Drosselspule oder Transformator?

Der Bun­des­fi­nanz­hof hat­te aktu­ell im Rah­men eines Rechts­streits über die zoll­ta­rif­li­che Abgren­zung strom­kom­pen­sier­ter Dros­sel­spu­len von Trans­for­ma­to­ren zur Indi­zwir­kung und zum zeit­li­chen Anwen­dungs­be­reich klar­stel­len­der Ein­rei­hungs­ver­ord­nun­gen der EU-Kom­mis­si­on Stel­lung genom­men:

Drosselspule oder Transformator?

Ein­rei­hungs­ver­ord­nun­gen der Kom­mis­si­on, die nicht zur Ände­rung des Tarif­rechts, son­dern zur Klar­stel­lung der Rechts­la­ge und zur ein­heit­li­chen Anwen­dung der KN erge­hen, kön­nen als Indiz für die zutref­fen­de tarif­li­che Ein­rei­hung auch sol­cher gleich­ar­ti­ger Waren her­an­ge­zo­gen wer­den, die vor dem Inkraft­tre­ten die­ser Ver­ord­nung ein­ge­führt wur­den.

Trans­for­ma­to­ren sind Gerä­te, die mit Hil­fe ver­schie­den­ar­ti­ger Wick­lun­gen um einen Eisen­kern Wech­sel­strom durch Induk­ti­on in einem fest­ge­leg­ten oder regel­ba­ren Ver­hält­nis in Wech­sel­strom ande­rer Stär­ke und Span­nung umwan­deln.

Der Bun­des­fi­nanz­hof folgt damit nicht der Ansicht, dass eine Ware der vor­lie­gen­den Art als Trans­for­ma­tor ent­we­der in die Unter­pos. 8504 31 90 KN oder die Unter­pos. 8504 32 90 KN ein­zu­rei­hen sei, son­dern schließt sich der mit der VO Nr. 10762010 ver­tre­te­nen Tarif­auf­fas­sung der Kom­mis­si­on an, wonach eine Ware der im Anhang der VO Nr. 10762010 beschrie­be­nen Art, wel­che –was zwi­schen den Betei­lig­ten nicht im Streit ist– der Ein­fuhr­wa­re des Streit­falls ent­spricht, als ande­re Dros­sel- bzw. Selbst­in­duk­ti­ons­spu­le in die Pos. 8504 50 80 KN1 ein­zu­rei­hen ist.

<h3>Einreihungsverordnung und frü­her ein­ge­führ­te Waren</h3>
Ein­rei­hungs­ver­ord­nun­gen der Kom­mis­si­on dür­fen zwar grund­sätz­lich nicht ana­log bei der Ein­rei­hung von Waren ange­wen­det wer­den, die vor ihrem Inkraft­tre­ten ein­ge­führt wor­den sind. Sofern sie jedoch wie im Regel­fall ledig­lich zur Klar­stel­lung der Rechts­la­ge zum Zweck der ein­heit­li­chen Anwen­dung der KN und nicht zur Ände­rung des bestehen­den Rechts erge­hen, bestehen kei­ne Beden­ken, sol­che Ver­ord­nun­gen als Indiz zur Bestä­ti­gung tarif­li­cher Ein­rei­hun­gen her­an­zu­zie­hen, sofern die Waren­be­schrei­bung –wie im hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Streit­fall– in ihren wesent­li­chen Punk­ten mit der­je­ni­gen der ein­zu­rei­hen­den Ware über­ein­stimmt2. Die Ein­rei­hungs-VO Nr. 10762010 steht im Ein­klang mit dem Wort­laut der Posi­tio­nen und Unter­po­si­tio­nen des Gemein­sa­men Zoll­ta­rifs und ver­än­dert die­sen nicht.

<h3>Abgrenzung von Dros­sel­spu­len und Transformatoren</h3>
Dem Wort­laut der Pos. 8504 KN und ihrer Unter­po­si­tio­nen sowie den Anmer­kun­gen zum Abschnitt XVI oder zu Kap. 85 KN las­sen sich kei­ne Anhalts­punk­te für die Abgren­zung elek­tri­scher Trans­for­ma­to­ren von Dros­sel- und ande­ren Selbst­in­duk­ti­ons­spu­len ent­neh­men. Die vom FG als wei­te­res Erkennt­nis­mit­tel her­an­ge­zo­ge­nen ErlHS sind zwar kei­ne ver­bind­li­chen Rechts­nor­men, tra­gen aber erheb­lich zur Aus­le­gung der ein­zel­nen Tarif­po­si­tio­nen bei,3.

Nach den ErlHS zur Pos. 8504 Rz 02.0, auf die auch die Kom­mis­si­on ihre Ein­rei­hungs­ver­ord­nung Nr. 10762010 gestützt hat, sind Trans­for­ma­to­ren Gerä­te, die mit Hil­fe ver­schie­den­ar­ti­ger Wick­lun­gen um einen Eisen­kern Wech­sel­strom durch Induk­ti­on in einem fest­ge­leg­ten oder regel­ba­ren Ver­hält­nis in Wech­sel­strom ande­rer Stär­ke oder Span­nung umwan­deln. Die­se Vor­aus­set­zun­gen, die sich zum Teil bereits aus der Über­set­zung des Wor­tes „trans­for­mie­ren” erge­ben, erfüllt die im Streit­fall zu tari­fie­ren­de Ware nicht. Ihre bei­den auf dem Spu­len­kern vor­han­de­nen Wick­lun­gen sind nicht ver­schie­den­ar­tig, son­dern von glei­cher Anzahl. Selbst wenn man also eine sol­che Spu­le der­art in einen Strom­kreis­lauf ein­schal­te­te, dass zwei von­ein­an­der getrenn­te Strom­krei­se ent­ste­hen und der Strom durch Induk­ti­on vom Pri­mär­strom­kreis der einen Wick­lung auf den Sekun­där­strom­kreis der ande­ren Wick­lung über­tra­gen wird, ent­stün­de eine 1:1‑Übertragung und kei­ne Umwand­lung in einen Strom ande­rer Stär­ke oder Span­nung. Nach den ErlHS zur Pos. 8504 in Rz 4.04 gehö­ren zur Pos. 8504 zwar Trans­for­ma­to­ren aller Art ohne Rück­sicht auf ihre Bau­art und ihren Ver­wen­dungs­zweck; jedoch fußt die­se ErlHS auf der vor­ge­nann­ten Defi­ni­ti­on des Trans­for­ma­tors in der ErlHS zur Pos. 8504 Rz 02.0. Es mag zwar für bestimm­te Anwen­dun­gen als „1:1‑Transformatoren” bezeich­ne­te Spu­len mit zwei gleich­ar­ti­gen Wick­lun­gen geben, jedoch han­delt es sich hier­bei nicht um Trans­for­ma­to­ren im zoll­ta­rif­li­chen Sinn.

Da sich den Vor­schrif­ten des Zoll­ta­rifs –wie aus­ge­führt– kei­ne Anhalts­punk­te ent­neh­men las­sen, durch wel­che Beschaf­fen­heits­merk­ma­le sich Trans­for­ma­to­ren von strom­kom­pen­sier­ten Dros­sel­spu­len unter­schei­den las­sen, bestehen kei­ne Beden­ken, die ErlHS zu die­sem Zweck her­an­zu­zie­hen. Die auf die genann­ten ErlHS gestütz­te Aus­le­gung der Tarif­po­si­tio­nen ist tarif­recht­lich zuläs­sig, weil der Inhalt der ErlHS mit den Bestim­mun­gen der KN in Ein­klang steht und deren Bedeu­tung nicht ver­än­dert5.

Eine Ein­rei­hung in die Unter­pos. 8504 31 KN oder die Unter­pos. 8504 32 KN lie­ße sich im Streit­fall auch dann nicht recht­fer­ti­gen, wenn man die erwähn­ten „1:1‑Transformatoren” mit zwei gleich­ar­ti­gen Wick­lun­gen als Trans­for­ma­to­ren im zoll­ta­rif­li­chen Sinn ansä­he und davon aus­gin­ge, dass das für einen Trans­for­ma­tor cha­rak­te­ris­ti­sche Merk­mal allein das Vor­han­den­sein zwei oder mehr gal­va­nisch getrenn­ter, d.h. nicht durch eine elek­trisch leit­fä­hi­ge Ver­bin­dung, son­dern allein induk­tiv mit­ein­an­der ver­bun­de­ner, auf magne­tisch leit­fä­hi­gem Mate­ri­al ange­brach­ter Spu­len ist, so dass bei Ein­schal­tung in einen Strom­kreis eine der Spu­len den sog. Pri­mär­strom­kreis bil­det, der im Wege der Induk­ti­on elek­tri­sche Ener­gie auf den sog. Sekun­där­strom­kreis bzw. die Sekun­där­strom­krei­se über­trägt.

Dros­sel­spu­len oder Selbst­in­duk­ti­ons­spu­len haben dem­ge­gen­über –wie sich aus der ErlHS zur Pos. 8504 Rz 37.0 ergibt– nur eine strom­lei­ten­de Wick­lung, was –wor­über zwi­schen den Betei­lig­ten Einig­keit besteht– im Sin­ne von „nur einen Strom­kreis bil­dend” zu ver­ste­hen ist, weil Dros­sel­spu­len oder Selbst­in­duk­ti­ons­spu­len zwar durch­aus meh­re­re (Teil-) Wick­lun­gen auf­wei­sen kön­nen, die aber –wie sich aus dem auf das vor­ge­leg­te Kurz­gut­ach­ten gestütz­ten Vor­brin­gen der Revi­si­on sowie dem Vor­trag des HZA ergibt– aus­nahms­los in Rei­he geschal­tet sind, so dass durch die­se Wick­lun­gen nur ein Strom fließt und sie des­halb auch nur wie eine Wick­lung wir­ken.

Dass die strei­ti­ge Ware ledig­lich eines die­ser vor­ge­nann­ten Merk­ma­le auf­weist –ent­we­der das­je­ni­ge eines „1:1‑Transformators” oder das­je­ni­ge einer Dros­sel- oder Selbst­in­duk­ti­ons­spu­le – , lässt sich aller­dings nicht fest­stel­len, weil in dem Zustand, in dem die Ware ein­ge­führt wur­de, die ins­ge­samt vier Anschlüs­se der bei­den Wick­lun­gen auf dem Spu­len­kern nicht beschal­tet waren. Wel­che Funk­ti­on eine Ware der vor­lie­gen­den Art aus­führt, ergibt sich daher erst aus der Art und Wei­se ihrer elek­tri­schen Beschal­tung und Ver­wen­dung in einem bestimm­ten Gerät. Wer­den die Anschlüs­se so beschal­tet, dass die bei­den Wick­lun­gen zu von­ein­an­der getrenn­ten Strom­krei­sen gehö­ren, der Strom von der einen auf die ande­re Wick­lung somit durch Induk­ti­on über­tra­gen wird, han­delt es sich um einen „1:1‑Transformator”. Liegt dage­gen eine Beschal­tung vor, die dazu führt, dass sich bei­de Wick­lun­gen in einem Strom­kreis befin­den und durch sie nur ein Strom fließt, han­delt es sich um eine Dros­sel­spu­le.

Bei die­ser Betrach­tungs­wei­se hät­te die strei­ti­ge Ware sowohl die objek­ti­ven Beschaf­fen­heits­merk­ma­le eines Trans­for­ma­tors als auch einer Dros­sel­spu­le und lie­ße sich daher glei­cher­ma­ßen in die Unter­pos. 8504 31 KN (bzw. bei grö­ße­rer Leis­tung die Unter­pos. 8504 32 KN) als auch in die Unter­pos. 8504 50 KN ein­rei­hen. In einem sol­chen Fall ist eine Ware gemäß der All­ge­mei­nen Vor­schrift für die Aus­le­gung der Kom­bi­nier­ten Nomen­kla­tur (AV) 6 Satz 1 i.V.m. AV 3 Buchst. c (die AV 3 Buchst. a und b schei­den aus) der in der KN zuletzt genann­ten Unter­po­si­ti­on zuzu­wei­sen.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 12. April 2011 — VII R 2007

  1. in der dama­li­gen Fas­sung, jetzt Pos. 8504 50 95 KN
  2. vgl. BFH, Urteil vom 11.03.2004 — VII R 2001, BFH/​NV 2004, 1305, m.w.N.
  3. vgl. EuGH, Urtei­le vom 12.01.2006 — C‑311/​04, Alge­me­ne Scheeps Agen­tuur Dor­drecht, Slg. 2006, I‑609, ZfZ 2006, 89; vom 05.06.2008 — C‑312/​07 JVC Fran­ce, Slg. 2008, I‑4165
  4. jetzt: Rz 4.1
  5. vgl. EuGH-Urteil vom 18.07.2007 — C‑142/​06, Oli­com, Slg. 2007, I‑6675, ZfZ 2007, 268, Rz 31