Die in Deutschland abgegebene Willenserklärung und ihr Zugang im Ausland

Ob eine Wil­lens­er­klä­rung einem Emp­fän­ger mit Sitz im Aus­land zuge­gan­gen ist, beur­teilt sich nach dem Orts­recht des Abga­be­orts.

Die in Deutschland abgegebene Willenserklärung und ihr Zugang im Ausland

Hin­ter­grund die­ser Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs war die Fra­ge der Wirk­sam­keit der Amts­nie­der­le­gung des Geschäfts­füh­rers einer deut­schen Toch­ter­ge­sell­schaft eines ame­ri­ka­ni­schen Kon­zern.

Die Nie­der­le­gung des Amtes eines GmbH-Geschäfts­füh­rers ist nur dann wirk­sam, wenn sie min­des­tens einem der Gesell­schaf­ter zuge­gan­gen ist1, und sie weder eine bestimm­te Form noch einen wich­ti­gen Grund erfor­dert2. Dass die Amts­nie­der­le­gung im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall auf­schie­bend bedingt durch die Ein­tra­gung im Han­dels­re­gis­ter erklärt wor­den ist, steht ihrer Wirk­sam­keit eben­falls nicht ent­ge­gen3.

Die Fra­ge, ob der Antrag­stel­ler sein Amt als Geschäfts­füh­rer wirk­sam nie­der­ge­legt hat, beur­teilt sich nach deut­schem Recht. Es geht um die inne­ren Bezie­hun­gen der T. GmbH, die sich grund­sätz­lich nach deut­schem Recht rich­ten4. Nach dem Per­so­nal­sta­tut der Gesell­schaft beant­wor­ten sich auch die Fra­gen, wer ihr gesetz­li­cher Ver­tre­ter ist5 und ob und auf wel­che Wei­se der gesetz­li­che Ver­tre­ter sein Amt nie­der­le­gen kann. Die Fra­ge, ob die Amts­nie­der­le­gungs­er­klä­rung der ame­ri­ka­ni­schen Gesell­schaf­te­rin an deren Sitz in Kali­for­ni­en zuge­gan­gen ist, rich­tet sich eben­falls nach deut­schem Recht. Für den Zugang einer Wil­lens­er­klä­rung kommt es nicht auf das Orts­recht des Zugangs­orts, son­dern auf das­je­ni­ge des Abga­be­orts an6. Danach ist ent­schei­dend, dass die Erklä­rung in Deutsch­land abge­ge­ben wor­den ist.

Damit gel­ten für die Amts­nie­der­le­gungs­er­klä­rung eines GmbH-Geschäfts­füh­rers gegen­über einem Gesell­schaf­ter die all­ge­mei­nen Regeln über den Zugang von Wil­lens­er­klä­run­gen. Eine Amts­nie­der­le­gungs­er­klä­rung kann zwar erheb­li­che Fol­gen für die Gesell­schaft und die Gesell­schaf­ter haben. Das recht­fer­tigt es aber nicht, die Zugangs­vor­aus­set­zun­gen zu ver­schär­fen. Auch ande­re Wil­lens­er­klä­run­gen kön­nen von gro­ßer Wich­tig­keit sein, ohne dass des­halb die gesetz­li­chen Grund­sät­ze für ihren Zugang in Fra­ge gestellt wür­den.

Wird die Amts­nie­der­le­gungs­er­klä­rung — wie hier — unter Abwe­sen­den abge­ge­ben, wird sie gemäß § 130 Abs. 1 Satz 1 BGB mit ihrem Zugang wirk­sam. Zuge­gan­gen in die­sem Sin­ne ist eine Wil­lens­er­klä­rung dann, wenn sie so in den Bereich des Emp­fän­gers gelangt ist, dass die­ser unter nor­ma­len Ver­hält­nis­sen die Mög­lich­keit hat, vom Inhalt der Erklä­rung Kennt­nis zu neh­men7. Dabei genügt es, wenn die Erklä­rung über einen von dem Emp­fän­ger bereit­ge­stell­ten Tele­fax­an­schluss über­mit­telt wird. In die­sem Fall geht die Erklä­rung dem Emp­fän­ger zu, wenn der Druck­vor­gang am Emp­fangs­ge­rät abge­schlos­sen ist und dem Emp­fän­ger eine Kennt­nis­nah­me mög­lich und nach der Ver­kehrs­an­schau­ung zu erwar­ten ist8.

Nach die­sen Grund­sät­zen genüg­te es hier, dass die Amts­nie­der­le­gungs­er­klä­rung an den Tele­fax­an­schluss der Gesell­schaf­te­rin T. Inc. geschickt wor­den ist.

Beden­ken gegen den ord­nungs­ge­mä­ßen Zugang erge­ben sich schließ­lich auch nicht dar­aus, dass Zwei­fel dar­über bestehen, wer gesetz­li­cher Ver­tre­ter der T. Inc. ist und ob gege­be­nen­falls eine Allein­ver­tre­tung bei der Ent­ge­gen­nah­me von Wil­lens­er­klä­run­gen wie nach § 35 Abs. 2 Satz 2 GmbHG statt­fin­det.

Wer gesetz­li­cher Ver­tre­ter der US-Gesell­schaft ist und ob er gege­be­nen­falls Allein­ver­tre­tungs­macht hat, rich­tet sich nach dem Per­so­nal­sta­tut die­ser Gesell­schaft, also nach dem Recht des Staa­tes Kali­for­ni­en. Auf die Per­son des gesetz­li­chen Ver­tre­ters kommt es hier aber nicht ent­schei­dend an. Wenn die Erklä­rung über den Tele­fax­an­schluss der US-Gesell­schaft in deren Macht­be­reich gelangt ist, kann ohne wei­te­res davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass die zur Ent­ge­gen­nah­me einer der­ar­ti­gen Erklä­rung befug­ten Per­so­nen davon Kennt­nis genom­men haben oder jeden­falls hät­ten Kennt­nis neh­men kön­nen.

Nach § 39 Abs. 2 GmbHG, § 12 Abs. 2 HGB sind der Anmel­dung einer Nie­der­le­gung des Geschäfts­füh­rer­am­tes die elek­tro­nisch ein­zu­rei­chen­den Urkun­den über die Been­di­gung der Ver­tre­tungs­be­fug­nis in Urschrift oder öffent­lich beglau­big­ter Abschrift bei­zu­fü­gen. In Recht­spre­chung und Schrift­tum ist umstrit­ten, ob dazu regel­mä­ßig der urkund­li­che Nach­weis des Zugangs der Nie­der­le­gungs­er­klä­rung gehört9, ob die­ser Nach­weis jeden­falls dann vor­zu­le­gen ist, wenn Zwei­fel an dem Zugang bestehen10 oder ob ein der­ar­ti­ger Nach­weis in kei­nem Fall ver­langt wer­den darf11. Die Fra­ge braucht hier nicht ent­schie­den zu wer­den. Denn der Antrag­stel­ler hat Urkun­den vor­ge­legt, die für den im Ein­tra­gungs­ver­fah­ren gebo­te­nen Nach­weis des Zugangs sei­ner Amts­nie­der­le­gungs­er­klä­rung aus­rei­chen.

Der Zugang der Erklä­rung ergibt sich mit der für eine Ein­tra­gung aus­rei­chen­den Gewiss­heit einer­seits aus dem Tele­fax-Sen­de­be­richt vom 07.12.2009 über die Ver­sen­dung der Erklä­rung an die T. Inc. unter der Tele­fax­num­mer 1 und ande­rer­seits aus der Tele­fax­be­stä­ti­gung der US-Gesell­schaft vom 08.12.2009, gesen­det von dem­sel­ben Tele­fax-Anschluss und unter­zeich­net von D. L. Bei die­ser Sach­la­ge kann von dem Antrag­stel­ler nicht ver­langt wer­den, einen wei­te­ren urkund­li­chen Nach­weis über den Zugang sei­ner Amts­nie­der­le­gungs­er­klä­rung bei­zu­brin­gen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 21. Juni 2011 — II ZB 1510

  1. BGH, Urteil vom 17.09. 2001 — II ZR 37899, BGHZ 149, 28, 31 f. []
  2. BGH, Urteil vom 08.02.1993 — II ZR 5892, BGHZ 121, 257, 261 f. []
  3. OLG Zwei­brü­cken, GmbHR 1999, 479; Wach­ter, GmbHR 2001, 1129, 1135, jeweils m.w.N. []
  4. vgl. dazu BGH, Urteil vom 27.10.2008 — II ZR 15806, BGHZ 178, 192 Rn. 13 ff. — Trab­renn­bahn []
  5. BGH, Urteil vom 05.05.1960 — VII ZR 9258, BGHZ 32, 256, 258; Urteil vom 17.11.1994 — III ZR 7093, BGHZ 128, 41, 44; Münch­Komm BGB/​Kindler, 5. Aufl., Int­GesR Rn. 589 []
  6. Erman/​Hohloch, BGB, 12. Aufl., Art. 11 EGBGB Rn. 26 f.; MünchKommBGB/​Spellenberg, 5. Aufl., Art. 11 EGBGB Rn. 125 ff. []
  7. st. Rspr., s. etwa BGH, Urteil vom 21.01.2004 — XII ZR 21400, NJW 2004, 1320 []
  8. BGH, Urteil vom 21.01.2004 — XII ZR 21400, NJW 2004, 1320 []
  9. BayO­bLGZ 1981, 227, 230; OLG Naum­burg, NZG 2001, 853, 854; OLG Düs­sel­dorf, NZG 2004, 1068, 1069; OLG Hamm, GmbHR 2010, 1092, 1093; Oet­ker in Henssler/​Strohn, Gesell­schafts­recht, GmbHG § 39 Rn. 12 []
  10. OLG Frank­furt am Main, ZIP 2006, 1769, 1770; Wach­ter, GmbHR 2001, 1129, 1137; Lohr, DStR 2002, 2173, 2181 f.; Zöllner/​Noack in Baumbach/​Hueck, GmbHG, 19. Aufl., § 39 Rn. 16; Alt­mep­pen in Roth/​Altmeppen, GmbHG, 6. Aufl., § 39 Rn. 12 []
  11. so wohl Scholz/​Uwe H. Schnei­der, GmbHG, 10. Aufl., § 39 Rn. 18; Paef­gen in Ulmer/​Habersack/​Winter, GmbHG, § 39 Rn. 32 []