Made in Germany — Herstellung, nicht nur Chargenkontrolle

Bei einer Her­kunfts­an­ga­be „Made in Ger­ma­ny” müs­sen nicht alle Pro­duk­ti­ons­vor­gän­ge in Deutsch­land statt­fin­den. Abzu­stel­len ist bei Indus­trie­pro­duk­ten viel­mehr auf den­je­ni­gen Ort der Her­stel­lung der Ware, an dem das Indus­trie­er­zeug­nis sei­ne für die Ver­kehrs­vor­stel­lung maß­ge­ben­de Qua­li­tät und cha­rak­te­ris­ti­schen Eigen­schaf­ten erhält.

Made in Germany — Herstellung, nicht nur Chargenkontrolle

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall pro­du­zie­ren und ver­trei­ben die Par­tei­en Kon­do­me. Die Beklag­te bezieht aus dem Aus­land ent­spre­chend geform­te Erzeug­nis­se aus Natur­kau­tschu­kla­tex. In ihrem deut­schen Werk wer­den die Pro­duk­te sofern sie als „feuch­te Kon­do­me” ver­trie­ben wer­den sol­len, nach der Befeuch­tung — ein­zeln in Foli­en ein­ge­schweißt, die Foli­en mit den vor­ge­schrie­be­nen Kenn­zeich­nun­gen ver­se­hen und die Sie­gel­pa­ckun­gen zusam­men mit Gebrauchs­an­wei­sun­gen in Falt­schach­teln ver­packt und ver­sie­gelt. Fer­ner erfolgt im deut­schen Prüf­la­bor der Beklag­ten eine char­gen­mä­ßi­ge Qua­li­täts­kon­trol­le der Pro­duk­te nach deut­schen DIN-Vor­schif­ten, bei der stich­pro­ben­ar­tig aus­ge­wähl­te Pro­duk­te unter ande­rem auf ihre Dich­tig­keit und Reiß­fes­tig­keit über­prüft wer­den. Die Beklag­te bewirbt ihre Pro­duk­te im Inter­net mit der sie­gel­ar­tig aus­ge­stal­te­ten Anga­be „KONDOME — Made in Ger­ma­ny”. Die Klä­ge­rin sieht in die­ser Anga­be eine Irre­füh­rung über den Pro­duk­ti­ons­ort der Erzeug­nis­se. Zu Recht, wie letzt­in­stanz­lich jetzt der Bun­des­ge­richts­hof bestä­tig­te:

Für die Beur­tei­lung, wel­cher Aus­sa­ge­ge­halt einer Her­kunfts­an­ga­be wie „Made in Ger­ma­ny” aus Sicht des Ver­kehrs zukommt, hat die Recht­spre­chung Kri­te­ri­en ent­wi­ckelt, die auch im Schrift­tum her­an­ge­zo­gen wer­den und an denen sich das Beru­fungs­ge­richt ori­en­tiert hat.

Da der Ver­kehr das Phä­no­men der inter­na­tio­na­len Arbeits­tei­lung kennt, erwar­tet er im All­ge­mei­nen nicht, dass alle Pro­duk­ti­ons­vor­gän­ge am sel­ben Ort statt­fin­den1. Er weiß aller­dings, dass indus­tri­ell gefer­tig­te Erzeug­nis­se ihre Qua­li­tät und cha­rak­te­ris­ti­schen Eigen­schaf­ten in aller Regel allein oder jeden­falls ganz über­wie­gend der Güte und Art ihrer Ver­ar­bei­tung ver­dan­ken. Bei einem Indus­trie­pro­dukt bezieht der Ver­kehr eine Her­kunfts­an­ga­be des­halb grund­sätz­lich auf den­je­ni­gen Ort der Her­stel­lung der Ware, an dem das Indus­trie­er­zeug­nis sei­ne für die Ver­kehrs­vor­stel­lung maß­ge­ben­de Qua­li­tät und cha­rak­te­ris­ti­schen Eigen­schaf­ten erhält2.

Danach ist es für die Rich­tig­keit der Anga­be „Made in Ger­ma­ny” not­wen­dig, aber auch aus­rei­chend, dass die Leis­tun­gen in Deutsch­land erbracht wor­den sind, durch die das zu pro­du­zie­ren­de Indus­trie­er­zeug­nis sei­ne aus Sicht des Ver­kehrs im Vor­der­grund ste­hen­den qua­li­täts­re­le­van­ten Bestand­tei­le oder

wesent­li­chen pro­dukt­spe­zi­fi­schen Eigen­schaf­ten erhält3.

Die vor­ge­nann­ten Beur­tei­lungs­grund­sät­ze wer­den auch im wett­be­werbs­recht­li­chen Schrift­tum als maß­geb­lich ange­se­hen4.

Aus­ge­hend von die­sen Maß­stä­ben hat­te in der Vor­in­stanz das Ober­lan­des­ge­richt Hamm5 ange­nom­men, die aus Sicht des Ver­brau­chers wesent­li­chen Eigen­schaf­ten der Dich­tig­keit und Reiß­fes­tig­keit eines Kon­doms bil­de­ten sich wäh­rend der Fer­ti­gung des Pro­dukts im Aus­land her­aus. Die Char­gen­prü­fun­gen im deut­schen Werk der Beklag­ten dien­ten nicht der Schaf­fung die­ser Eigen­schaf­ten, son­dern der nach­träg­li­chen Kon­trol­le auf ihr Vor­han­den­sein. Die­se Beur­tei­lung lässt für den Bun­des­ge­richts­hof kei­nen Rechts­feh­ler erken­nen.

Für die Fra­ge, ob ein Pro­dukt die Anga­be „Made in Ger­ma­ny” ver­dient, wird im Schrift­tum aller­dings teil­wei­se abwei­chend die Rege­lung in Art. 24 der Ver­ord­nung (EWG) 291392 zur Fest­le­gung des Zoll­ko­dex der Gemein­schaf­ten zum zoll­recht­li­chen Ursprung einer in meh­re­ren Län­dern her­ge­stell­ten Ware her­an­ge­zo­gen, wonach Ursprungs­land das­je­ni­ge Land ist, in dem die Ware der letz­ten wesent­li­chen und wirt­schaft­lich gerecht­fer­tig­ten Be- oder Ver­ar­bei­tung unter­zo­gen wor­den ist6. Teil­wei­se wird auch der Anteil der im jewei­li­gen Land erfol­gen­den Wert­schöp­fung berück­sich­tigt7. Sol­chen Maß­stä­ben kann jedoch kei­ne ent­schei­den­de Bedeu­tung für den Irre­füh­rungs­cha­rak­ter der Anga­be „Made in Ger­ma­ny” zukom­men, weil dafür auf das Begriffs­ver­ständ­nis der ange­spro­che­nen Ver­kehrs­krei­se abzu­stel­len ist8. Die vor­ge­nann­ten Kri­te­ri­en sind des­halb in der Recht­spre­chung — und mit Recht auch vom Ober­lan­des­ge­richt Hamm9 — nicht als aus­schlag­ge­bend erach­tet wor­den.

Ver­ein­zelt wird die Anga­be „Made in Ger­ma­ny” wegen der damit regel­mä­ßig ver­bun­de­nen Ver­kehrs­er­war­tun­gen an die Qua­li­tät und Zuver­läs­sig­keit des bewor­be­nen Pro­dukts10 als Garan­tie der Ein­hal­tung deut­scher Qua­li­täts­stan­dards, etwa durch die Gewähr­leis­tung von Qua­li­täts­si­che­rungs­me­cha­nis­men oder deut­schen Pro­dukt­si­cher­heits­vor­schrif­ten, ange­se­hen11. Auch die Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de ver­tritt die Ansicht, ange­sichts der für den Ver­brau­cher maß­geb­li­chen Qua­li­täts­aus­sa­ge und Pro­dukt­ver­ant­wor­tung erwar­te er von einem Pro­dukt „Made in Ger­ma­ny”, dass der damit wer­ben­de Unter­neh­mer nach inlän­di­schen Maß­stä­ben die Qua­li­tät siche­re und dafür ein­ste­he.

Eine sol­che Deu­tung ent­fernt sich aller­dings vom Wort­sinn der Wen­dung „Made in …”, die nach der Bewer­tung des Beru­fungs­ge­richts vom Ver­kehr als geläu­fi­ger Angli­zis­mus für „her­ge­stellt in …” ver­stan­den wird und übli­cher­wei­se auf den Fer­ti­gungs­pro­zess in Deutsch­land hin­weist. Die tatrich­ter­li­che Beur­tei­lung der Ver­kehrs­auf­fas­sung ist weder erfah­rungs­wid­rig noch sonst rechts­feh­ler­haft. Sie ent­spricht der ober­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung, die in der Anga­be „Made in Ger­ma­ny” einen Hin­weis auf die mit der Waren­fer­ti­gung zusam­men­hän­gen­den Pro­duk­ti­ons­schrit­te sieht12.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 27. Novem­ber 2014 — I ZR 1614

  1. OLG Stutt­gart, NJWE-Wett­bR 1996, 53, 54; GroßKomm.UWG/Lindacher, 2. Aufl., § 5 Rn. 548; Helm in Gloy/​Loschelder/​Erdmann, Wett­be­werbs­recht, 4. Aufl., § 73 Rn. 35 []
  2. GroßKomm.UWG/Lindacher aaO § 5 Rn. 548; Sos­nitza in Ohly/​Sosnitza, UWG, 6. Aufl., § 5 Rn. 381; Büscher in Büscher/​Dittmer/​Schiwy, Gewerb­li­cher Rechts­schutz Urhe­ber­recht Medi­en­recht, 3. Aufl., § 127 Mar­kenG Rn. 9 f. []
  3. vgl. BGH, Urteil vom 23.03.1973 — I ZR 3372, GRUR 1973, 594, 595 = WRP 1973, 407 — Ski-Sicher­heits­bin­dung; OLG Frank­furt, GRUR 1991, 690 — Wer­bung mit West-Ger­ma­ny; OLG Stutt­gart, NJWE-Wett­bR 1996, 53, 54; OLG Düs­sel­dorf, WRP 2011, 939, 940 — Pro­du­ziert in Deutsch­land; OLG Köln, WRP 2014, 1082 Rn. 15 — Schmie­de­kol­ben „Made in Ger­ma­ny” []
  4. vgl. Born­kamm in Köhler/​Bornkamm, UWG, 32. Aufl., § 5 Rn.04.84; Drey­er in Harte/​Henning, UWG, 3. Aufl., § 5 Abschn. C Rn. 213; Nor­de­mann in Götting/​Nordemann, UWG, 2. Aufl., § 5 Rn.01.65; GroßKomm.UWG/Lindacher aaO § 5 Rn. 548; Sos­nitza in Ohly/​Sosnitza aaO § 5 Rn. 381; MünchKomm-.UWG/Busche, 2. Aufl., § 5 Rn. 683; Helm in Gloy/​Loschelder/​Erdmann aaO § 73 Rn. 35; Aßhoff, GRUR-Prax 2011, 280 []
  5. OLG Hamm, Urtiel vom 28.11.2013 — I4 U 8113 []
  6. vgl. Slo­pek, GRUR-Prax 2011, 291, 292; Dück, GRUR 2013, 576, 581; Zie­gen­aus, GRUR-Prax 2014, 440; Mey/​Eberli, GRUR Int.2014, 321, 332 []
  7. vgl. Günd­ling, GRUR 2007, 921, 924 f. []
  8. vgl. OLG Düs­sel­dorf, WRP 2011, 939, 940 — Pro­du­ziert in Deutsch­land; OLG Köln, WRP 2014, 1082 Rn. 16 — Schmie­de­kol­ben „Made in Ger­ma­ny”; Helm in Gloy/​Loschelder/​Erdmann aaO § 73 Rn. 35; Büscher in Büscher/​Dittmer/​Schiwy aaO § 127 Mar­kenG Rn. 10; Hacker in Ströbele/​Hacker, Mar­kenG, 11. Aufl., § 127 Rn. 7 []
  9. OLG Hamm, a.a.O. []
  10. vgl. BGH, Urteil vom 26.04.1974 — I ZR 1973, GRUR 1974, 665, 666 = WRP 1974, 487 — Ger­ma­ny; OLG Frank­furt, GRUR 1991, 690 — Wer­bung mit West-Ger­ma­ny; Günd­ling, GRUR 2007, 921, 922 []
  11. vgl. Klein/​Sieger, GRUR-Prax 2013, 57, 58 []
  12. vgl. OLG Stutt­gart, NJWE-Wett­bR 1996, 53, 54; OLG Düs­sel­dorf, WRP 2011, 939, 940 — Pro­du­ziert in Deutsch­land; OLG Köln, WRP 2014, 1082, 1084 — Schmie­de­kol­ben „Made in Ger­ma­ny” []