Inländerwettbewerb im Ausland

Das anwend­ba­re mate­ri­el­le Wett­be­werbs­recht ist — anders als vom Bun­des­ge­richts­hof frü­her ent­schie­den1 grund­sätz­lich auch dann nach dem Markt­ort­prin­zip zu bestim­men, wenn sich der wett­be­werb­li­che Tat­be­stand im Aus­land aus­schließ­lich unter inlän­di­schen Unter­neh­men abspielt oder sich gezielt gegen einen inlän­di­schen Mit­be­wer­ber rich­tet, der dadurch im Wett­be­werb behin­dert wird.

Inländerwettbewerb im Ausland

Die Rom-II-Ver­ord­nung2 fand auf den jetzt vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Streit­fall noch kei­ne Anwen­dung, da sie nur für Ereig­nis­se gilt, die nach dem 11. Janu­ar 2009 ein­ge­tre­ten sind (vgl. Art. 31 f. Rom-II-VO). Für die mate­ri­el­le Rechts­an­knüp­fung ist daher die Rechts­la­ge unter Gel­tung der am 1. Juni 1999 in Kraft getre­te­nen Fas­sung des Art. 40 EGBGB maß­geb­lich. Danach rich­tet sich die Beur­tei­lung einer Wett­be­werbs­hand­lung nach dem Recht des Ortes, an dem die wett­be­werbs­recht­li­chen Inter­es­sen der Mit­be­wer­ber auf­ein­an­der­tref­fen, also nach dem Recht des Markt­orts. Geht es um die wett­be­werbs­recht­li­che Beur­tei­lung eines Ver­hal­tens bei der Gewin­nung von Kun­den, ist Markt­ort der Ort, an dem auf die Ent­schlie­ßung des Kun­den ein­ge­wirkt wer­den soll. Dort soll das Wett­be­werbs­recht unlau­te­res Kon­kur­renz­ver­hal­ten ver­hin­dern; auf die­sen Ort bezieht sich auch das durch das Wett­be­werbs­recht eben­falls geschütz­te Inter­es­se der All­ge­mein­heit an einem lau­te­ren Wett­be­werb3.

Die für das all­ge­mei­ne Delikts­recht in Art. 40 Abs. 2 EGBGB vor­ge­se­he­ne Son­der­an­knüp­fung an das gemein­sa­me Hei­mat­recht von Ver­let­zer und Ver­letz­tem gilt im Bereich des Wett­be­werbs­rechts nicht4. Der Gesetz­ge­ber hat mit der Ein­füh­rung des Art. 40 Abs. 2 EGBGB kei­ne Abkehr vom Markt­ort­prin­zip im Wett­be­werbs­recht beab­sich­tigt5.

Nach dem Markt­ort­prin­zip setzt die Anwen­dung deut­schen Wett­be­werbs­rechts vor­aus, dass die wett­be­werbs­recht­li­chen Inter­es­sen der Mit­be­wer­ber im Inland auf­ein­an­der­tref­fen6. Dar­an fehlt es im Streit­fall. Die Beklag­te hat das bean­stan­de­te Tele­fax anläss­lich einer Aus­schrei­bung in Bul­ga­ri­en an ihre bul­ga­ri­sche Reprä­sen­tan­tin mit der Bit­te geschickt, das aus­schrei­ben­de Unter­neh­men K. und ande­re Kun­den in Bul­ga­ri­en über des­sen Inhalt zu infor­mie­ren. Markt­ort der Wett­be­werbs­hand­lung war des­halb Bul­ga­ri­en.

Aller­dings hat der Bun­des­ge­richts­hof in der Ver­gan­gen­heit für die Fra­ge der Rechts­an­wen­dung dann aus­nahms­wei­se an den gemein­sa­men Inlands­sitz der betei­lig­ten Wett­be­wer­ber ange­knüpft, wenn sich der wett­be­werb­li­che Tat­be­stand im Aus­land aus­schließ­lich unter inlän­di­schen Unter­neh­men abspiel­te oder sich spe­zi­ell gegen den inlän­di­schen Mit­be­wer­ber rich­tet, der dadurch im Wett­be­werb unge­hö­rig behin­dert wird7. Soweit aus die­ser Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs aus dem Jah­re 1963 für den vor­lie­gen­den Fall die Anwend­bar­keit deut­schen Wett­be­werbs­rechts abge­lei­tet wer­den könn­te, hält der Bun­des­ge­richts­hof an ihr nicht fest.

Die Anwen­dung deut­schen Wett­be­werbs­rechts als des gemein­sa­men Hei­mat­rechts der (ein­zi­gen) Mit­be­wer­ber lässt die Inter­es­sen der Markt­teil­neh­mer am aus­län­di­schen Markt­ort außer Betracht. Liegt der Markt­ort im Aus­land, betrifft auch das zu schüt­zen­de Inter­es­se des kla­gen­den deut­schen Unter­neh­mens pri­mär des­sen Wett­be­werbs­stel­lung auf dem aus­län­di­schen Markt. Dort kol­li­die­ren die wett­be­werb­li­chen Inter­es­sen der Par­tei­en als Wett­be­wer­ber. Ent­ge­gen der Ansicht der Revi­si­on trifft es nicht zu, dass in die­sen Fäl­len der wesent­li­che Schwer­punkt der betrof­fe­nen wett­be­werb­li­chen Inter­es­sen im Inland liegt. Im Hin­blick dar­auf hat es der Bun­des­ge­richts­hof abge­lehnt, wett­be­werb­li­che Kon­flik­te unter aus­län­di­schen Unter­neh­men auf dem deut­schen Markt nach den Grund­sät­zen der Stahl­ex­port-Ent­schei­dung und damit gege­be­nen­falls nach aus­län­di­schem Recht zu lösen8. Ein sach­li­cher Grund für die Ungleich­be­hand­lung des Inlän­der­wett­be­werbs im Aus­land gegen­über dem Aus­län­der­wett­be­werb im Inland ist jeden­falls heu­te nicht mehr ersicht­lich. Es ist daher gebo­ten, in bei­den Fäl­len das Markt­ort­prin­zip anzu­wen­den. Fer­ner ist nicht zu begrün­den, war­um die Anwen­dung unter­schied­li­chen mate­ri­el­len Rechts zu einer abwei­chen­den Beur­tei­lung der­sel­ben Wett­be­werbs­maß­nah­me, etwa einer Wer­bung, füh­ren kön­nen soll­te, je nach dem, ob neben den inlän­di­schen Unter­neh­men noch ein oder meh­re­re aus­län­di­sche Unter­neh­men auf dem aus­län­di­schen Markt tätig sind. Schließ­lich wird es häu­fig nur schwer zu klä­ren sein, ob es auf einem bestimm­ten aus­län­di­schen Markt ein­hei­mi­sche Wett­be­wer­ber oder sol­che aus Dritt­staa­ten gibt9.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 11. Febru­ar 2010 — I ZR 8508

  1. Auf­ga­be von BGHZ 40, 391, 397 ff. — Stahl­ex­port []
  2. Ver­ord­nung (EG) Nr. 8642007 über das auf außer­ver­trag­li­che Schuld­ver­hält­nis­se anzu­wen­den­de Recht []
  3. BGHZ 113, 11, 15 — Kauf im Aus­land; BGH, Urteil vom 26.11.1997 — I ZR 14895, GRUR 1998, 419, 420 = WRP 1998, 386 — Gewinn­spiel im Aus­land []
  4. BGH, Urteil vom 13.5.2004 — I ZR 26400, GRUR 2004, 1035, 1036 = WRP 2004, 1484 — Rot­preis-Revo­lu­ti­on; Urteil vom 05.10.2006 — I ZR 704, GRUR 2007, 245 Tz. 11 = WRP 2007, 174 — Schul­den Hulp, m.w.N.; Fezer/​Koos in Stau­din­ger, BGB, Sep­tem­ber 2006, Int­Wirt­schR Rdn. 396 f. []
  5. vgl. Begrün­dung der Bun­des­re­gie­rung zum Ent­wurf eines Geset­zes zum Inter­na­tio­na­len Pri­vat­recht für außer­ver­trag­li­che Schuld­ver­hält­nis­se und für Sachen, BT-Drs. 14343, S. 10; Hausmann/​Obergfell in Fezer, UWG, 2. Aufl., Einl. I Rdn. 63 []
  6. BGH GRUR 2007, 245 — Schul­den Hulp, m.w.N. []
  7. BGHZ 40, 391, 397 ff. — Stahl­ex­port []
  8. BGH, Urteil vom 04.06.1987 — I ZR 10985, GRUR 1988, 453, 454 = WRP 1988, 25 — Ein Cham­pa­gner unter den Mine­ral­wäs­sern []
  9. vgl. zum Gan­zen Köh­ler in Köhler/​Bornkamm aaO Einl. I UWG Rdn. 5.14; Hausmann/​Obergfell in Fezer aaO Einl. I Rdn. 224; sie­he auch Sack, WRP 2000, 269, 279 f. []