Anwendbares Recht bei grenzüberschreitenden Charterverträgen

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten muss­te in einem aktu­el­len Ver­fah­ren ent­schei­den, nach wel­chen Kri­te­ri­en das auf einen Char­ter­ver­trag anwend­ba­re Recht bestimmt wird, und sich in die­sem Zusam­men­hang zum ers­ten Mal mit dem Über­ein­kom­men über das auf ver­trag­li­che Schuld­ver­hält­nis­se anwend­ba­re Recht befas­sen.

Anwendbares Recht bei grenzüberschreitenden Charterverträgen

Anlass der Ent­schei­dung war eine bel­gisch — nie­der­län­disch — deut­sche Strei­tig­keit:
1998 schloss die bel­gi­sche Gesell­schaft Inter­con­tai­ner Interfri­go (ICF) mit den nie­der­län­di­schen Gesell­schaf­ten Bal­ken­en­de und Mic Ope­ra­ti­ons BV (MIC) einen Char­ter­ver­trag im Rah­men eines Eisen­bahn­pro­jekts zur Güter­be­för­de­rung zwi­schen Ams­ter­dam (Nie­der­lan­de) und Frank­furt (Deutsch­land). ICF hat­te MIC Wag­gons zur Ver­fü­gung zu stel­len und den Eisen­bahn­trans­port sicher­zu­stel­len. MIC, die die ihr zur Ver­fü­gung ste­hen­den Lade­ka­pa­zi­tä­ten an Drit­te ver­mie­tet hat­te, war für den gesam­ten ope­ra­ti­ven Teil der Beför­de­rung ver­ant­wort­lich.

2002 ver­klag­te ICF MIC bei einem nie­der­län­di­schen Gericht auf Zah­lung einer Rech­nung aus dem Jahr 1998. Die­ses Gericht war der Ansicht, dass der Ver­trag als Beför­de­rungs­ver­trag zu qua­li­fi­zie­ren sei, dass er enge­re Ver­bin­dun­gen mit den Nie­der­lan­den als mit Bel­gi­en auf­wei­se und dass folg­lich bei Anwen­dung nie­der­län­di­schen Rechts der Anspruch auf Beglei­chung der Rech­nung ver­jährt sei — was nach bel­gi­schem Recht nicht der Fall war.

Der Hoge Raad der Neder­lan­den, bei dem die Rechts­sa­che nun­mehr anhän­gig ist, hat dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten in die­sem Zusam­men­hang meh­re­re Fra­gen zur Aus­le­gung des Über­ein­kom­mens über das auf ver­trag­li­che Schuld­ver­hält­nis­se anzu­wen­den­de Recht1 und ins­be­son­de­re zum man­gels Rechts­wahl der Par­tei­en anzu­wen­den­den Rechts gestellt.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Gemeis­nchaf­ten erin­nert nun in sei­ner Ent­schei­dung zunächst dar­an, dass das Über­ein­kom­men geschlos­sen wur­de, um auf dem Gebiet des Inter­na­tio­na­len Pri­vat­rechts die Rechts­ver­ein­heit­li­chung fort­zu­set­zen, die mit dem Über­ein­kom­men über die gericht­li­che Zustän­dig­keit und die Voll­stre­ckung gericht­li­cher Ent­schei­dun­gen2 begon­nen hat­te. Mit ihm sol­len die Nach­tei­le besei­tigt wer­den, die sich aus der Unter­schied­lich­keit der in den ver­schie­de­nen Mit­glied­staa­ten ange­wen­de­ten Kol­li­si­ons­nor­men im Bereich des Ver­trags­rechts erge­ben, und unab­hän­gig davon, wo das Urteil erlas­sen wer­den soll, ein­heit­li­che Nor­men für die Bestim­mung des auf ver­trag­li­che Schuld­ver­hält­nis­se anzu­wen­den­den Rechts geschaf­fen wer­den.

Es steht den Par­tei­en nach dem Über­ein­kom­men frei, das auf den Ver­trag, den sie schlie­ßen, anwend­ba­re Recht zu ver­ein­ba­ren; man­gels Rechts­wahl sind aller­dings Anknüp­fungs­kri­te­ri­en, die für jede Art von Ver­trag gel­ten, vor­ge­se­hen, die auf der Bestim­mung des Staa­tes beru­hen, mit dem die­ser Ver­trag die „engs­ten Ver­bin­dun­gen auf­weist”. Die­ser all­ge­mei­ne Grund­satz wird durch Ver­mu­tun­gen (wie den gewöhn­li­chen Auf­ent­halts­ort der­je­ni­gen Ver­trags­par­tei, wel­che die cha­rak­te­ris­ti­sche Leis­tung erbringt) oder Son­der­an­knüp­fun­gen (z. B. für Grund­stücks- und für Beför­de­rungs­ver­trä­ge) ein­ge­schränkt.

Was ins­be­son­de­re die Güter­be­för­de­rung betrifft, kommt das Recht des Staa­tes zur Anwen­dung, in dem der Beför­de­rer sei­ne Haupt­nie­der­las­sung hat, sofern sich in die­sem Staat auch der Ver­la­de­ort oder der Ent­la­de­ort oder die Haupt­nie­der­las­sung des Absen­ders befin­det.

Der Gerichts­hof erin­nert außer­dem dar­an, dass nach dem Über­ein­kom­men als Güter­be­för­de­rungs­ver­trä­ge auch ande­re Ver­trä­ge gel­ten, die in der Haupt­sa­che der Güter­be­för­de­rung die­nen; in die­sem Fall fin­det aller­dings das Recht des Staa­tes, in dem der Beför­de­rer sei­ne Haupt­nie­der­las­sung hat, nur dann Anwen­dung, wenn der Vercharterer/​Beförderer zum Zeit­punkt des Ver­trags­ab­schlus­ses sei­ne Haupt­nie­der­las­sung in dem Staat hat, in dem sich der Ver­la­de­ort oder der Ent­la­de­ort oder die Haupt­nie­der­las­sung des Absen­ders befin­det.
Der Gerichts­hof stellt somit fest, dass das Recht des Staa­tes, in dem der Beför­de­rer sei­ne Haupt­nie­der­las­sung hat, für einen Char­ter­ver­trag nur dann gilt, wenn Haupt­ge­gen­stand des Ver­trags nicht die blo­ße Zur­ver­fü­gung­stel­lung eines Beför­de­rungs­mit­tels ist, son­dern die Beför­de­rung der Güter im eigent­li­chen Sinn.

Der Rich­ter hat, so der EuGH, das anwend­ba­re Recht immer auf der Grund­la­ge der vom Über­ein­kom­men gelie­fer­ten Ver­mu­tun­gen zu bestim­men; wenn sich aber klar aus der Gesamt­heit der Umstän­de ergibt, dass der Ver­trag enge­re Ver­bin­dun­gen mit einem ande­ren Staat als dem­je­ni­gen auf­weist, der auf der Grund­la­ge der Ver­mu­tun­gen bestimmt wird, kann der Rich­ter die­se unan­ge­wen­det las­sen und das Recht des Staa­tes anwen­den, mit dem der genann­te Ver­trag am engs­ten ver­bun­den ist.

Der Gerichts­hof erin­nert dar­an, dass das auf den Ver­trag anwend­ba­re Recht nach Art. 10 Abs. 1 Buchst. d des Über­ein­kom­mens ins­be­son­de­re für die For­de­rungs­ver­jäh­rung gilt. Schließ­lich ent­schei­det er, dass der Rich­ter für die Bestim­mung des anzu­wen­den­den Rechts den Ver­trag in meh­re­re Tei­le auf­spal­ten kann; aus­nahms­wei­se kann ein Teil des Ver­trags einem ande­ren Recht als dem­je­ni­gen, das auf den Rest des Ver­trags ange­wen­det wird, unter­lie­gen, jedoch nur dann, wenn der Gegen­stand die­ses Ver­trags­teils auto­nom ist.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten, Urteil vom 6. Okto­ber 2009 — C‑133/​08

  1. Über­ein­kom­men über das auf ver­trag­li­che Schuld­ver­hält­nis­se anzu­wen­den­de Recht, auf­ge­legt zur Unter­zeich­nung am 19. Juni 1980 in Rom (ABl. 1980, L 266, S. 1). []
  2. Über­ein­kom­men vom 27. Sep­tem­ber 1968 über die gericht­li­che Zustän­dig­keit und die Voll­stre­ckung gericht­li­cher Ent­schei­dun­gen in Zivil- und Han­dels­sa­chen (ABl. 1972, L 299, S. 32). []