Lie­fe­rung von Sin­t­er­öfen in den Iran

Es ist, wie jetzt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on ent­schied, ver­bo­ten, einen funk­ti­ons­tüch­ti­gen, aber noch nicht ver­wen­dungs­be­rei­ten Sin­ter­ofen in den Iran zu lie­fern. Genau­so unter­liegt es dem Ver­bot, den Sin­ter­ofen dort zuguns­ten eines Drit­ten auf­zu­stel­len, der beab­sich­tigt, ihn zur Her­stel­lung von Bestand­tei­len von Nukle­ar­ra­ke­ten für eine Ein­rich­tung zu nut­zen, die restrik­ti­ven Maß­nah­men unter­liegt. Mit die­sem Ver­bot hat der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on die Rege­lun­gen der Uni­on zur Bekämp­fung der Ver­brei­tung von Kern­waf­fen im Iran prä­zi­siert.

Lie­fe­rung von Sin­t­er­öfen in den Iran

Im Dezem­ber 2006 ver­ab­schie­de­te der Sicher­heits­rat der Ver­ein­ten Natio­nen eine Reso­lu­ti­on [1], mit der eine Rei­he von restrik­ti­ven Maß­nah­men gegen den Iran ein­ge­führt wur­de, um ihn dazu zu zwin­gen, sei­ne mit der Gefahr der Ver­brei­tung von Kern­waf­fen ein­her­ge­hen­den nuklea­ren Tätig­kei­ten und die Ent­wick­lung von Trä­ger­sys­te­men für Kern­waf­fen (Rake­ten) ein­zu­stel­len.

Zur Durch­füh­rung die­ser Reso­lu­ti­on erließ der Rat der Euro­päi­schen Uni­on im Jahr 2007 eine Ver­ord­nung [2], die es ins­be­son­de­re unter­sagt, Per­so­nen, Orga­ni­sa­tio­nen oder Ein­rich­tun­gen, die in einer Lis­te im Anhang der Ver­ord­nung ver­zeich­net sind, unmit­tel­bar oder mit­tel­bar Gel­der oder wirt­schaft­li­che Res­sour­cen zur Ver­fü­gung zu stel­len. In die­ser Lis­te ist u. a. die Shahid Hem­mat Indus­tri­al Group (SHIG) ein­ge­tra­gen. Zudem wird in der Ver­ord­nung ver­bo­ten, wis­sent­lich und vor­sätz­lich an Akti­vi­tä­ten teil­zu­neh­men, mit denen unmit­tel­bar oder mit­tel­bar eine Umge­hung u. a. die­ses Ver­bots bezweckt oder bewirkt wird. Im Übri­gen wer­den mit kon­trol­lier­ter Atmo­sphä­re betrie­be­ne Wär­me­be­hand­lungs­öfen, die für Betriebs­tem­pe­ra­tu­ren von über 400 °C geeig­net sind, in der Ver­ord­nung als pro­li­fe­ra­ti­ons­re­le­vant ein­ge­stuft, wes­halb ihre unmit­tel­ba­re oder mit­tel­ba­re Aus­fuhr in den Iran einer vor­he­ri­gen Geneh­mi­gung unter­wor­fen wird.

Der Gene­ral­bun­des­an­walt beim Bun­des­ge­richts­hof (Deutsch­land) erhob beim Ober­lan­des­ge­richt Düs­sel­dorf Ankla­ge gegen Herrn Afra­sia­bi, Herrn Saha­bi und Herrn Kes­sel, die er ver­däch­tigt, gegen die­se Ver­ord­nung ver­sto­ßen zu haben, indem sie sich an der Lie­fe­rung eines Kera­miksin­ter­ofens aus Deutsch­land in den Iran und sei­ner Auf­stel­lung dort betei­ligt haben.

Der Bau von weit rei­chen­den Rake­ten, die als Trä­ger­sys­te­me für Mas­sen­ver­nich­tungs­waf­fen ver­wen­det wer­den könn­ten, erfor­de­re den Ein­satz von Sin­t­er­öfen zum Zwe­cke der Auf­brin­gung hit­ze­be­stän­di­ger Beschich­tun­gen auf bestimm­te Bestand­tei­le. Um für Rech­nung sei­nes ira­ni­schen Unter­neh­mens Emen Sur­vey – aber, nach dem Vor­brin­gen des Gene­ral­bun­des­an­walts, zuguns­ten der SHIG, die als zen­tra­le Beschaf­fungs­stel­le für das ira­ni­sche Rake­ten­pro­gramm tätig wer­de – einen sol­chen Ofen zu erwer­ben, habe Herr Afra­sia­bi über Herrn Saha­bi Kon­takt mit Herrn Kes­sel auf­ge­nom­men, dem Geschäfts­füh­rer des deut­schen Pro­duk­ti­ons­un­ter­neh­mens FCT-Sys­te­me GmbH. Die­ses Unter­neh­men habe den Ofen im Juli 2007 an Emen Sur­vey gelie­fert. Außer­dem habe Herr Kes­sel zwei Tech­ni­ker nach Tehe­ran ent­sandt, die den Ofen auf­ge­stellt hät­ten, ohne aller­dings die für sei­ne Inbe­trieb­nah­me erfor­der­li­che Soft­ware zu instal­lie­ren. Herr Afra­sia­bi habe die Absicht ver­folgt, mit Hil­fe des Ofens zu einem spä­te­ren Zeit­punkt für die SHIG Bestand­tei­le von Nukle­ar­ra­ke­ten her­zu­stel­len, was letzt­lich dar­an geschei­tert sei, dass der Ofen von Herrn Kes­sel nicht ver­wen­dungs­be­reit gemacht wor­den sei. Das Ober­lan­des­ge­richt Düs­sel­dorf, das über die Eröff­nung des straf­recht­li­chen Haupt­ver­fah­rens zu ent­schei­den hat, hat Zwei­fel in Bezug auf die Aus­le­gung der Ver­ord­nung und wen­det sich inso­weit mit Fra­gen an den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on.

Mit sei­nem heu­ti­gen Urteil stellt der Gerichts­hof klar, dass ein Sin­ter­ofen eine wirt­schaft­li­che Res­sour­ce im Sin­ne der Ver­ord­nung dar­stellt. Ange­sichts der Gefahr einer Zweck­ent­frem­dung zuguns­ten der Ver­brei­tung von Kern­waf­fen im Iran ist es nicht erfor­der­lich, dass der ent­spre­chen­de Ofen sofort ver­wen­dungs­be­reit ist. Hand­lun­gen, die dar­in bestehen, von einem Mit­glied­staat aus zuguns­ten einer Per­son im Iran einen sol­chen Ofen zu lie­fern und auf­zu­stel­len, sowie Hand­lun­gen ins­be­son­de­re zur Vor­be­rei­tung und Über­wa­chung der Lie­fe­rung oder der Auf­stel­lung des Ofens oder zur Ver­mitt­lung von Kon­tak­ten zwi­schen den Betei­lig­ten kön­nen unter den Begriff „Zur­ver­fü­gung­stel­len“ fal­len. Ange­sichts des­sen, dass die SHIG und nicht Herr Afra­sia­bi in der Lis­te im Anhang der Ver­ord­nung ver­zeich­net ist, führt der Gerichts­hof aus, dass das Ober­lan­des­ge­richt Düs­sel­dorf berech­tigt ist, auf das Vor­lie­gen einer mit­tel­ba­ren Zur­ver­fü­gung­stel­lung des Ofens an die SHIG zu schlie­ßen, wenn Herr Afra­sia­bi, was von die­sem Gericht zu prü­fen ist, im Namen, unter der Kon­trol­le oder auf Wei­sung der SHIG han­del­te und beab­sich­tig­te, den Ofen zuguns­ten der SHIG zu nut­zen.

Im Übri­gen erstreckt sich das in der Ver­ord­nung vor­ge­se­he­ne Ver­bot zwar auf alle Per­so­nen, die sich an ver­bo­te­nen Hand­lun­gen betei­li­gen, doch fin­det es nur auf die­je­ni­gen Anwen­dung, denen bekannt war oder die zumin­dest trif­ti­gen Grund zu der Annah­me hat­ten, dass die ent­spre­chen­den Hand­lun­gen gegen das Ver­bot ver­sto­ßen.

Im Ergeb­nis ant­wor­tet der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on dahin gehend, dass das Ver­bot der mit­tel­ba­ren Zur­ver­fü­gung­stel­lung einer wirt­schaft­li­chen Res­sour­ce im Sin­ne der Ver­ord­nung Hand­lun­gen umfasst, die die Lie­fe­rung eines funk­ti­ons­tüch­ti­gen, jedoch noch nicht ver­wen­dungs­be­rei­ten Sin­ter­ofens in den Iran und sei­ne Auf­stel­lung dort zuguns­ten eines Drit­ten betref­fen, der im Namen, unter der Kon­trol­le oder auf Wei­sung einer in den Anhän­gen der Ver­ord­nung genann­ten Per­son, Orga­ni­sa­ti­on oder Ein­rich­tung han­delt und beab­sich­tigt, den Ofen zu nut­zen, um zuguns­ten einer sol­chen Per­son, Orga­ni­sa­ti­on oder Ein­rich­tung Pro­duk­te her­zu­stel­len, die zur Ver­brei­tung von Kern­waf­fen in die­sem Staat bei­tra­gen kön­nen.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 21. Dezem­ber 2011 – C‑72/​11, Afra­sia­bi u. a.

  1. Reso­lu­ti­on 1737, (2006) vom 23.12.2006[]
  2. Ver­ord­nung (EG) Nr. 423/​2007 des Rates vom 19.04.2007 über restrik­ti­ve Maß­nah­men gegen Iran, ABl. L 103, S. 1, erlas­sen auf der Grund­la­ge des Gemein­sa­men Stand­punkts 2007/​140/​GASP vom 27.02.2007 über restrik­ti­ve Maß­nah­men gegen Iran, ABl. L 61, S. 49[]