Tari­fie­rung von Bild­schir­men – und die Zoll­aus­set­zung

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on, der auch der Bun­des­fi­nanz­hof folgt, ist das ent­schei­den­de Kri­te­ri­um für die zoll­recht­li­che Tari­fie­rung von Waren all­ge­mein in deren objek­ti­ven Merk­ma­len und Eigen­schaf­ten zu suchen, wie sie im Wort­laut der Posi­tio­nen der Kom­bi­nier­ten Nomen­kla­tur (KN) und den Anmer­kun­gen zu den Abschnit­ten oder Kapi­teln fest­ge­legt sind [1].

Tari­fie­rung von Bild­schir­men – und die Zoll­aus­set­zung

Fer­ner kann der Ver­wen­dungs­zweck der Ware ein objek­ti­ves Tari­fie­rungs­kri­te­ri­um sein, sofern er der Ware inne­wohnt, was sich anhand der objek­ti­ven Merk­ma­le und Eigen­schaf­ten der Ware beur­tei­len lässt [2].

Die­se Grund­sät­ze gel­ten auch für die Ein­rei­hung einer Ware in einen TARIC-Code, mit dem eine Zoll­aus­set­zung ein­her­geht. Zudem ist die Fra­ge, inwie­weit eine Ware mit den in einer Zoll­aus­set­zungs­vor­schrift beschrie­be­nen Beschaf­fen­heits­merk­ma­len über­ein­stim­men muss, um in den Genuss der Zoll­aus­set­zung zu kom­men, nach der all­ge­mei­nen Sys­te­ma­tik und dem Zweck der Aus­set­zungs­vor­schrift zu beant­wor­ten. Des­halb ist zu prü­fen, ob eine fest­ge­stell­te Abwei­chung Ein­fluss auf die Funk­ti­on der Ware hat, die Gegen­stand einer beson­de­ren Ver­güns­ti­gung im Hin­blick auf die Gemein­schafts­pro­duk­ti­on sein soll [3].

Die hier zu beur­tei­len­den Waren sind als „Tei­le, erkenn­bar aus­schließ­lich oder haupt­säch­lich für Gerä­te der Posi­tio­nen 8525 bis 8528 bestimmt“ in die Pos. 8529 KN ein­zu­rei­hen.

Der Begriff „Teil“ setzt vor­aus, dass es ein Gan­zes gibt, für des­sen Funk­ti­on die­ses Teil unab­ding­bar ist. Um eine Ware als Teil qua­li­fi­zie­ren zu kön­nen, ist es nicht aus­rei­chend nach­zu­wei­sen, dass die Maschi­ne ohne die­se Ware nicht ihrer Bestim­mung gemäß ver­wen­det wer­den kann. Es kommt viel­mehr dar­auf an, dass das mecha­ni­sche oder elek­tri­sche Funk­tio­nie­ren der frag­li­chen Maschi­ne von die­ser Ware abhängt [4]. Die streit­ge­gen­ständ­li­chen Waren sind Kom­po­nen­ten für LCD-Moni­to­re, die gemäß Anm. 2 Buchst. b zu Abschn. XVI als Tei­le anzu­se­hen sind, die erkenn­bar aus­schließ­lich oder haupt­säch­lich für Gerä­te der Pos. 8525 bis 8528 KN bestimmt sind, hier für einen Moni­tor der Pos. 8528 KN. Die LCD-Dis­play-Panele sind für die Funk­ti­on des Moni­tors unab­ding­bar, weil die­ser in sei­ner tech­ni­schen Gesamt­heit auf das Vor­han­den­sein eines sol­chen LCD-Dis­play-Panels ange­wie­sen ist. Ohne eine Anzei­ge­ein­heit („Dis­play-Panel“) liegt bereits begriff­lich kein Moni­tor vor. Inner­halb der Pos. 8529 KN sind die Waren in die Unter­pos. 8529 90 92 KN ein­zu­rei­hen.

Die LCD-Dis­play-Panele waren bis zum 31.12 2015 vom TARIC-Code 8529 90 92 99 „ande­re“ erfasst. Dage­gen kam eine Ein­rei­hung in den TARIC-Code 9529 90 92 50 nicht in Betracht, weil die Waren über wei­te­re, nicht in die­sem TARIC-Code genann­te Merk­ma­le ver­fü­gen, ins­be­son­de­re über einen Touch­screen und ver­schie­de­ne Bedien­knöp­fe ein­schließ­lich eines Infra­rot­schal­ters sowie einen LVDS-Recei­ver.

Nach der Recht­spre­chung des EuGH im Urteil Ethi­con vom 18.03.1986 – C-58/​85 [5] und im Urteil Ola­sa­gas­ti u.a. [6] sind Zoll­aus­set­zungs­nor­men ent­spre­chend ihrem Wort­laut eng aus­zu­le­gen, so dass sie nicht über ihren Wort­laut hin­aus auf Erzeug­nis­se ange­wandt wer­den kön­nen, die in ihnen nicht genannt sind.

Dar­über hin­aus spricht für eine enge Aus­le­gung, dass die Ware, für die die Zoll­aus­set­zung gemäß Unter­pos. 8529 90 92 50 KN gel­ten soll, sehr detail­liert beschrie­ben ist. Dies deu­tet dar­auf hin, dass der Uni­ons­ge­setz­ge­ber nur die­se bestimm­te Ware begüns­ti­gen woll­te. Eine Erwei­ter­bar­keit der Zoll­aus­set­zung auf Waren, die über wesent­li­che ande­re Merk­ma­le ver­fü­gen, stell­te dar­über hin­aus den sehr genau­en Wort­laut in Fra­ge.

Das­sel­be Ergeb­nis folgt auch aus dem Antrag auf Zoll­aus­set­zung und dem zugrun­de lie­gen­den Refe­renz­pro­dukt, das eben­falls kei­nen Touch­screen oder ande­re Bedien­mög­lich­kei­ten auf­wies. Gera­de der Zweck der Aus­set­zungs­vor­schrift spricht daher für eine Beschrän­kung der Zoll­aus­set­zung auf die von ihrem Wort­laut erfass­ten Waren, zumal wei­te­re Bedien­ele­men­te wie der Touch­screen und die Dreh- und Drück­stel­ler die Bedien­funk­tio­nen der Ware erheb­lich erwei­tern [7].

Nach der Bun­des­fi­nanz­hofs­recht­spre­chung im Urteil vom 30.11.1999 – VII R 44/​98 [8] die­nen Zoll­aus­set­zun­gen nach ihrem Sinn und Zweck im Wesent­li­chen der Deckung des in der Gemein­schaft nicht abdeck­ba­ren Bedarfs an Gütern ohne Zoll­be­las­tung. Der Gel­tungs­be­reich der betref­fen­den Befrei­ung soll sich strikt auf die­je­ni­gen Erzeug­nis­se beschrän­ken, für die der Bedarf der ver­ar­bei­ten­den Indus­trien der Gemein­schaft kon­kret zuta­ge getre­ten ist; und vom Rat tat­säch­lich fest­ge­stellt wer­den konn­te.

Der Antrag auf Zoll­aus­set­zung vom 15.09.2010 betraf die Aus­wahl („ex“) bestimm­ter Infor­ma­ti­ons-Dis­play-Panele für einen LCD-Moni­tor der Pos. 8528 KN von der in Kraft­fahr­zeu­gen ver­wen­de­ten Art. Der Antrag wur­de damit begrün­det, die LCD-Dis­plays sei­en aus­schließ­lich in Asi­en erhält­lich, und in Euro­pa exis­tie­re kei­ne Glas­fa­brik zur Her­stel­lung der Dis­plays. Dem Antrag ent­spre­chend hat der Euro­päi­sche Ver­ord­nungs­ge­ber die Zoll­aus­set­zung für Farb-L- C‑Dis­play-Panele mit dem TARIC-Code 8529 90 92 50 geschaf­fen und wort­gleich in der VO Nr.2015/2449 bei­be­hal­ten. Nach der Ziel­set­zung der Zoll­aus­set­zung soll­te ein Touch­screen als wesent­li­che tech­ni­sche Neue­rung hier­von nicht erfasst wer­den, obwohl in ande­ren TARIC-Codes zeit­gleich die Touch­screen-Funk­ti­on genannt wur­de [9]. Es lie­fe dem eng umgrenz­ten Zweck der Zoll­aus­set­zung zuwi­der, wenn auch Waren in den TARIC-Code 8529 90 92 50 ein­ge­reiht wür­den, die zusätz­lich zu denen im Code genann­ten posi­ti­ven und nega­ti­ven Merk­ma­len wei­te­re Funk­tio­nen auf­wie­sen.

Auch aus dem Erlass der seit 1.01.2016 anwend­ba­ren VO Nr.2015/2449 lässt sich schlie­ßen, dass der TARIC-Code 8529 90 92 50 abschlie­ßend war und kei­ne wei­te­ren Zusät­ze zuließ. Der euro­päi­sche Gesetz­ge­ber hat die Zoll­aus­set­zungs­tat­be­stän­de neu gefasst. Dabei wur­de aller­dings der TARIC-Code 8529 90 92 50 bei­be­hal­ten und zusätz­lich noch der neue TARIC-Code 8529 90 92 36 geschaf­fen, der sich im Wesent­li­chen durch die Auf­nah­me der Tat­be­stands­merk­ma­le „mit oder ohne Touch­screen“ sowie „mit LVDS-Recei­ver“ vom TARIC-Code 8529 90 92 50 unter­schei­det. Wenn der TARIC-Code 8529 90 92 50 offen zu ver­ste­hen gewe­sen wäre in dem Sin­ne, dass eine Ein­rei­hung in die­sen Code auch beim Vor­lie­gen wei­te­rer Funk­tio­nen und Merk­ma­le mög­lich gewe­sen wäre, wäre der neue TARIC-Code 8529 90 92 36 über­flüs­sig gewe­sen.

Der Bun­des­fi­nanz­hof hält die Aus­le­gung der im Streit­fall maß­geb­li­chen Vor­schrif­ten des Uni­ons­rechts für nicht zwei­fel­haft und sieht daher kei­ne Ver­pflich­tung, die Sache dem EuGH zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­zu­le­gen [10].

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 31. Mai 2016 – VII R 47/​14

  1. EuGH, Urtei­le Kip Euro­pe vom 11.12 2008 – C‑362/​07 und – C‑363/​07, EU:C:2008:710, ZfZ 2009, 46 und 139; Roeckl Sport­hand­schu­he vom 29.04.2010 – C‑123/​09, EU:C:2010:237, ZfZ 2010, 190[]
  2. EuGH, Urtei­le Sys­mex Euro­pe vom 17.07.2014 – C‑480/​13, EU:C:2014:2097; Vario Tek vom 05.03.2015 – C‑178/​14, EU:C:2015:152[]
  3. BFH, Urteil vom 02.11.2010 – VII R 7/​10, BFH/​NV 2011, 464, ZfZ 2011, 80; EuGH, Urteil Ana­log Devices vom 01.06.1995 – C‑467/​93, EU:C:1995:161, ZfZ 1995, 245[]
  4. EuGH, Urtei­le Rohm Semi­con­duc­tor vom 20.11.2014 – C‑666/​13, EU:C:2014:2388; Data I/​O vom 15.05.2014 – C‑297/​13, EU:C:2014:331, ZfZ 2014, 194[]
  5. EuGH, EU:C:1986:128, Rz 13[]
  6. EuGH, EU:C:1996:489, Rz 20[]
  7. vgl. dazu BFH, Urteil in BFH/​NV 2011, 464, ZfZ 2011, 80[]
  8. BFH/​NV 2000, 616, ZfZ 2000, 157[]
  9. z.B. TARIC-Code 8528 59 70 20[]
  10. vgl. EuGH, Urteil CILFIT vom 06.10.1982 Rs. 283/​81, EU:C:1982:335[]