Sicher­heits­in­ter­es­sen wider­spricht.

Der Gerichts­hof weist in sei­nen Urteils­grün­den jedoch dar­auf hin, dass kei­ne Bestim­mung der gemein­schaft­li­chen Zoll­re­ge­lung für den Zeit­raum vom 1. Janu­ar 1998 bis 31. Dezem­ber 2002 eine spe­zi­fi­sche Zoll­be­frei­ung für die Ein­fuhr der­ar­ti­ger Güter vor­sah. Die Zoll­aus­set­zung ab 1. Janu­ar 2003 bestä­tigt im Gegen­teil, dass der Gemein­schafts­ge­setz­ge­ber von dem Grund­satz aus­ging, dass vor die­sem Zeit­punkt eine Ver­pflich­tung zur Abfüh­rung die­ser Zöl­le bestand.

Der Gerichts­hof stellt daher fest, dass es zwar Sache der Mit­glied­staa­ten ist, die geeig­ne­ten Maß­nah­men zur Gewähr­leis­tung ihrer inne­ren und äuße­ren Sicher­heit zu ergrei­fen, dass sol­che Maß­nah­men jedoch der Anwen­dung des Gemein­schafts­rechts nicht völ­lig ent­zo­gen sind, das aus­drück­li­che Abwei­chun­gen aus Grün­den der öffent­li­chen Sicher­heit vor­sieht, die ganz bestimm­te außer­ge­wöhn­li­che Fäl­le betref­fen und eng aus­zu­le­gen sind.

Der Euro­päi­sche Gerichts­hof schließt auch die Mög­lich­keit einer Beru­fung eines Mit­glied­staats auf die Ver­teue­rung von mili­tä­ri­schem Gerät aus, die sich aus der Erhe­bung der Zöl­le erge­be. Viel­mehr darf sich ein Mit­glied­staat den Ver­pflich­tun­gen der finan­zi­el­len Soli­da­ri­tät in Bezug auf den Gemein­schafts­haus­halt nicht ent­zie­hen.

Recht­fer­ti­gun­gen, die auf Geheim­hal­tungs­er­for­der­nis­se in den mit den Aus­fuhr­staa­ten geschlos­se­nen Über­ein­künf­ten gestützt wer­den, kom­men nach Ansicht des EuGH nicht in Betracht, da bei den Zoll­ver­fah­ren Gemein­schafts- und natio­na­le Bediens­te­te tätig wer­den, die sämt­lich einer Pflicht zur Geheim­hal­tung unter­lie­gen, die geeig­net ist, die wesent­li­chen Sicher­heits­in­ter­es­sen der Mit­glied­staa­ten zu wah­ren. Zudem schließt die Ver­pflich­tung der Mit­glied­staa­ten, der Kom­mis­si­on die Erfül­lung ihrer Auf­ga­be, für die Beach­tung des Ver­trags zu sor­gen, dadurch zu erleich­tern, dass sie ihr die Unter­la­gen zur Ver­fü­gung stel­len, die erfor­der­lich sind, um zu über­prü­fen, ob die Eigen­mit­tel ord­nungs­ge­mäß über­wie­sen wur­den, nicht aus, dass die Mit­glied­staa­ten die Über­mitt­lung der Infor­ma­tio­nen im Ein­zel­fall aus­nahms­wei­se auf bestimm­te Tei­le eines Schrift­stücks beschrän­ken oder ganz ableh­nen kön­nen.

Soweit es um die Ein­fuhr von Gerät geht, das sowohl zivi­len als auch mili­tä­ri­schen Zwe­cken dient (Rechts­sa­chen gegen Schwe­den und Ita­li­en) gel­ten die Grün­de dafür, dass ein auf die Wah­rung der Inter­es­sen der Mit­glied­staa­ten gestütz­ter Recht­fer­ti­gungs­grund nicht gege­ben ist, erst recht für die Ein­fuhr von Gerät mit dop­pel­ter Ver­wen­dungs­mög­lich­keit, gleich­viel ob es aus­schließ­lich oder nicht aus­schließ­lich für mili­tä­ri­sche Zwe­cke ein­ge­führt wor­den ist.

Schließ­lich weist der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on die Recht­fer­ti­gungs­grün­de zurück, die auf die län­ge­re Untä­tig­keit der Kom­mis­si­on – die Dis­kus­sio­nen mit den betref­fen­den Mit­glied­staa­ten bzw. ein (in der Fol­ge aus­ge­setz­tes) Ver­trags­ver­let­zungs­ver­fah­ren gegen Deutsch­land gehen auf die Acht­zi­ger­jah­re zurück – und den Erlass der Ver­ord­nung über die Aus­set­zung der Abga­ben, womit das Bestehen einer abwei­chen­den Rege­lung auf die­sem Gebiet still­schwei­gend hin­ge­nom­men wor­den sein soll, gestützt wer­den. Dem Euro­päi­schen Gerichts­hof zufol­ge ist die Kom­mis­si­on in kei­nem Sta­di­um des Ver­fah­rens von ihrer grund­sätz­li­chen Auf­fas­sung abge­rückt, son­dern hat stets ihrem fes­ten Wil­len Aus­druck ver­lie­hen, nicht auf die für die Zeit vor der Ein­füh­rung der Aus­set­zungs­ver­fah­ren ange­fal­le­nen Zöl­le zu ver­zich­ten.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urtei­le vom 15. Dezem­ber 2009 -C‑284/​05, C‑294/​05, C‑372/​05, C‑387/​05, C‑409/​05, C‑461/​05 und C‑239/​06

  1. Ver­ord­nung Nr. 2913/​92 des Rates vom 12. Okto­ber 1992 zur Fest­le­gung des Zoll­ko­dex der Gemein­schaf­ten (ABl. L 302, S. 1), vor Kur­zem ersetzt durch die Ver­ord­nung Nr. 450/​2008 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 23. April 2008.[]
  2. Ver­ord­nung (EWG, Eura­tom) Nr. 1552/​89 des Rates vom 29. Mai 1989 zur Durch­füh­rung des Beschlus­ses 88/​376/​EWG, Eura­tom über das Sys­tem der Eigen­mit­tel der Gemein­schaf­ten (ABl. L 155, S. 1) in der durch die Ver­ord­nung (Eura­tom, EG) Nr. 1355/​96 des Rates vom 8. Juli 1996 (ABl. L 175, S. 3) geän­der­ten und durch die Ver­ord­nung (EG, Eura­tom) Nr. 1150/​2000 des Rates vom 22. Mai 2000 zur Durch­füh­rung des Beschlus­ses 94/​728/​EG, Eura­tom über das Sys­tem der Eigen­mit­tel der Gemein­schaf­ten (ABl. L 130, S. 1) auf­ge­ho­be­nen Fas­sung.[]
  3. Rs. C‑294/​05 und C‑387/​05.[]
  4. Ver­ord­nung (EG) Nr. 150/​2003 des Rates vom 21. Janu­ar 2003 zur Aus­set­zung der Ein­fuhr­ab­ga­ben für bestimm­te Waf­fen und mili­tä­ri­sche Aus­rüs­tungs­gü­ter (ABl. L 25, S. 1).[]