Baskische Steuererleichterungen als unzulässige staatliche Beihilfen

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on hat in einem jetzt ver­kün­de­ten Urteil bestä­tigt, dass zwei bas­ki­sche Steu­er­erleich­te­run­gen – eine Ermä­ßi­gung der Bemes­sungs­grund­la­ge für die Kör­per­schaft­steu­er bei neu­ge­grün­de­ten Gesell­schaf­ten und eine Steu­er­gut­schrift in Höhe von 45 % bei bestimm­ten Inves­ti­tio­nen – mit dem Gemein­sa­men Markt unver­ein­ba­re Bei­hil­fen sind. Das Ver­hal­ten der Kom­mis­si­on in Bezug auf die frü­he­ren bas­ki­schen Steu­er­re­ge­lun­gen konn­te bei den betrof­fe­nen regio­na­len Behör­den kein schutz­wür­di­ges Ver­trau­en begrün­den.

Baskische Steuererleichterungen als unzulässige staatliche Beihilfen

Nach spa­ni­schem Recht kön­nen die Ter­ri­to­ri­os His­tó­r­i­cos Ála­va, Viz­ca­ya und Guipúz­coa unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen die für sie gel­ten­de Steu­er­re­ge­lung gestal­ten. In die­sem Kon­text erlie­ßen die­se drei Ter­ri­to­ri­os ab 1988 Rege­lun­gen für steu­er­li­che Bei­hil­fen für Inves­ti­tio­nen.
1993 führ­ten sie im Rah­men der Kör­per­schaft­steu­er neue Steu­er­vor­schrif­ten ein, die ins­be­son­de­re eine Steu­er­be­frei­ung für bestimm­te neu­ge­grün­de­te Unter­neh­men vor­sa­hen. Im Jahr 2001 erließ die Kom­mis­si­on Ent­schei­dun­gen, in denen sie die­se Maß­nah­men für mit dem Gemein­sa­men Markt unver­ein­bar erklär­te, was vom Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on am 9. Juni 2011 bestä­tigt wur­de1.

Ála­va, Viz­ca­ya und Guipúz­coa erlie­ßen jeweils im Dezem­ber der Jah­re 1994, 1996 und 1997 Maß­nah­men, wonach für bestimm­te Inves­ti­tio­nen von mehr als 15 025 303 Euro im Rah­men der Kör­per­schaft­steu­er eine Steu­er­gut­schrift in Höhe von 45% gewährt wur­de. Die­se Rege­lun­gen wur­den in Ála­va für die Steu­er­jah­re 1995 bis 1999 und in Viz­ca­ya und Guipúz­coa für die Steu­er­jah­re 1997 bis 1999 ange­wandt. Es han­del­te sich ins­be­son­de­re um Inves­ti­tio­nen in neu­es Sach­an­la­ge­ver­mö­gen.

Außer­dem geneh­mig­ten die drei Ter­ri­to­ri­os im Jahr 1996 eine Ermä­ßi­gung der Bemes­sungs­grund­la­ge für die Kör­per­schaft­steu­er bei neu­ge­grün­de­ten Gesell­schaf­ten. Im Ein­zel­nen wur­den Unter­neh­men, die ihre Geschäfts­tä­tig­keit auf­nah­men, in vier auf­ein­an­der fol­gen­den Ver­an­la­gungs­zeit­räu­men Ermä­ßi­gun­gen von 99 %, 75 %, 50 % und 25 % der posi­ti­ven Bemes­sungs­grund­la­ge ab dem ers­ten Geschäfts­jahr gewährt, in dem inner­halb von vier Jah­ren nach Auf­nah­me der Geschäfts­tä­tig­keit eine sol­che posi­ti­ve Bemes­sungs­grund­la­ge erzielt wur­de. Für die Ermä­ßi­gung der genann­ten Bemes­sungs­grund­la­ge kamen jedoch nur die Unter­neh­men in Betracht, die bestimm­te Vor­aus­set­zun­gen erfüll­ten (u. a. muss­ten sie Inves­ti­tio­nen in Höhe von min­des­tens 480 810 Euro täti­gen, über ein ein­ge­zahl­tes Kapi­tal von mehr als 120 202 Euro ver­fü­gen und min­des­tens zehn Arbeits­plät­ze schaf­fen). Die­se Maß­nah­men wur­den im Jahr 2000 auf­ge­ho­ben.

Aller­dings wur­den der EU-Kom­mis­si­on weder die Maß­nah­men für Steu­er­gut­schrif­ten in Höhe von 45% des Inves­ti­ti­ons­be­trags noch die Maß­nah­men zur Ermä­ßi­gung der Bemes­sungs­grund­la­ge für die Kör­per­schaft­steu­er bei neu­ge­grün­de­ten Gesell­schaf­ten zum Zeit­punkt ihres Erlas­ses mit­ge­teilt, obwohl jede neue staat­li­che Bei­hil­fe vor­her bei der Kom­mis­si­on ange­mel­det wer­den muss und grund­sätz­lich nicht durch­ge­führt wer­den darf, solan­ge die Kom­mis­si­on sie nicht für mit dem EG-Ver­trag ver­ein­bar erklärt hat.

Durch Beschwer­den, die in den Jah­ren 1996 und 1997 gegen die Anwen­dung die­ser steu­er­li­chen Maß­nah­men zuguns­ten der Dae­woo Elec­tro­nics Manu­fac­tu­ring España SA (Deme­sa) und des Unter­neh­mens Ramon­dín erho­ben wor­den waren, erfuhr die Kom­mis­si­on davon, dass es die­se bei­den steu­er­li­chen Rege­lun­gen in Ála­va gab. Im Übri­gen wur­de ihr von nicht­of­fi­zi­el­ler Sei­te mit­ge­teilt, dass es in Viz­ca­ya und Guipúz­coa ähn­li­che Rege­lun­gen gebe. Nach­dem die Kom­mis­si­on über die von Viz­ca­ya und Guipúz­coa gewähr­ten Steu­er­gut­schrif­ten in Höhe von 45% um Aus­künf­te ersucht hat­te, über­mit­tel­ten ihr die spa­ni­schen Behör­den im Juni 1999 Infor­ma­tio­nen über die­se steu­er­li­chen Maß­nah­men.

Im August und im Sep­tem­ber 1999 eröff­ne­te die Kom­mis­si­on förm­li­che Prüf­ver­fah­ren in Bezug auf die in den drei Ter­ri­to­ri­os ange­wand­ten Steu­er­gut­schrif­ten in Höhe von 45% und die Ermä­ßi­gun­gen der Bemes­sungs­grund­la­ge.

Mit sechs Ent­schei­dun­gen vom 11. Juli 2001 stell­te die Kom­mis­si­on fest, dass es sich bei den Steu­er­gut­schrif­ten in Höhe von 45%2 und den Ermä­ßi­gun­gen der Bemes­sungs­grund­la­ge3 um mit dem Gemein­sa­men Markt unver­ein­ba­re staat­li­che Bei­hil­fen han­de­le. Sie ver­lang­te daher von Spa­ni­en, die­se Bei­hil­fen von den Emp­fän­gern zurück­zu­for­dern.

Auf die Kla­gen der Ter­ri­to­ri­os His­tó­r­i­cos Ála­va, Guipúz­coa und Viz­ca­ya stell­te das Gericht ers­ter Instanz der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten fest, dass die Kom­mis­si­on die­se bei­den Maß­nah­men zu Recht als nach dem EG-Ver­trag ver­bo­te­ne staat­li­che Bei­hil­fen ein­ge­stuft habe. Es bestä­tig­te somit die sechs Ent­schei­dun­gen der Kom­mis­si­on4.

Dar­auf­hin haben die Ter­ri­to­ri­os His­tó­r­i­cos Ála­va, Guipúz­coa und Viz­ca­ya beim Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on die vor­lie­gen­den, auf Auf­he­bung der Urtei­le des Euro­päi­schen Gerichts ers­ter Instanz gerich­te­ten Rechts­mit­tel ein­ge­legt. Die Cáma­ra Ofi­ci­al de Comercio, Indus­tria y Navega­ción (Kam­mer für Han­del, Indus­trie und Schiff­fahrt) von Viz­ca­ya und die von Guipúz­coa sowie die Cáma­ra Ofi­ci­al de Comercio e Indus­tria (Kam­mer für Han­del und Indus­trie) von Ála­va haben sich die­sen Rechts­mit­teln ange­schlos­sen.

Mit sei­nen jetzt ver­kün­de­ten Urtei­len hat der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on die Rechts­mit­tel zurück gewie­sen.

Ers­tens befin­det der Gerichts­hof der Euro­päi­schen, dass das Ver­hal­ten der Kom­mis­si­on in Bezug auf die Steu­er­re­ge­lun­gen von 1988 und 1993 bei den Rechts­mit­tel­füh­rer kein schutz­wür­di­ges Ver­trau­en in die Ord­nungs­mä­ßig­keit der in Rede ste­hen­den Steu­er­gut­schrif­ten in Höhe von 45% und der frag­li­chen Ermä­ßi­gun­gen der Bemes­sungs­grund­la­ge begrün­den konn­te.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on weist hier­zu auf den Grund­satz hin, wonach sich ein Mit­glied­staat, der es, wie im vor­lie­gen­den Fall, ent­ge­gen den Erfor­der­nis­sen des EG-Ver­trags ver­säumt hat, bei der Kom­mis­si­on eine Bei­hil­fe­re­ge­lung anzu­mel­den, nicht auf ein schutz­wür­di­ges Ver­trau­en der Begüns­tig­ten beru­fen kann, um sich der Ver­pflich­tung zu ent­zie­hen, die Bei­hil­fen von den Begüns­tig­ten zurück­zu­for­dern. Wür­de eine sol­che Mög­lich­keit näm­lich zuge­las­sen, könn­ten die natio­na­len Behör­den gestützt auf ihr eige­nes rechts­wid­ri­ges Ver­hal­ten die Wirk­sam­keit der von der Kom­mis­si­on im Bereich der staat­li­chen Bei­hil­fen erlas­se­nen Ent­schei­dun­gen in Fra­ge stel­len.

Dar­über hin­aus ver­weist der Euro­päi­sche Gerichts­hof auf die Fest­stel­lung der Kom­mis­si­on im Jahr 1993, dass die Rege­lun­gen von 1988 mit dem Gemein­sa­men Markt unver­ein­bar sei­en, und nimmt im Übri­gen hin­sicht­lich der 1993 in den drei Ter­ri­to­ri­os erlas­se­nen Befrei­ung von der Kör­per­schaft­steu­er für bestimm­te neu gegrün­de­te Gesell­schaf­ten Bezug auf sein Urteil vom 9. Juni 2011. Danach konn­te die Untä­tig­keit der Kom­mis­si­on in der Zeit von 1996 bis 2000 wegen der feh­len­den Anmel­dung der Bei­hil­fe­re­ge­lun­gen bei der Kom­mis­si­on und der man­geln­den Koope­ra­ti­on der spa­ni­schen Behör­den kei­ne still­schwei­gen­de Aner­ken­nung der Bei­hil­fe dar­stel­len.

Zwei­tens befin­det der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, dass das Gericht das Recht auf ein fai­res Ver­fah­ren und die Ver­fah­rens­be­stim­mun­gen über die Beweis­füh­rung nicht ver­letzt hat.

Drit­tens bestä­tigt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on in Bezug auf die Steu­er­gut­schrif­ten in Höhe von 45% – dem Gericht Ers­ter Instanz fol­gend –, dass die Kom­mis­si­on den Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit nicht dadurch ver­letzt hat, dass sie in ihrer Ent­schei­dung fest­ge­stellt hat, dass die den spa­ni­schen Behör­den oblie­gen­de Pflicht, die Bei­hil­fen zurück­zu­for­dern, für die Gesamt­heit der gezahl­ten Bei­hil­fen gel­ten müs­se und nicht auf die Beträ­ge beschränkt wer­den dür­fe, die über die für Regio­nal­bei­hil­fen fest­ge­setz­ten Ober­gren­zen hin­aus­gin­gen. Zu die­sem Punkt stellt der Gerichts­hof klar, dass die Rechts­mit­tel­füh­rer der Kom­mis­si­on kei­ne Anga­ben zum Nach­weis dafür über­mit­telt haben, dass eini­ge der frag­li­chen Maß­nah­men in Ein­zel­fäl­len mit dem Gemein­sa­men Markt ver­ein­bar waren, ins­be­son­de­re, weil sie unter Ein­hal­tung der für das Bas­ken­land gel­ten­den regio­na­len Ober­gren­zen gewährt wor­den sei­en und ins­ge­samt die Vor­aus­set­zun­gen für die Anwen­dung der für Regio­nal­bei­hil­fen gel­ten­den Aus­nah­me­re­ge­lung erfüllt hät­ten. Im Übri­gen weist der Gerichts­hof dar­auf hin, dass die Kom­mis­si­on, wenn sie eine Ent­schei­dung über die Recht­mä­ßig­keit einer staat­li­chen Bei­hil­fe­re­ge­lung in ihrer Gesamt­heit erlässt, nicht ver­pflich­tet ist, eine Ana­ly­se der im Ein­zel­fall auf­grund einer sol­chen Rege­lung gewähr­ten Bei­hil­fe durch­zu­füh­ren. Erst im Sta­di­um der Rück­for­de­rung der Bei­hil­fen ist es erfor­der­lich, die kon­kre­te Situa­ti­on jedes ein­zel­nen betrof­fe­nen Unter­neh­mens zu unter­su­chen.

Was schließ­lich die Dau­er des Vor­prü­fungs­ver­fah­rens bei den bei­den in Rede ste­hen­den Arten von steu­er­li­chen Maß­nah­men angeht, weist der EuGH das Vor­brin­gen zurück, wonach die Dau­er des Ver­fah­rens inso­fern über­mä­ßig lang gewe­sen sei, als es sich bei den Steu­er­gut­schrif­ten in Höhe von 45 % über 38 Mona­te und bei der Ermä­ßi­gung der Bemes­sungs­grund­la­ge für die Kör­per­schaft­steu­er über 39 Mona­te erstreckt habe. Obwohl die Kom­mis­si­on über Ein­zel­bei­hil­fen, die Deme­sa und Ramon­dín in den Jah­ren 1996 und 1997 gewährt wur­den, Beschwer­den erhielt, haben die Rechts­mit­tel­füh­rer nicht nach­ge­wie­sen, dass die Kom­mis­si­on zu die­sen Zeit­punk­ten über die not­wen­di­gen Anga­ben ver­füg­te, um wegen der frag­li­chen Rege­lun­gen das förm­li­che Prüf­ver­fah­ren ein­zu­lei­ten. Die Kom­mis­si­on hat näm­lich nur schritt­wei­se, d. h. im August und Sep­tem­ber 1999, im Wege der Prü­fung der Ein­zel­bei­hil­fen und der strei­ti­gen Rege­lun­gen alle die­se Infor­ma­tio­nen erhal­ten. Des­halb befin­det der Gerichts­hof, dass die Dau­er der Ver­fah­ren nicht gegen die Grund­sät­ze der Rechts­si­cher­heit und der ord­nungs­ge­mä­ßen Ver­wal­tung ver­stößt.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 28. Juli 2011 — C‑471/​09 P bis C‑473/​09 Pund C‑474/​09 P bis C‑476/​09 P [Ter­ri­to­rio His­tó­r­i­co de Viz­ca­ya – Diput­a­ción Foral de Viz­ca­ya u. a. /​ Kom­mis­si­on]

  1. EuGH, Urteil vom 09.06.2011 — C‑465/​09 P bis C‑470/​09 P [Diput­a­ci­on Foral de Viz­ca­ya u. a./Kommission] []
  2. Ent­schei­dun­gen der Kom­mis­si­on vom 11. Juli 2001 über jeweils eine spa­ni­sche Bei­hil­fe­re­ge­lung in Form einer Steu­er­gut­schrift in Höhe von 45 % des Inves­ti­ti­ons­be­trags zuguns­ten der Unter­neh­men in Ála­va, Viz­ca­ya und Guipúz­coa, ABl. 2002, L 296, S. 1, ABl. 2003, L 17, S. 1, und ABl. 2002, L 314, S. 26. []
  3. Ent­schei­dun­gen 2003/​28/​EG, 2003/​86/​EG und 2003/​192/​EG über spa­ni­sche Bei­hil­fe­re­ge­lun­gen aus dem Jahr 1993 in Form einer Befrei­ung von der Kör­per­schaft­steu­er zuguns­ten bestimm­ter neu gegrün­de­ter Unter­neh­men in Ála­va, Viz­ca­ya und Guipúz­coa, ABl. 2003, L 17, S. 20, ABl. 2003, L 40, S. 11, und ABl. 2003, L 77, S. 1 []
  4. EuG, Urtei­le vom 09.09.2009 — T‑227/​01 bis T‑229/​01, T‑265/​01, T‑266/​01 und T‑270/​01 sowie T‑230/​01 bis T‑232/​01 und T‑267/​01 bis T‑269/​01 [Diput­a­ción Foral de Ála­va u. a./Kommission] []