Schuldbeitritt im internationalen Handel und das anwendbare Recht

Auf einen Ver­trag mit Ver­bin­dung zu einem aus­län­di­schen Staat, durch den eine Ver­trags­par­tei der Schuld eines Drit­ten gegen­über der ande­ren Ver­trags­par­tei bei­tritt, ist gemäß Art. 28 Abs. 2 EGBGB grund­sätz­lich das Recht des Nie­der­las­sungs­or­tes des Bei­tre­ten­den anzu­wen­den. Allein der dem Schuld­bei­tritt imma­nen­te Zusam­men­hang mit dem Recht der ursprüng­li­chen Schuld hat regel­mä­ßig kei­ne aus­rei­chend star­ke Indi­zwir­kung, um eine enge­re Ver­bin­dung im Sin­ne von Art. 28 Abs. 5 EGBGB zu begrün­den.

Schuldbeitritt im internationalen Handel und das anwendbare Recht

Für den Schuld­bei­tritt ist nach dem für die Beur­tei­lung des Fal­les noch anwend­ba­ren Art. 28 Abs. 2 Satz 2 EGBGB grund­sätz­lich an den Nie­der­las­sungs­ort des Bei­tre­ten­den anzu­knüp­fen, denn die­ser erbringt die cha­rak­te­ris­ti­sche Leis­tung1. Nach Art. 28 Abs. 5 EGBGB kann eine akzes­so­ri­sche Anknüp­fung an das Sta­tut der über­nom­me­nen Schuld erfol­gen, wenn zu die­sem eine enge­re Ver­bin­dung als zum Nie­der­las­sungs­ort des Bei­tre­ten­den besteht2. Allein der dem Schuld­bei­tritt imma­nen­te Zusam­men­hang mit dem Recht der ursprüng­li­chen Schuld hat regel­mä­ßig kei­ne aus­rei­chend star­ke Indi­zwir­kung, um eine enge­re Ver­bin­dung im Sin­ne von Art. 28 Abs. 5 EGBGB zu begrün­den. Dies kann für den Schuld­bei­tritt nicht anders beur­teilt wer­den als für die Bürg­schaft und die Garan­tie, deren Sta­tut regel­mä­ßig an den Nie­der­las­sungs­ort des Bür­gen bzw. Garan­ten ange­knüpft wird3 und von denen der Schuld­bei­tritt häu­fig abzu­gren­zen ist. Um zu ver­mei­den, dass die­se Abgren­zung schon auf der kol­li­si­ons­recht­li­chen Ebe­ne bei der Bestim­mung des Ver­trags­sta­tuts vor­ge­nom­men wer­den muss, sind die ein­zel­nen Siche­rungs­mit­tel nach den­sel­ben Kri­te­ri­en anzu­knüp­fen4.

Dabei hat es der Bun­des­ge­richts­hofs dahin­ste­hen las­sen, ob bei einer pri­va­ti­ven Schuld­über­nah­me das Recht der über­nom­me­nen Schuld maß­geb­lich wäre, was für den Bun­des­ge­richts­hof hin­sicht­lich der Beur­tei­lung der Wirk­sam­keit der Ver­pflich­tun­gen des Neu­schuld­ners zwei­fel­haft ist5.

Eben­falls nicht ent­schie­den hat der Bun­des­ge­richts­hof die umstrit­te­ne Fra­ge, in wel­chem Rang­ver­hält­nis die ein­zel­nen Absät­ze des Art. 28 EGBGB ste­hen6. Auch wenn man mit Tei­len der Lite­ra­tur davon aus­geht, dass Art. 28 Abs. 5 EGBGB der Ver­mu­tung des Art. 28 Abs. 2 EGBGB nicht als im Rang nach­ge­ord­net anzu­se­hen ist, bestand die enge­re Ver­bin­dung in dem jetzt vom BGH ent­schie­de­nen Fall zum Recht des Nie­der­las­sungs­orts.

Zwei ggfs. auf deut­sches Recht hin­wei­sen­de Umstän­de hat der Bun­des­ge­richts­hof auch bei ihrem Zusam­men­tref­fen nicht das Gewicht bei­gemes­sen, das dem Nie­der­las­sungs­ort zukommt:

  • Der Ort der Ver­trags­ver­hand­lun­gen und des Ver­trags­ab­schlus­ses hat nur eine schwa­che Indi­zwir­kung7. Er hängt häu­fig nur vom Zufall ab und besagt regel­mä­ßig nichts über die Inter­es­sen der Ver­trags­par­tei­en.
  • Von nur gerin­ger Bedeu­tung für die Anknüp­fung wäre der Erfül­lungs­ort, auch wenn er in Deutsch­land läge.

Den auf Deutsch­land hin­wei­sen­den Indi­zi­en steht als Anknüp­fungs­merk­mal der Nie­der­las­sungs­ort der Beklag­ten als Erbrin­ger der cha­rak­te­ris­ti­schen Leis­tung gegen­über, dem das Gesetz durch die Ver­mu­tung des Art. 28 Abs. 2 EGBGB beson­de­res Gewicht bei­misst. Die­ses ist beim Schuld­bei­tritt als beson­ders hoch anzu­se­hen, weil der Bei­tre­ten­de vom Ver­trags­sta­tut erheb­lich mehr betrof­fen ist als der Gläu­bi­ger der über­nom­me­nen Schuld. Die­ser erbringt beim Schuld­bei­tritt kei­ne Leis­tung. Er ist nicht beson­ders schüt­zens­wert, weil ihm ledig­lich ein wei­te­rer Schuld­ner ent­steht und er kei­ne Nach­tei­le aus dem Rechts­ge­schäft erfährt. Ins­be­son­de­re blei­ben die Ver­pflich­tun­gen aus dem Rechts­ge­schäft mit dem ursprüng­li­chen Schuld­ner bestehen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 11. Novem­ber 2010 — VII ZR 4410

  1. MünchKommBGB/​Martiny, 4. Aufl., Art. 33 EGBGB Rn. 60; Staudinger/​Hausmann, BGB (2002), Art. 33 EGBGB Rn. 96; Erman/​Hohloch, BGB, 12. Aufl., Art. 33 EGBGB Rn. 13; von Bar, IPRax 1991, 197, 198; Girs­ber­ger, ZVgl­RWiss 88 (1989), 31, 37; Soergel/​v. Hoff­mann, BGB, 12. Aufl., Art. 33 Rn. 34; Sie­del, Kol­li­si­ons­recht­li­che Anknüp­fung ver­trag­li­cher und gesetz­li­cher Schuld­über­nah­me, S. 74 ff.; a.A.: Kegel/​Schurig, IPR, 9. Aufl., S. 761 []
  2. MünchKommBGB/​Martiny, aaO, Rn. 60; ein­schrän­kend Staudinger/​Hausmann, aaO, Rn. 96; Soergel/​v. Hoff­mann, aaO, Rn. 34 []
  3. BGH, Urtei­le vom 28.01.1993 — IX ZR 25991, BGHZ 121, 224, 228; und vom 13.06.1996 — IX ZR 17295, NJW 1996, 2569, 2570 []
  4. von Bar, aaO, S. 198; Staudinger/​Hausmann, aaO, Rn. 96; Soergel/​v. Hoff­mann, aaO, Rn. 34; Girs­ber­ger aaO, S. 37; Sie­del, aaO, S. 75 f.; MünchKommBGB/​Martiny, BGB, 4. Aufl., Art. 33 Rn. 60 []
  5. vgl. Soergel/​v. Hoff­mann, aaO, Rn. 42; Staudinger/​Hausmann, aaO, Rn. 100; MünchKommBGB/​Martiny, aaO, Rn. 59; Girs­ber­ger, aaO []
  6. vgl. zum Mei­nungs­stand BGH, Urteil vom 26.07.2004 — VIII ZR 27303, NJW-RR 2005, 206, 209; MünchKommBGB/​Martiny, 4. Aufl., Art. 28 EGBGB Rn. 110 []
  7. vgl. BAGE 71, 297, 313; 63, 17, 28; RGZ 61, 343, 345 f.; Staudinger/​Magnus, BGB (2002), Art. 28 EGBGB Rn. 45; MünchKommBGB/​Martiny, 4. Aufl., Art. 28 EGBGB Rn. 94 []