Unterschiedliche Steuerregeln für inländische und ausländische Kapitalanlagegesellschaften

Das Recht der Euro­päi­schen Uni­on steht fran­zö­si­schen Rechts­vor­schrif­ten ent­ge­gen, die für Divi­den­den inlän­di­scher Her­kunft, die von gebiets­an­säs­si­gen und gebiets­frem­den Orga­nis­men für gemein­sa­me Anla­gen in Wert­pa­pie­ren (OGAW) bezo­gen wer­den, eine unter­schied­li­che steu­er­li­che Rege­lung ein­ge­führt haben.

Unterschiedliche Steuerregeln für inländische und ausländische Kapitalanlagegesellschaften

Art. 63 AEUV ver­bie­tet alle Beschrän­kun­gen des Kapi­tal­ver­kehrs zwi­schen den Mit­glied­staa­ten sowie zwi­schen den Mit­glied­staa­ten und drit­ten Län­dern. Die­ses Ver­bot berührt nicht das Recht der Mit­glied­staa­ten, die ein­schlä­gi­gen Vor­schrif­ten ihres Steu­er­rechts anzu­wen­den, die Steu­er­pflich­ti­ge mit unter­schied­li­chem Wohn­ort oder Kapi­tal­an­la­ge­ort unter­schied­lich behan­deln (Art. 65 Abs. 1 AEUV). Die­se Vor­schrif­ten dür­fen jedoch weder ein Mit­tel zur will­kür­li­chen Dis­kri­mi­nie­rung noch eine ver­schlei­er­te Beschrän­kung des frei­en Kapi­tal- und Zah­lungs­ver­kehrs dar­stel­len (Art. 65 Abs. 3 AEUV).

Dies ent­schied jetzt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on auf meh­re­re Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen, denen Strei­tig­kei­ten über die fran­zö­si­sche steu­er­li­che Rege­lung für Divi­den­den zugrun­de lie­gen, die von einer in Frank­reich ansäs­si­gen Gesell­schaft an Orga­nis­men für gemein­sa­me Anla­gen in Wert­pa­pie­ren (OGAW), die nicht in die­sem Staat ansäs­sig sind, aus­ge­schüt­tet wer­den. Nach fran­zö­si­schem Recht gehö­ren zu den OGAW die socié­tés d’investissement à capi­tal varia­ble (SICAV) und die fonds com­muns de pla­ce­ment (FCP). Die OGAW (Invest­ment­fonds, die von einer Ver­wal­tungs- oder Invest­ment­ge­sell­schaft ver­wal­tet wer­den) erlau­ben einem Anle­ger (Anteils­in­ha­ber), die Ver­wal­tung sei­nes Kapi­tals einem Fach­mann anzu­ver­trau­en, der sich um die Inves­ti­ti­on sei­nes Kapi­tals auf einem oder meh­re­ren bestimm­ten Finanz­märk­ten küm­mert. Nach der fran­zö­si­schen Steu­er­re­ge­lung unter­lie­gen die Divi­den­den, die an nicht in Frank­reich ansäs­si­ge OGAW aus­ge­schüt­tet wer­den, einer Quel­len­steu­er von 25 %, wäh­rend sol­che Divi­den­den nicht besteu­ert wer­den, wenn sie an einen gebiets­an­säs­si­gen OGAW aus­ge­schüt­tet wer­den.

Zehn bel­gi­sche, deut­sche, spa­ni­sche und US ame­ri­ka­ni­sche OGAW, die ins­be­son­de­re in Akti­en fran­zö­si­scher Gesell­schaf­ten inves­tie­ren und aus die­sen Inves­ti­tio­nen Divi­den­den bezie­hen, die der Quel­len­steu­er unter­lie­gen, haben die fran­zö­si­sche Rege­lung ange­foch­ten. Sie machen eine Dis­kri­mi­nie­rung im Hin­blick auf die vom Uni­ons­recht gewähr­leis­te­te Kapi­tal­ver­kehrs­frei­heit gel­tend.

Das mit die­sen Kla­gen befass­te fran­zö­si­sche Tri­bu­nal admi­nis­tra­tif de Mon­treuil möch­te vom Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on im Rah­men von Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen wis­sen, ob das Recht der Uni­on der fran­zö­si­schen Rege­lung ent­ge­gen­steht, die die Divi­den­den inlän­di­scher Her­kunft, die an OGAW aus­ge­schüt­tet wer­den, je nach dem Ort, an dem der die Divi­den­den bezie­hen­de Orga­nis­mus ansäs­sig ist, steu­er­lich unter­schied­lich behan­delt. Ins­be­son­de­re möch­te es wis­sen, ob bei der Besteue­rung der Divi­den­den, die von gebiets­an­säs­si­gen Gesell­schaf­ten an gebiets­frem­de OGAW aus­ge­schüt­tet wer­den, der Ver­gleich der Situa­tio­nen, um bestim­men zu kön­nen, ob eine unter­schied­li­che Behand­lung vor­liegt, die ein Hemm­nis für den frei­en Kapi­tal­ver­kehr dar­stellt, nur auf der Ebe­ne des OGAW vor­zu­neh­men ist oder ob auch die Situa­ti­on der Anteils­in­ha­ber berück­sich­tigt wer­den muss.

In sei­nem Urteil ver­weist der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on ers­tens dar­auf, dass zu den Maß­nah­men, die nach dem Recht der Uni­on als Beschrän­kun­gen des Kapi­tal­ver­kehrs ver­bo­ten sind, sol­che gehö­ren, die geeig­net sind, Gebiets­frem­de von Inves­ti­tio­nen in ande­ren Staa­ten abzu­hal­ten. Eine unter­schied­li­che steu­er­li­che Behand­lung der Divi­den­den, je nach­dem, wo der OGAW sei­nen Sitz hat, ist geeig­net, gebiets­frem­de OGAW von Inves­ti­tio­nen in Gesell­schaf­ten, die in Frank­reich ansäs­sig sind, und in Frank­reich ansäs­si­ge Anle­ger vom Erwerb von Antei­len an gebiets­frem­den OGAW abzu­hal­ten. Nach Ansicht des Gerichts­hofs stellt die fran­zö­si­sche Rege­lung daher eine nach dem Recht der Uni­on grund­sätz­lich ver­bo­te­ne Beschrän­kung des frei­en Kapi­tal­ver­kehrs dar.

Zwei­tens prüft der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, ob die­se Beschrän­kung nach den Bestim­mun­gen über den frei­en Kapi­tal­ver­kehr gerecht­fer­tigt sein kann. Eine Ungleich­be­hand­lung kann nur dann als mit dem Recht der Uni­on ver­ein­bar ange­se­hen wer­den, wenn sie Situa­tio­nen betrifft, die nicht objek­tiv mit­ein­an­der ver­gleich­bar sind, oder durch einen zwin­gen­den Grund des All­ge­mein­in­ter­es­ses gerecht­fer­tigt ist.

Um die Ver­gleich­bar­keit der Situa­ti­on beur­tei­len zu kön­nen, fragt sich der Gerichts­hof, ob die Situa­ti­on der Anteils­in­ha­ber zusam­men mit der­je­ni­gen der OGAW zu berück­sich­ti­gen ist. Er kommt zu dem Ergeb­nis, dass es zwar Sache jedes Mit­glied­staats ist, unter Beach­tung des Uni­ons­rechts sein Sys­tem der Besteue­rung von Gewinn­aus­schüt­tun­gen aus­zu­ge­stal­ten, die Beur­tei­lung der Ver­gleich­bar­keit der Situa­tio­nen jedoch, wenn in einer natio­na­len Steu­er­re­ge­lung ein Kri­te­ri­um für die Besteue­rung der aus­ge­schüt­te­ten Gewin­ne auf­ge­stellt wird, unter Berück­sich­ti­gung die­ses Kri­te­ri­ums vor­zu­neh­men ist. Im vor­lie­gen­den Fall hat die fran­zö­si­sche Rege­lung ein maß­geb­li­ches Unter­schei­dungs­kri­te­ri­um ein­ge­führt, das auf den Ort des Sit­zes des OGAW abstellt, indem nur bei gebiets­frem­den OGAW von den Divi­den­den, die sie bezie­hen, eine Quel­len­steu­er ein­be­hal­ten wird. Nach Ansicht des Gerichts­hofs hat in Anbe­tracht die­ses Unter­schei­dungs­kri­te­ri­ums die Beur­tei­lung der Ver­gleich­bar­keit der Situa­tio­nen, um bestim­men zu kön­nen, ob die­se Rege­lung dis­kri­mi­nie­ren­den Cha­rak­ter hat, allein auf der Ebe­ne der OGAW zu erfol­gen, ohne dass die Situa­ti­on der Anteils­in­ha­ber zu berück­sich­ti­gen ist. Somit kann die unter­schied­li­che Behand­lung der gebiets­an­säs­si­gen OGAW und der gebiets­frem­den OGAW nicht durch einen erheb­li­chen in der Situa­ti­on begrün­de­ten Unter­schied gerecht­fer­tigt wer­den.

Des Wei­te­ren prüft der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, ob die unter­schied­li­che Behand­lung aus zwin­gen­den Grün­den des All­ge­mein­in­ter­es­ses gerecht­fer­tigt ist.

Eine der Recht­fer­ti­gun­gen betrifft die Not­wen­dig­keit der Wah­rung einer aus­ge­wo­ge­nen Auf­tei­lung der Besteue­rungs­be­fug­nis zwi­schen den Mit­glied­staa­ten. Eine Ungleich­be­hand­lung kann näm­lich zuläs­sig sein, wenn mit der natio­na­len Rege­lung Ver­hal­tens­wei­sen ver­hin­dert wer­den sol­len, die geeig­net sind, das Recht des Mit­glied­staats auf Aus­übung sei­ner Steu­er­ho­heit für die in sei­nem Hoheits­ge­biet durch­ge­führ­ten Tätig­kei­ten zu gefähr­den. Hat sich jedoch ein Mit­glied­staat dafür ent­schie­den, die gebiets­an­säs­si­gen OGAW, die Divi­den­den inlän­di­scher Her­kunft bezie­hen, nicht zu besteu­ern, kann er sich nicht auf die Not­wen­dig­keit einer aus­ge­wo­ge­ne Auf­tei­lung der Steu­er­ho­heit zwi­schen den Mit­glied­staa­ten beru­fen, um die Besteue­rung der gebiets­frem­den OGAW, die der­ar­ti­ge Ein­künf­te haben, zu recht­fer­ti­gen.

Eben­so kann die fran­zö­si­sche Rege­lung nicht mit der Not­wen­dig­keit gerecht­fer­tigt wer­den, die Wirk­sam­keit der steu­er­li­chen Kon­trol­le zu gewähr­leis­ten, da die Besteue­rung nur und spe­zi­fisch Gebiets­frem­de trifft.

Schließ­lich kann die durch die fran­zö­si­sche Rege­lung ein­ge­führ­te unter­schied­li­che Behand­lung nicht durch die Not­wen­dig­keit der Wah­rung der Kohä­renz der Steu­er­re­ge­lung gerecht­fer­tigt wer­den, da zwi­schen der Befrei­ung der von einem gebiets­an­säs­si­gen OGAW bezo­ge­nen Divi­den­den inlän­di­scher Her­kunft von der Quel­len­steu­er und der Besteue­rung die­ser Divi­den­den als Ein­künf­te der Anteils­in­ha­ber die­ses OGAW kein unmit­tel­ba­rer Zusam­men­hang besteht.

Daher lau­tet die Ant­wort des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on, dass das Uni­ons­recht der fran­zö­si­schen Rege­lung ent­ge­gen­steht, die die Divi­den­den inlän­di­scher Her­kunft einer Quel­len­steu­er unter­wirft, wenn sie von in einem ande­ren Staat ansäs­si­gen OGAW bezo­gen wer­den, wäh­rend sol­che Divi­den­den, die von im ers­ten Staat ansäs­si­gen OGAW bezo­gen wer­den, von der Steu­er befreit sind.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 10. Mai 2012 — ver­bun­de­ne Rechts­sa­chen C‑338/​11 [San­tan­der Asset Manage­ment SGIIC SA /​ Direc­teur des rési­dents à l’étranger et des ser­vices géné­raux], und C‑339/​11 bis C‑347/​11 [San­tan­der Asset Manage­ment SGIIC SA u. a. /​ Minist­re du Bud­get, des Comp­tes publics, de la Fonc­tion publi­que et de la Réfor­me de l’État]