Zoll­fahn­dungs­dienst­ge­setz

Über­wie­gend zustim­mend, aber im Detail oft­mals kri­tisch äußer­ten sich die Sach­ver­stän­di­gen am Mitt­woch­nach­mit­tag bei einer öffent­li­chen Anhö­rung des Rechts­aus­schus­ses des Deut­schen Bun­des­ta­ges zu einem Gesetz­ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung, mit dem vor allem eine Ände­rung des Zoll­fahn­dungs­dienst­ge­set­zes erreicht wer­den soll. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat­te Ende Juli 2005 ent­schie­den, bei der Tele­fon- und Post­über­wa­chung von Woh­nun­gen müs­se der “Kern­be­reich der pri­va­ten Lebens­ge­stal­tung” geschützt wer­den. Die Karls­ru­her Rich­ter hat­ten ver­langt, dass sol­che Daten nicht ver­wert­bar sein dür­fen, soll­ten sie aus­nahms­wei­se doch erfasst wor­den sein. Die beab­sich­tig­te Ände­rung soll dem jetzt Rech­nung tragen.

Zoll­fahn­dungs­dienst­ge­setz

Jür­gen-Peter Graf, Rich­ter am Bun­des­ge­richts­hof, erklär­te, der vor­lie­gen­de Gesetz­ent­wurf dürf­te ver­fas­sungs­recht­li­chen Vor­ga­ben ent­spre­chen. Die vor­ge­schla­ge­nen Rege­lun­gen erschie­nen ins­ge­samt sach­ge­recht und im Rah­men des damit ver­folg­ten Ziels, Straf­ta­ten zu ver­hin­dern oder auf­zu­klä­ren, “ange­mes­sen”. Die­ter Anders, Gene­ral­staats­an­walt aus Frankfurt/​Main, mein­te, beim Zoll­fahn­dungs­dienst­ge­setz wer­de man den­sel­ben kri­ti­schen Maß­stab anle­gen müs­sen wie bei dem Gesetz zur Neu­re­ge­lung der Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­über­wa­chung: Es feh­le an kla­ren Grün­den, wel­che kon­kre­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­in­hal­te als “Erkennt­nis­se aus dem pri­va­ten Kern­be­reich” anzu­se­hen sind und wel­che nicht. Eine kla­re Ein­gren­zung, so Anders, dürf­te ins­be­son­de­re dann pro­ble­ma­tisch wer­den, wenn ein Ehe­part­ner oder meh­re­re mit­ein­an­der ver­wand­te Per­so­nen Mit­tä­ter einer Straf­tat sind. Pro­fes­sor Hans-Hei­ner Küh­ne von der Uni­ver­si­tät Trier monier­te, eine Vor­schrift zur Eigen­si­che­rung (Selbst­schutz) durch den Ein­satz tech­ni­scher Mit­tel inner­halb von Woh­nun­gen erschei­ne ihm inso­fern nicht kon­se­quent, als eine Über­las­sung die­ser Daten zu ande­ren Zwe­cken mög­lich sein soll. Auch der Rich­ter­vor­be­halt schüt­ze in die­sem Fal­le nicht. Das “grund­sätz­lich rich­ti­ge und zuläs­si­ge Kon­zept” des Selbst­schut­zes wer­de zu einem “Tro­ja­ni­schen Pferd” für eine Daten­nut­zung zu ande­ren Zwe­cken und damit für einen struk­tu­rel­len Miss­brauch anfällig.

Der Gesetz­ent­wurf set­ze die Vor­ga­ben des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts “wei­test­ge­hend zutref­fend” um, so Staats­an­walt Ste­phan Mor­wei­ser (Gene­ral­bun­des­an­walt beim Bun­des­ge­richts­hof). Aus Sicht der Straf­ver­fol­gungs­pra­xis gäben aber eini­ge Rege­lun­gen zu gewis­sen Beden­ken Anlass. So sei bei­spiels­wei­se die vor­ge­se­he­ne Rege­lung, die eine Pflicht zur unver­züg­li­chen Löschung von Auf­zeich­nun­gen aus dem “Kern­be­reich pri­va­ter Lebens­füh­rung” vor­se­he, sei­nes Erach­tens nicht zwin­gend gebo­ten. Es bestehe in der Pra­xis nicht die Gefahr, dass das Unter­las­sen der unver­züg­li­chen Löschung zu einer “rele­van­ten Ver­tie­fung des Ein­griffs” füh­ren wür­de, da Erkennt­nis­se aus dem Kern­be­reich in aller Regel für das Ermitt­lungs­ver­fah­ren “gänz­lich unbe­deu­tend” sei­en, so Mor­wei­ser. Paul Wamers, der Vize­prä­si­dent des Zoll­kri­mi­nal­am­tes, mein­te eben­falls, den Rege­lun­gen des Regie­rungs­ent­wurfs sei aus sei­ner Sicht zuzu­stim­men. Beson­ders sei unter ande­rem dar­auf hin­zu­wei­sen, das Ziel der Über­wa­chung des nicht öffent­lich gespro­che­nen Wor­tes inner­halb von Wohn­räu­men zum Selbst­schutz sei es nicht, Infor­ma­tio­nen für eige­ne Ermitt­lun­gen zu erhal­ten. Es han­de­le sich hier­bei um eine “rei­ne Schutz­maß­nah­me” für Leben oder Gesund­heit der durch das Zoll­kri­mi­nal­amt ein­ge­setz­ten Personen.

Pro­fes­sor Chris­toph Gusy von der Uni­ver­si­tät Bie­le­feld war der Mei­nung, der Ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung ent­hal­te zahl­rei­che begrü­ßens­wer­te Ansät­ze, aber auch ein­zel­ne Lücken. So sei der vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt mehr­fach ange­spro­che­ne “Kern­be­reich der Pri­vat­sphä­re” zwar erwähnt, aber nicht näher umschrie­ben. Fre­drik Rog­gan von der Huma­nis­ti­schen Uni­on ver­trat den Stand­punkt, die­ser Schutz sei kei­nes­wegs auf die Berei­che des Woh­nungs- und Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­grund­rechts beschränkt. Tat­säch­lich, so Rog­gan, han­de­le es sich hier­bei um eine spe­zi­el­le “Aus­for­mung des Grund­rechts auf infor­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung”, wie es von Karl­ru­he im Volks­zäh­lungs­ur­teil ent­wi­ckelt wur­de. Pro­fes­sor Mar­tin Kutscha von der Fach­hoch­schu­le für Ver­wal­tung und Rechts­pfle­ge in Ber­lin, führ­te aus, im Ent­wurf sei­en mit Blick auf den abso­lu­ten Schutz der Kern­be­reichs pri­va­ter Lebens­ge­stal­tung die ver­fas­sungs­recht­li­chen Vor­ga­ben nur “unzu­rei­chend umge­setzt”. So erhiel­ten unter ande­rem die von den Zoll­fahn­dungs­äm­tern ein­ge­setz­ten V‑Leute weit rei­chen­de Befug­nis­se zur ver­deck­ten Daten­er­he­bung inner­halb und außer­halb von Wohnungen.