Zollschuld für verspätet abgerechnete Waren des aktiven Veredelungsverkehrs

Nach Art. 204 Abs. 1 Buchst. a ZK ent­steht die Zoll­schuld, wenn in ande­ren als den in Art. 203 ZK genann­ten Fäl­len eine der Pflich­ten nicht erfüllt wird, die sich bei einer ein­fuhr­ab­ga­ben­pflich­ti­ge Ware aus (u.a.) der Inan­spruch­nah­me des Zoll­ver­fah­rens, in das sie über­ge­führt wor­den ist, erge­ben, es sei denn, dass sich die­se Ver­feh­lung nach­weis­lich auf die ord­nungs­ge­mä­ße Abwick­lung des betref­fen­den Zoll­ver­fah­rens nicht wirk­lich aus­ge­wirkt hat. Für die Ent­ste­hung der Ein­fuhr­um­satz­steu­er­schuld gilt die­se Vor­schrift sinn­ge­mäß (§ 21 Abs. 2 UStG).

Zollschuld für verspätet abgerechnete Waren des aktiven Veredelungsverkehrs

Zu den aus der Inan­spruch­nah­me des Zoll­ver­fah­rens des akti­ven Ver­ede­lungs­ver­kehrs nach dem Nicht­er­he­bungs­ver­fah­ren fol­gen­den Pflich­ten gehört nach Art. 521 Abs. 1 Satz 1 Anstrich 1 ZKDVO die Vor­la­ge der Abrech­nung des akti­ven Ver­ede­lungs­ver­kehrs spä­tes­tens 30 Tage nach dem Ablauf der Frist für die Been­di­gung des Ver­fah­rens.

Der Ent­ste­hung der Zoll­schuld im Fall einer Ver­let­zung die­ser gemäß Art. 521 Abs. 1 Satz 1 Anstrich 1 ZKDVO bestehen­den Pflicht steht nicht ent­ge­gen, dass die frist­ge­rech­te Vor­la­ge der Abrech­nung bei der Über­wa­chungs­zoll­stel­le eine erst nach Been­di­gung des Zoll­ver­fah­rens zu erfül­len­de Pflicht ist. Wie der EuGH mit Urteil in ZfZ 2012, 322 aus­ge­führt hat, erfasst Art. 204 Abs. 1 ZK alle sich aus dem betref­fen­den Zoll­ver­fah­ren erge­ben­den Pflich­ten und gibt kei­nen Grund zu der Annah­me, dass zwi­schen vor und nach Been­di­gung des betref­fen­den Zoll­ver­fah­rens zu erfül­len­den Pflich­ten oder zwi­schen Haupt- und Neben­pflich­ten zu unter­schei­den ist.

Soweit ver­tre­ten wird, die Abga­ben­er­he­bung für eine in den Wirt­schafts­kreis­lauf der Uni­on nicht ein­ge­gan­ge­ne Ware sei als unver­hält­nis­mä­ßi­ge Sank­ti­on einer Frist­über­schrei­tung anzu­se­hen, ist der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on die­ser Rechts­auf­fas­sung mit sei­nem Urteil (8EuGH, Urteil in ZfZ 2012, 322, Rz 43)) ent­ge­gen­ge­tre­ten (vgl. inso­weit auch: EuGH, Urteil vom 06.09.2012 — C‑28/​11 [Euro­ga­te], ZfZ 2012, 264, Rz 32)).

Eben­so kann nicht mit Erfolg gel­tend gemacht wer­den, das Haupt­zoll­amt hät­te das Quar­tal auch selbst abrech­nen kön­nen. Mit der nach Art. 521 Abs. 3 ZKDVO gege­be­nen Mög­lich­keit der Über­wa­chungs­zoll­stel­le, einen akti­ven Ver­ede­lungs­ver­kehr selbst abzu­rech­nen, ent­fällt die Pflicht des Bewil­li­gungs­in­ha­bers zur Vor­la­ge der Abrech­nung nicht. Auch dem EuGH-Urteil in ZfZ 2012, 322 lässt sich kein Anhalts­punkt für die Annah­me ent­neh­men, im Fall einer gemäß Art. 521 Abs. 3 ZKDVO bestehen­den Mög­lich­keit der Über­wa­chungs­zoll­stel­le zur Selbst­ab­rech­nung sei die Ver­säu­mung der Frist für die Vor­la­ge der Abrech­nung nicht als eine Pflicht­ver­let­zung des Bewil­li­gungs­in­ha­bers anzu­se­hen.

Die Vor­aus­set­zun­gen des letz­ten Halb­sat­zes des Art. 204 Abs. 1 ZK („es sei denn …”) sind im vor­lie­gen­den Fall nach Ansicht des Bun­des­fi­nanz­hofs nicht erfüllt. Es kann nicht davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass sich die Pflicht­ver­let­zung der Klä­ge­rin auf die ord­nungs­ge­mä­ße Abwick­lung des akti­ven Ver­ede­lungs­ver­kehrs nach­weis­lich nicht wirk­lich aus­ge­wirkt hat.

Wel­che Pflicht­ver­let­zun­gen sich i.S. des Art. 204 Abs. 1 ZK auf das in Anspruch genom­me­ne Zoll­ver­fah­ren nicht wirk­lich aus­ge­wirkt haben, wird durch Art. 859 ZKDVO abschlie­ßend gere­gelt1, des­sen ein­zel­ne Bestim­mun­gen sämt­lich unter dem Vor­be­halt ste­hen, dass es sich nicht um den Ver­such han­delt, die Waren der zoll­amt­li­chen Über­wa­chung zu ent­zie­hen, kei­ne gro­be Fahr­läs­sig­keit des Betei­lig­ten vor­liegt und alle not­wen­di­gen Förm­lich­kei­ten erfüllt wer­den, um die Situa­ti­on der Waren zu berei­ni­gen. Nach dem die akti­ve Ver­ede­lung betref­fen­den Art. 859 Nr. 9 ZKDVO in der Fas­sung der (Änderungs-)Verordnung (EG) Nr. 9932001 der Kom­mis­si­on vom 4. Mai 20012 hat sich die Über­schrei­tung der Frist für die Vor­la­ge der Abrech­nung auf die­ses Zoll­ver­fah­ren nicht wirk­lich aus­ge­wirkt, sofern die Frist bei recht­zei­ti­ger Antrag­stel­lung ent­spre­chend ver­län­gert wor­den wäre.

Nach Art. 521 Abs. 1 Satz 2 ZKDVO kön­nen die Zoll­be­hör­den die Frist für die Vor­la­ge der Abrech­nung ver­län­gern, wenn beson­de­re Umstän­de dies recht­fer­ti­gen. Woll­te man die Ansicht ver­tre­ten, eine Frist­ver­län­ge­rung nach die­ser Vor­schrift sei eine Ermes­sens­ent­schei­dung der Zoll­be­hör­de –was zwei­fel­haft ist – , so wäre die­ses Ermes­sen jeden­falls nur im Fall „beson­de­rer Umstän­de” eröff­net. Deren Vor­lie­gen hat das FG jedoch im Streit­fall zu Recht nicht ange­nom­men. Soweit es davon aus­ge­gan­gen ist, „beson­de­re Umstän­de” erfor­der­ten eine im Ver­gleich zu ande­ren Wirt­schafts­teil­neh­mern, die die glei­che Tätig­keit aus­üb­ten, außer­ge­wöhn­li­che Lage, und es eine sol­che im Hin­blick auf eine sei­ner­zeit durch eine Zoll­prü­fung ver­ur­sach­te Arbeits­be­las­tung der Mit­ar­bei­ter der Klä­ge­rin ver­neint hat, weil ande­re Wirt­schafts­teil­neh­mer in glei­cher Wei­se von sol­chen Umstän­den betrof­fen sein könn­ten, ist dies recht­lich nicht zu bean­stan­den.

Eben­so hält es revi­si­ons­recht­li­cher Prü­fung stand, dass das FG die Vor­aus­set­zun­gen des Art. 859 Nr. 9 ZKDVO außer­dem wegen des Vor­lie­gens gro­ber Fahr­läs­sig­keit auf Sei­ten der Klä­ge­rin als nicht erfüllt ange­se­hen hat. An die die­ser Wür­di­gung zugrun­de lie­gen­den tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen des FG, denen zufol­ge es sich bei der Klä­ge­rin um eine im Ein­fuhr­ge­schäft und in der akti­ven Ver­ede­lung erfah­re­ne Wirt­schafts­teil­neh­me­rin han­delt, die zuvor vom HZA mehr­fach auf das Erfor­der­nis frist­ge­rech­ter Vor­la­ge der Abrech­nun­gen sowie ggf. ein­ge­hend zu begrün­den­der Frist­ver­län­ge­rungs­an­trä­ge und auf die ande­ren­falls sich erge­ben­den abga­ben­recht­li­chen Kon­se­quen­zen hin­ge­wie­sen wor­den war, ist der erken­nen­de Senat gebun­den (§ 118 Abs. 2 FGO). Unter sol­chen Umstän­den hat das FG das Vor­lie­gen gro­ber Fahr­läs­sig­keit zu Recht bejaht.

Zuläs­si­ge und begrün­de­te Revi­si­ons­grün­de gegen die­se Fest­stel­lun­gen sind nicht vor­ge­bracht. Es ist weder sei­tens der Revi­si­on vor­ge­tra­gen noch aus dem Sit­zungs­pro­to­koll ersicht­lich, dass die Klä­ge­rin in der münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem FG Beweis­an­trä­ge gestellt oder das Über­ge­hen schrift­sätz­lich gestell­ter Beweis­an­trä­ge gerügt hat. Viel­mehr hat sie rügelos zur Sache ver­han­delt. Auch eine Ver­let­zung der dem FG oblie­gen­den Hin­weis­pflicht (§ 76 Abs. 2 FGO) ist nicht erkenn­bar. Dass alles zur Dar­le­gung der Vor­aus­set­zun­gen des Art. 859 Nr. 9 ZKDVO vor­zu­tra­gen war, muss­te der anwalt­lich ver­tre­te­nen Klä­ge­rin –ins­be­son­de­re in Anbe­tracht des Art. 860 ZKDVO– auch ohne rich­ter­li­chen Hin­weis klar sein.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 11. Dezem­ber 2012 — VII R 1609

  1. vgl. EuGH, Urteil vom 11.11.1999 — C‑48/​98 [Söhl & Söhl­ke], Slg. 1999, I‑7877, ZfZ 2000, 12 []
  2. ABl.EG Nr. L 1411 []