Antidumpingzoll auf nachfüllbare Taschenfeuerzeuge

Das Finanz­ge­richt hat im Zusam­men­hang der Aus­wei­tung des Anti­dum­ping­zolls auf Ein­fuh­ren nicht nach­füll­ba­rer Taschen­feu­er­zeu­ge mit Feu­er­stein für Gas ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen zur Wirk­sam­keit der Durch­füh­rungs­ver­ord­nung (EU) Nr. 2602013 an den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on gerich­tet:

Antidumpingzoll auf nachfüllbare Taschenfeuerzeuge
  1. Ist die Durch­füh­rungs­ver­ord­nung (EU) Nr. 2602013 vom 18.03.2013 zur Aus­wei­tung des mit der Ver­ord­nung (EG) Nr. 14582007 ein­ge­führ­ten Anti­dum­ping­zolls auf Ein­fuh­ren nicht nach­füll­ba­rer Taschen­feu­er­zeu­ge mit Feu­er­stein für Gas mit Ursprung in der Volks­re­pu­blik Chi­na auf aus der Sozia­lis­ti­schen Repu­blik Viet­nam ver­sand­te nicht nach­füll­ba­re Taschen­feu­er­zeu­ge mit Feu­er­stein für Gas, ob als Ursprungs­er­zeug­nis Viet­nams ange­mel­det oder nicht1, unwirk­sam, weil zum Zeit­punkt des Erlas­ses der VO Nr. 2602013 der mit der Ver­ord­nung (EG) Nr. 14582007 ein­ge­führ­te Anti­dum­ping­zoll, des­sen Aus­wei­tung ange­ord­net wer­den soll­te, bereits aus­ge­lau­fen war?

    Sofern Fra­ge 1 ver­neint wird:

  2. Ist die VO Nr. 2602013 unwirk­sam, weil eine im Sin­ne des Art. 13 Abs. 1 VO Nr. 2602013 Umge­hung der mit der Ver­ord­nung (EG) Nr. 145820072 ange­ord­ne­ten Maß­nah­me nicht fest­zu­stel­len ist.

Das Finanz­ge­richt Hanmburg geht davon aus, dass die Recht­mä­ßig­keit der am 18.03.2013 aus­ge­fer­tig­ten VO Nr. 2602013 ins­be­son­de­re davon abhän­gig ist, dass die Vor­aus­set­zun­gen des Art. 13 VO Nr. 12252009, auf die sich die VO Nr. 2602013 aus­drück­lich stützt, erfüllt sind. Dabei hält es das Finanz­ge­richt für uni­ons­recht­lich zwei­fel­haft, ob eine Aus­wei­tung des mit der VO Nr. 14582007 ein­ge­führ­ten Anti­dum­ping­zolls auf Ein­fuh­ren nicht nach­füll­ba­rer Taschen­feu­er­zeu­ge mit Feu­er­stein für Gas mit Ursprung in der Volks­re­pu­blik Chi­na auf Ein­fuh­ren von aus der Sozia­lis­ti­schen Repu­blik Viet­nam stam­men­den ent­spre­chen­den Feu­er­zeu­gen zuläs­sig war, obwohl die VO Nr. 14582007 bereits am 13.12.2012 außer Kraft getre­ten3 und daher der Anti­dum­ping­zoll auf Ein­fuh­ren von ent­spre­chen­den Feu­er­zeu­gen aus der Volks­re­pu­blik Chi­na zum Zeit­punkt des Erlas­ses der VO Nr. 2602013 bereits auf­ge­ho­ben wor­den war.

Abs. 1 VO Nr. 12252009 sieht die Mög­lich­keit vor, Anti­dum­ping­zöl­le auf die Ein­fuh­ren gleich­ar­ti­ger Waren aus Dritt­län­dern aus­zu­wei­ten, wenn eine „Umge­hung der gel­ten­den Maß­nah­men” statt­fin­det. Aus die­ser For­mu­lie­rung könn­te man schlie­ßen, dass eine Maß­nah­me nur aus­ge­wei­tet wer­den kann, wenn und solan­ge sie gilt, also in Kraft ist, und eine Umge­hung auch tat­säch­lich statt­fin­den kann. Eine Maß­nah­me gilt indes nicht mehr, wenn sie auf­ge­ho­ben wur­de.

Es ist zwei­fel­haft, ob es aus­reicht, dass wäh­rend der Gel­tung einer Anti­dum­ping­maß­nah­me eine Umge­hung der­sel­ben statt­ge­fun­den hat, auch wenn die­se Umge­hung zum Zeit­punkt des Erlas­ses der Ver­ord­nung, mit der der Anti­dum­ping­zoll aus­ge­wei­tet wer­den soll, nicht mehr statt­fin­den kann, weil die Anti­dum­ping­maß­nah­me, um deren Umge­hung es geht, nicht mehr gilt. Viel­mehr könn­te auf den Zeit­punkt des Erlas­ses der die Aus­wei­tung des Anti­dum­ping­zolls fest­le­gen­den Ver­ord­nung und nicht auf den Gel­tungs­zeit­raum der Maß­nah­me (hier nach Art. 1 Abs. 2 VO Nr. 2602013 der Zeit­raum vom 27.06. bis 13.12.2012) abzu­stel­len sein. Die Zugrun­de­le­gung der eng­li­schen Sprach­fas­sung führt inso­weit nicht zu einer ande­ren Betrach­tung, im Gegen­teil: Dort heißt es in Art. 13 Abs. 1 S. 1 VO Nr. 12252009: „…when cir­cum­ven­ti­on of the mea­su­res in force is taking place”. Auch nach der eng­li­schen Sprach­fas­sung wird also an die in Kraft („in force”) befind­li­chen Maß­nah­men ange­knüpft und in Bezug auf den Zeit­punkt der Umge­hung die Gegen­warts­form ver­wandt („is taking place”).

Auch Über­le­gun­gen in Bezug auf Sinn und Zweck von Anti­dum­ping­maß­nah­men könn­ten für die­se Aus­le­gung spre­chen. Die Ein­füh­rung von Anti­dum­ping­maß­nah­men ver­setzt die Uni­on in die Lage, ihre pro­du­zie­ren­de Wirt­schaft vor gedump­ten bzw. sub­ven­tio­nier­ten Ein­fuh­ren und dar­aus fol­gen­den Ver­schie­bun­gen der Han­dels­strö­me zu schüt­zen. Die Ein­füh­rung von Anti­dum­ping­zöl­len stellt kei­ne Sank­ti­on für ein frü­he­res Ver­hal­ten dar, son­dern eine Ver­tei­di­gungs- und Schutz­maß­nah­me gegen den unlau­te­ren Wett­be­werb, der sich aus Dum­ping­prak­ti­ken ergibt4. Wenn aber Anti­dum­ping­maß­nah­men für einen zurück­lie­gen­den, zum Zeit­punkt des Erlas­ses der die­se Maß­nah­men ein­füh­ren­den Ver­ord­nung bereits abge­schlos­se­nen Zeit­raum fest­ge­setzt wer­den, kann die­ser Zweck nicht mehr zwangs­läu­fig erreicht wer­den. Es ist vor­stell­bar, dass die Maß­nah­men dann aus­schließ­lich Ein­fuh­ren betref­fen, die bereits durch­ge­führt und für die Ein­fuhr­ab­ga­ben fest­ge­setzt wor­den sind. Dann kommt ein Schutz der pro­du­zie­ren­den Wirt­schaft der Mit­glied­staa­ten, der typi­scher­wei­se in die Zukunft gerich­tet künf­ti­ge Ein­fuh­ren gedump­ter Waren ver­hin­dern bzw. wirt­schaft­lich unin­ter­es­san­ter machen soll, nicht mehr in Betracht. Die Maß­nah­me läuft dann auf eine Abschöp­fung von Gewin­nen der ein­füh­ren­den Unter­neh­men hin­aus, bei der zwei­fel­haft ist, ob sie vom Sinn und Zweck der Anti­dum­ping­maß­nah­men noch gedeckt ist.

Ande­rer­seits kam die Aus­wei­tung des Anti­dum­ping­zolls durch die VO Nr. 2602013 inso­weit nicht über­ra­schend, als die Kom­mis­si­on die Ein­lei­tung einer Unter­su­chung und die zoll­amt­li­che Erfas­sung von Ein­fuh­ren nicht nach­füll­ba­rer Taschen­feu­er­zeu­ge mit Feu­er­stein für Gas mit Ursprung in Viet­nam bereits mit der VO Nr. 5482012 beschlos­sen und am 26.06.2012 ver­öf­fent­licht hat­te. Bei Ein­fuh­ren nach die­sem Zeit­punkt muss­ten die Ein­füh­rer also mit der Ein­füh­rung von Anti­dum­ping­zoll rech­nen, was bereits zu einem gewis­sen Schutz der pro­du­zie­ren­den Wirt­schaft der Mit­glied­staa­ten geführt haben könn­te, womit dem grund­sätz­li­chen Sinn und Zweck von Anti­dum­ping­maß­nah­men jeden­falls teil­wei­se ent­spro­chen wor­den wäre.

Auch sieht Art. 13 Abs. 3 S. 6 VO Nr. 12252009 aus­drück­lich eine rück­wir­ken­de Aus­wei­tung eines Anti­dum­ping­zolls ab dem Zeit­punkt, zu dem die Ein­fuh­ren gemäß Art. 14 Abs. 5 VO Nr. 12252009 zoll­amt­lich erfasst wur­den, vor. Art. 14 Abs. 5 S. 4 VO Nr. 12252009 legt fest, dass Ein­fuh­ren nicht län­ger als neun Mona­te zoll­amt­lich erfasst wer­den. Dem trägt die VO Nr. 2602013 inso­weit Rech­nung, als die Aus­wei­tung, wor­auf in der 70. Begrün­dungs­er­wä­gung auch hin­ge­wie­sen wur­de, nur aus Viet­nam ver­sand­te zoll­amt­lich erfass­te Ein­fuh­ren betraf. Mate­ri­ell bezog sich der mit der VO Nr. 2602013 aus­ge­wei­te­te Anti­dum­ping­zoll auf einen Zeit­raum, der inner­halb des Gel­tungs­zeit­raums des mit der VO Nr. 14582007 fest­ge­setz­ten ursprüng­li­chen Anti­dum­ping­zolls liegt. Der Zeit­raum erstreck­te sich vom Zeit­punkt der Erfas­sung gemäß VO Nr. 5482012, dem 27.06.2012, bis zu dem Tag, an dem die ursprüng­li­chen Anti­dum­ping­maß­nah­men außer Kraft tra­ten, dem 13.12.2012.

Vor dem Hin­ter­grund der grund­sätz­lich zuläs­si­gen Rück­wir­kung könn­te die im Prä­senz gefass­te For­mu­lie­rung „wenn eine Umge­hung der gel­ten­den Maß­nah­men statt­fin­det” in Art. 13 Abs. 1 S. 1 VO Nr. 12252009 auch dahin ver­stan­den wer­den, dass sie sich (ledig­lich) auf den Wir­kungs­zeit­raum der Aus­wei­tung des Anti­dum­ping­zolls bezieht und nicht an den Zeit­punkt des Erlas­ses der Aus­wei­tungs­ver­ord­nung anknüpft. Hier­für könn­te auch spre­chen, dass es für die Aus­wei­tung eines Anti­dum­ping­zolls maß­geb­lich auf das Vor­lie­gen der mate­ri­el­len Vor­aus­set­zun­gen ankom­men dürf­te, soll doch eine Ver­ord­nung zur Aus­wei­tung eines Anti­dum­ping­zolls nach dem Zweck und der Sys­te­ma­tik der Grund­ver­ord­nung allein bezwe­cken, ihre Wirk­sam­keit zu gewähr­leis­ten und ihre Umge­hung zu ver­hin­dern5. Vor die­sem Hin­ter­grund erweist sich die Aus­wei­tung eines end­gül­ti­gen Anti­dum­ping­zolls im Ver­hält­nis zum ursprüng­li­chen die­sen Rechts­akt ein­füh­ren­den Zoll als eine ledig­lich flan­kie­ren­de Maß­nah­me mit akzes­so­ri­schem Cha­rak­ter5, was zugleich erhel­len dürf­te, dass die Rege­lung des Art. 13 VO Nr. 12252009 kei­nen Zeit­punkt ent­hält, bis zu dem der Erlass einer Ver­ord­nung zur Aus­wei­tung eines Anti­dum­ping­zolls erfol­gen kann.

Schließ­lich hat das Finanz­ge­richt erwo­gen, dass die Prü­fung einer­seits, ob Umge­hungs­prak­ti­ken die Abhil­fe­wir­kung der ursprüng­li­chen Maß­nah­men even­tu­ell unter­gra­ben, und die Prü­fung bezüg­lich der Not­wen­dig­keit einer Aus­lauf­über­prü­fung auf Unter­su­chungs­er­geb­nis­se zur Wahr­schein­lich­keit eines Anhal­tens oder erneu­ten Auf­tre­tens des Dum­pings und der Schä­di­gung ande­rer­seits sich auf unter­schied­li­che Zeit­räu­me bezie­hen (vgl. 64. Erwä­gungs­grund der VO Nr. 2602013). Gelangt die Kom­mis­si­on nach Ein­gang und Annah­me eines gül­ti­gen Antrags auf Ein­lei­tung einer Umge­hungs­un­ter­su­chung im Rah­men der nach Maß­ga­be des Art. 13 Abs. 3 VO Nr. 12252009 durch­zu­füh­ren­den Prü­fung zu dem Ergeb­nis, dass die Vor­aus­set­zun­gen des Art. 13 VO Nr. 12252009 für die Fest­stel­lung einer Umge­hung erfüllt sind, hat sie die Maß­nah­men auf Ein­fuh­ren aus dem Dritt­land aus­zu­wei­ten, solan­ge und soweit die ursprüng­li­chen Maß­nah­men in Kraft sind, vor­lie­gend also begrenzt bis zum 13.12.2012.

Uni­ons­recht­lich zwei­fel­haft ist zudem, ob die in Art. 13 Abs. 1, Abs. 2 VO Nr. 12252009 for­mu­lier­ten Vor­aus­set­zun­gen für eine Aus­wei­tung eines Anti­dum­ping­zolls erfüllt sind. Nach Art. 13 Abs. 1 Satz 1 VO Nr. 12252009 kön­nen die gemäß der Ver­ord­nung Nr. 12252009 ein­ge­führ­ten Anti­dum­ping­zöl­le auf die Ein­fuh­ren der gleich­ar­ti­gen Ware aus Dritt­län­dern, gering­fü­gig ver­än­dert oder nicht, auf die Ein­fuh­ren der gering­fü­gig ver­än­der­ten gleich­ar­ti­gen Ware aus dem von Maß­nah­men betrof­fe­nen Land oder auf die Ein­fuh­ren von Tei­len die­ser Ware aus­ge­wei­tet wer­den, wenn eine Umge­hung der gel­ten­den Maß­nah­men statt­fin­det. Die Umge­hung wird in Art. 13 Abs. 1 Satz 3 VO Nr. 12252009 als eine Ver­än­de­rung des Han­dels­ge­fü­ges zwi­schen den Dritt­län­dern und der Gemein­schaft oder zwi­schen ein­zel­nen Unter­neh­men in dem von Maß­nah­men betrof­fe­nen Land und der Gemein­schaft defi­niert, die sich aus einer Pra­xis, einem Fer­ti­gungs­pro­zess oder einer Arbeit ergibt, für die es außer der Ein­füh­rung des Zolls kei­ne hin­rei­chen­de Begrün­dung oder wirt­schaft­li­che Recht­fer­ti­gung gibt, und wenn Bewei­se für eine Schä­di­gung oder dafür vor­lie­gen, dass die Abhil­fe­wir­kung des Zolls im Hin­blick auf die Prei­se und/​oder Men­gen der gleich­ar­ti­gen Waren unter­gra­ben wird. Da es in Bezug auf die VO Nr. 2602013 um eine (vor­geb­li­che) Umge­hung in Form von Mon­ta­ge­vor­gän­gen geht, müs­sen zudem die Vor­aus­set­zun­gen des Art. 13 Abs. 2 VO Nr. 12252009 erfüllt sein. Dass die­se Vor­aus­set­zun­gen in Bezug auf die streit­ge­gen­ständ­li­chen Ein­fuh­ren nicht nach­füll­ba­rer Taschen­feu­er­zeu­ge mit Feu­er­stein für Gas aus Viet­nam erfüllt sind, hält das Finanz­ge­richt Ham­burg für uni­ons­recht­lich zwei­fel­haft.

Das Finanz­ge­richt hat bereits und vor allem Zwei­fel, ob die in Art. 13 Abs. 1 Satz 3 VO Nr. 12252009 nor­mier­te Vor­aus­set­zung der Ver­än­de­rung des Han­dels­ge­fü­ges zwi­schen den Dritt­län­dern — scil. der Volks­re­pu­blik Chi­na und Viet­nam — einer­seits und der Uni­on ande­rer­seits zu beja­hen ist.

In den Erwä­gungs­grün­den der Ver­ord­nung Nr. 2602013 fin­det sich zum einen die Fest­stel­lung, dass die Ein­fuh­ren der betrof­fe­nen Ware mit Ursprung in der Volks­re­pu­blik Chi­na seit Ein­füh­rung der Maß­nah­men im Jah­re 1991 zurück­ge­gan­gen und auch nach den ver­schie­de­nen Ände­run­gen und Aus­wei­tun­gen der Maß­nah­men in den Jah­ren 1995, 1999, 2001 und 2007 auf einem gerin­gen Niveau geblie­ben sei­en (38. Erwä­gungs­grund). Die­se Fest­stel­lung wird indes durch kon­kre­tes Zah­len­ma­te­ri­al nicht belegt. Der erläu­tern­de Hin­weis im 39. Erwä­gungs­grund, wonach im Zeit­raum vom 01.01.2008 bis zum 31.03.2012 die Ein­fuh­ren von Feu­er­zeu­gen aus der Volks­re­pu­blik Chi­na mit rund 50 Mio. Stück (2008 und 2009), 70 Mio. Stück (2010) bzw. 60 Mio. Stück (2011 und Berichts­zeit­raum) rela­tiv sta­bil gewe­sen sei­en, ist inso­weit wenig behilf­lich und erhel­lend, da sich die­se Zah­len auf nach­füll­ba­re Model­le und elek­tri­sche Pie­zo-Feu­er­zeu­ge bezie­hen, die gera­de nicht Gegen­stand der Maß­nah­men sind, was die Kom­mis­si­on am Ende des 39. Erwä­gungs­grun­des dann auch selbst ein­räumt.

In den Erwä­gungs­grün­den der VO Nr. 2602013 wird zum ande­ren her­vor­ge­ho­ben, dass die Ein­fuh­ren der unter­such­ten Ware aus Viet­nam im Lau­fe der Zeit gestie­gen sei­en (40. Erwä­gungs­grund). Inso­weit wird zwar erläu­ternd aus­ge­führt, dass es 1997 prak­tisch kei­ne Ein­fuh­ren der unter­such­ten Ware aus Viet­nam gege­ben habe, wäh­rend die Ein­fuh­ren der unter­such­ten Ware seit 2007 dras­tisch gestie­gen sei­en (40. Erwä­gungs­grund, Satz 2). Indes ist auch die­se Fest­stel­lung und Erläu­te­rung selbst vor dem wei­te­ren Hin­weis, dass in den Jah­ren 2008 bis ein­schließ­lich des Berichts­zeit­rau­mes 80 % (2008) bzw. 84 % (2009 bis 2011 sowie Berichts­zeit­raum) aller Ein­fuh­ren nicht nach­füll­ba­rer Feu­er­zeu­ge in die Uni­on aus Viet­nam stamm­ten, wenig aus­sa­ge­fä­hig und för­der­lich, da die­ses sta­tis­ti­sche Daten­ma­te­ri­al zum einen den Ver­gleichs­zeit­raum 2007 und frü­her aus­spart und zum ande­ren nur unvoll­kom­men in Bezie­hung gesetzt wer­den kann zu den Erläu­te­run­gen im 42. Erwä­gungs­grund betref­fend die Aus­fuh­ren von Feu­er­zeug­tei­len aus der Volks­re­pu­blik Chi­na nach Viet­nam. Denn die Fest­stel­lung im 42. Erwä­gungs­grund, Viet­nam sei das wich­tigs­te Aus­fuhr­land für aus der Volks­re­pu­blik Chi­na stam­men­de Bau­tei­le für Feu­er­zeu­ge mit Feu­er­stein, wird weder in der Chro­no­lo­gie zah­len­mä­ßig belegt noch auf den Berichts­zeit­raum fort­ge­schrie­ben. Hin­zu kommt, dass dem 42. Erwä­gungs­grund nicht zuver­läs­sig ent­nom­men wer­den kann, ob sich die dort ange­führ­ten Aus­sa­gen allein auf die streit­ge­gen­ständ­li­che Ware oder die Aus­fuh­ren von Feu­er­zeug­tei­len aus der Volks­re­pu­blik Chi­na nach Viet­nam ins­ge­samt bezie­hen. Die For­mu­lie­rung „1999 han­del­te es sich bei weni­ger als 3 % der Gesamt­aus­fuh­ren aus der Volks­re­pu­blik Chi­na nach Viet­nam um Feu­er­zeug­tei­le; 2010 war Viet­nam mit 26 % der Aus­fuh­ren das wich­tigs­te Aus­fuhr­ziel für Feu­er­zeug­tei­le” (42. Erwä­gungs­grund, Satz 4) deu­tet eher in die Rich­tung, dass hier nicht dif­fe­ren­ziert wird zwi­schen Aus­fuh­ren von Tei­len für Feu­er­zeu­ge mit Feu­er­stein einer­seits und Aus­fuh­ren von sons­ti­gen Feu­er­zeug­tei­len ande­rer­seits, zumal die­se Anga­ben von der Kom­mis­si­on nicht veri­fi­ziert, son­dern dem Antrag des Uni­ons­her­stel­lers ledig­lich ent­nom­men wur­den (vgl. 42. Erwä­gungs­grund, Satz 3).

Das Finanz­ge­richt hat aus einem wei­te­ren Grun­de Zwei­fel, ob eine Ver­än­de­rung des Han­dels­ge­fü­ges im Sin­ne des Art. 13 Abs. 1 Satz 3 VO Nr. 12252009 gege­ben ist. Der Anti­dum­ping­zoll auf die Ein­fuh­ren nicht nach­füll­ba­rer Taschen­feu­er­zeu­ge mit Feu­er­stein für Gas mit Ursprung in der Volks­re­pu­blik Chi­na wur­de bereits mit der Ver­ord­nung (EWG) Nr. 343391 end­gül­tig ein­ge­führt. Erst 2007 und damit etwa 16 Jah­re nach Ein­füh­rung des ursprüng­li­chen Anti­dum­ping­zolls stie­gen indes die Ein­fuh­ren von ent­spre­chen­den Feu­er­zeu­gen aus Viet­nam dras­tisch an (40. Erwä­gungs­grund). Die­se Ent­wick­lung ist mit Blick dar­auf bemer­kens­wert, dass die Ein­fuh­ren der betrof­fe­nen Ware mit Ursprung in der Volks­re­pu­blik Chi­na bereits seit Ein­füh­rung der Maß­nah­me im Jahr 1991 zurück­ge­gan­gen waren (vgl. 38. Erwä­gungs­grund). Eine Erklä­rung für das zeit­li­che Aus­ein­an­der­fal­len des Rück­gangs der Ein­fuh­ren nicht nach­füll­ba­rer Feu­er­zeu­ge mit Feu­er­stein für Gas aus der Volks­re­pu­blik Chi­na einer­seits und des Anstiegs der Aus­fuh­ren von Feu­er­zeug­tei­len aus der Volks­re­pu­blik Chi­na nach Viet­nam ande­rer­seits fin­det sich in den Erwä­gungs­grün­den jedoch nicht. Es kommt hin­zu, dass seit 1999 und damit 8 Jah­re vor dem Anstieg von Ein­fuh­ren der unter­such­ten Ware aus Viet­nam (vgl. 40. Erwä­gungs­grund) die Aus­fuh­ren von Feu­er­zeug­tei­len aus der Volks­re­pu­blik Chi­na nach Viet­nam erheb­lich zuge­nom­men hat­ten (42. Erwä­gungs­grund). Den Erwä­gungs­grün­den lässt sich indes weder ent­neh­men, wie sich der seit 1999 zu beob­ach­ten­de Anstieg der Ein­fuh­ren der streit­ge­gen­ständ­li­chen Ware aus Viet­nam, der mit kei­nem Anstieg der Aus­fuh­ren von Feu­er­zeug­tei­len aus der Volks­re­pu­blik Chi­na nach Viet­nam ein­her­ging, erklärt, noch geben die Erwä­gungs­grün­de Auf­schluss dar­über, ob der Anstieg der Ein­fuh­ren von Feu­er­zeu­gen aus Viet­nam seit 2007 mit einem Rück­gang der Ein­fuh­ren von Feu­er­zeu­gen aus Chi­na in ver­gleich­ba­rer Grö­ßen­ord­nung kor­re­spon­diert. Im 38. Erwä­gungs­grund heißt es ledig­lich, dass die Ein­fuh­ren der betrof­fe­nen Waren mit Ursprung in der Volks­re­pu­blik Chi­na seit Ein­füh­rung der Maß­nah­me im Jahr 1991 zurück­ge­gan­gen und seit­dem auf einem gerin­gen Niveau geblie­ben sei­en.

Das Finanz­ge­richt Ham­burg ist sich bewusst, dass Art. 13 Abs. 1 VO Nr. 12252009 in Bezug auf die Ver­än­de­rung des Han­dels­ge­fü­ges kei­ne kon­kre­ten Anfor­de­run­gen in zeit­li­cher Hin­sicht nor­miert, viel­mehr genügt für die Aus­wei­tung eines Anti­dum­ping­zolls die objek­ti­ve Fest­stel­lung der Umge­hung der gel­ten­den Maß­nah­me. Auch Art. 13 Abs. 2 lit. a) VO Nr. 12252009 ver­langt nicht, dass die Umge­hung zeit­nah zur Ein­füh­rung des ursprüng­li­chen Anti­dum­ping­zolls statt­ge­fun­den haben muss. Die For­mu­lie­rung, dass „die Mon­ta­ge seit oder kurz vor der Ein­lei­tung der Anti­dum­ping­zoll­un­ter­su­chung begon­nen oder erheb­lich aus­ge­wei­tet wur­de, …” besagt ledig­lich, dass die Umge­hung der Ein­lei­tung der Anti­dum­ping­zoll­un­ter­su­chung zeit­lich nach­fol­gen muss. Aller­dings hält das Finanz­ge­richt Ham­burg dafür, dass es einer beson­de­ren Erklä­rung bedarf, wenn die Ein­füh­rung eines Anti­dum­ping­zolls — wie hier — erst vie­le Jah­re spä­ter zu einer Ver­än­de­rung des Han­dels­ge­fü­ges zwi­schen den Dritt­län­dern und der Uni­on geführt haben soll.

Das Finanz­ge­richt hält es zudem für uni­ons­recht­lich zwei­fel­haft, ob bezo­gen auf die aus Viet­nam ver­sand­ten nicht nach­füll­ba­ren Taschen­feu­er­zeu­ge mit Feu­er­stein für Gas die wei­te­ren in Art. 13 Abs. 2 VO Nr. 12252009 nor­mier­ten Vor­aus­set­zun­gen erfüllt sind.

Nach Art. 13 Abs. 2 lit. a) VO Nr. 12252009 wird ein Mon­ta­ge­vor­gang in einem Dritt­land als Umge­hung der gel­ten­den Maß­nah­men ange­se­hen, wenn die Mon­ta­ge seit oder kurz vor der Ein­lei­tung der Anti­dum­ping­un­ter­su­chung begon­nen oder erheb­lich aus­ge­wei­tet wur­de und die ver­wen­de­ten Tei­le ihren Ursprung in dem Land haben, für das Maß­nah­men gel­ten. Das Finanz­ge­richt hat bereits auf­ge­zeigt, dass aus­weis­lich der Erwä­gungs­grün­de der Ver­ord­nung Nr. 2602013 die Ein­füh­rung der ursprüng­li­chen Anti­dum­ping­maß­nah­me im Jah­re 1991 zu kei­ner Ver­än­de­rung des Han­dels­ge­fü­ges zwi­schen den in Rede ste­hen­den Dritt­län­dern und der Uni­on geführt hat­te. Ent­spre­chend ver­hielt es sich in den Jah­ren 1995, 1999 und 2001, als die Maß­nah­me ver­schie­dent­lich ver­än­dert und aus­ge­wei­tet wur­de (vgl. 38. Erwä­gungs­grund). Vor die­sem beson­de­ren Hin­ter­grund ver­mag das Finanz­ge­richt nicht ohne wei­te­res nach­zu­voll­zie­hen, dass die in Viet­nam unstrei­tig statt­fin­den­den Mon­ta­ge­vor­gän­ge — so wie es Art. 13 Abs. 2 lit. a) VO Nr. 12252009 ver­langt — „seit oder kurz vor der Ein­lei­tung der Anti­dum­ping­un­ter­su­chung begon­nen oder erheb­lich aus­ge­wei­tet” wur­den.

Das Finanz­ge­richt Ham­burg hat über­dies Zwei­fel, ob die in Viet­nam erfol­gen­den Mon­ta­ge­vor­gän­ge kei­ne ande­re hin­rei­chen­de Begrün­dung oder wirt­schaft­li­che Recht­fer­ti­gung als die Ver­mei­dung der ursprüng­li­chen Maß­nah­men gegen­über der betrof­fe­nen Ware haben. Den Erwä­gungs­grün­den der Ver­ord­nung 2602013 ist zu ent­neh­men, dass die viet­na­me­si­schen Her­stel­ler gel­tend gemacht haben, dass die nied­ri­gen Lohn­kos­ten in Viet­nam der Grund für die Ver­la­ge­rung der Pro­duk­ti­on nach Viet­nam gewe­sen sei­en (vgl. 51. Erwä­gungs­grund). Die­ser Ein­las­sung ist zwar ent­ge­gen zu hal­ten, dass ein all­ge­mei­nes Lohn­ge­fäl­le nicht erklä­ren kann, war­um die Pro­duk­ti­on in einer bestimm­ten Bran­che (Feu­er­zeu­ge) nach Viet­nam ver­la­gert wird, wäh­rend ande­re Pro­duk­te, z. B. Feu­er­zeug­tei­le, wei­ter­hin in der Volks­re­pu­blik Chi­na her­ge­stellt wer­den (in die­sem Sin­ne aus­drück­lich der 51. Erwä­gungs­grund, Satz 4). Nicht erklär­lich bleibt indes, war­um eine Ver­la­ge­rung der Pro­duk­ti­on nach Viet­nam nicht bereits zu einem frü­he­ren Zeit­punkt erfolg­te und war­um die Ein­fuh­ren aus Viet­nam erst 2007 dras­tisch anstie­gen.

Wegen der vor­ste­hend erläu­ter­ten Zwei­fel hat das Finanz­ge­richt Ham­burg beschlos­sen, dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on gemäß Art. 267 AEUV die oben beschrie­be­nen Fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­zu­le­gen.

Finanz­ge­richt Ham­burg, Beschluss vom 17. Juni 2014 — 4 K 8813

  1. ABl. L 82 vom 22.03.2013, S. 10 – 17, im Fol­gen­den: VO Nr. 2602013
  2. ABl. Nr. L 326 vom 12.12.2007, S. 1
  3. Bekannt­ma­chung der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on, ABl. C 127 vom 01.05.2012, Sei­te 3
  4. EuG, Urteil vom 04.03.2010, T‑401/​06
  5. vgl. EuGH, Urteil vom 06.06.2013, — C‑667/​11, Rz. 28