Investitionsschutzabkommen zwischen EU-Mitgliedsstaaten — und die Schiedsvereinbarung

Der Bun­des­ge­richts­hof hat ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen zur Fra­ge der Wirk­sam­keit von Schieds­ver­ein­ba­run­gen in bila­te­ra­len Inves­ti­ti­ons­schutz­ab­kom­men zwi­schen EU-Mit­glied­staa­ten an den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on gerich­tet.

Investitionsschutzabkommen zwischen EU-Mitgliedsstaaten — und die Schiedsvereinbarung

In dem beim Bun­des­ge­richts­hof anhän­gi­gen Fall begehrt die Antrag­stel­le­rin, die Slo­wa­ki­sche Repu­blik, als Rechts­nach­fol­ge­rin der Tsche­cho­slo­wa­kei die Auf­he­bung eines Schieds­spruchs, den die Antrags­geg­ne­rin, eine nie­der­län­di­sche Ver­si­che­rungs­grup­pe, gegen sie erwirkt hat.

Die Tsche­cho­slo­wa­kei und die Nie­der­lan­de schlos­sen mit Wir­kung zum 1.10.1992 ein Abkom­men über die För­de­rung und den gegen­sei­ti­gen Schutz von Inves­ti­tio­nen („Bila­te­ral Invest­ment Trea­ty”, im Fol­gen­den BIT). Dar­in ver­pflich­te­ten sich die Ver­trags­par­tei­en dazu, die Inves­ti­tio­nen von Inves­to­ren der ande­ren Ver­trags­par­tei fair und gerecht zu behan­deln, Betrieb und Nut­zung die­ser Inves­ti­tio­nen nicht durch unbil­li­ge oder dis­kri­mi­nie­ren­de Maß­nah­men zu beein­träch­ti­gen und den frei­en Trans­fer von Zah­lun­gen, die mit einer Inves­ti­ti­on im Zusam­men­hang ste­hen, zu gewähr­leis­ten. Außer­dem stimm­ten die Ver­trags­par­tei­en zu, dass über Strei­tig­kei­ten zwi­schen einer Ver­trags­par­tei und einem Inves­tor der ande­ren Par­tei ein Schieds­ge­richt ent­schei­den soll­te.

Mit Wir­kung zum 1.05.2004 wur­de die Slo­wa­kei Mit­glied der Euro­päi­schen Uni­on. Im sel­ben Jahr öff­ne­te sie den slo­wa­ki­schen Markt für aus­län­di­sche Anbie­ter von pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­run­gen. Die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft wur­de mit einem von ihr gegrün­de­ten Unter­neh­men in der Slo­wa­ki­schen Repu­blik als Kran­ken­ver­si­che­rer tätig. Nach einem Regie­rungs­wech­sel im Jahr 2006 mach­te die Slo­wa­kei die Libe­ra­li­sie­rung des Kran­ken­ver­si­che­rungs­markts teil­wei­se rück­gän­gig. Sie ver­bot den Ein­satz von Ver­si­che­rungs­mak­lern, die Aus­schüt­tung von Gewin­nen aus dem Kran­ken­ver­si­che­rungs­ge­schäft und die Ver­äu­ße­rung von Ver­si­che­rungs­port­fo­li­os. Nach­dem das slo­wa­ki­sche Ver­fas­sungs­ge­richt die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit des gesetz­li­chen Ver­bots von Gewinn­aus­schüt­tun­gen fest­ge­stellt hat­te, ließ die Slo­wa­kei durch ein am 1.08.2011 in Kraft getre­te­nes Gesetz Gewinn­aus­schüt­tun­gen wie­der zu.

Die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft behaup­tet, auf­grund der gesetz­li­chen Regu­lie­rungs­maß­nah­men der Slo­wa­kei sei ihr ein Scha­den in zwei­stel­li­ger Mil­lio­nen­hö­he ent­stan­den. Sie hat in Frank­furt ein Schieds­ver­fah­ren ein­ge­lei­tet, in dem sie die Slo­wa­kei auf Scha­dens­er­satz in Anspruch genom­men hat. Die Slo­wa­kei hat die Unzu­stän­dig­keit des Schieds­ge­richts gerügt. Sie hat gel­tend gemacht, mit ihrem Bei­tritt zur Euro­päi­schen Uni­on sei das im BIT ent­hal­te­ne Ange­bot zum Abschluss einer Schieds­ver­ein­ba­rung unwirk­sam gewor­den, weil es mit dem Uni­ons­recht nicht ver­ein­bar und des­halb unan­wend­bar sei. Das Schieds­ge­richt hat sei­ne Zustän­dig­keit bejaht und die Slo­wa­kei dazu ver­ur­teilt, an die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft 22, 1 Mil­lio­nen € nebst Zin­sen zu zah­len.

Die Slo­wa­kei hat beim Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt am Main erfolg­los die Auf­he­bung des Schieds­spruchs bean­tragt1. Mit der Rechts­be­schwer­de beim Bun­des­ge­richts­hof ver­folgt sie ihren Auf­he­bungs­an­trag wei­ter.

Seit dem Bei­tritt der Slo­wa­kei zur Euro­päi­schen Uni­on ist das BIT ein uni­ons­in­ter­nes Abkom­men zwi­schen Mit­glied­staa­ten. Nach der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on geht das Uni­ons­recht frü­her ver­ein­bar­ten Rege­lun­gen in ande­ren Abkom­men zwi­schen Mit­glied­staa­ten im Kol­li­si­ons­fall vor. Die Fra­ge, ob eine Schieds­klau­sel in einem uni­ons­in­ter­nen BIT mit dem Uni­ons­recht und ins­be­son­de­re mit Art. 344, 267 und 18 AEUV ver­ein­bar ist, hat der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on bis­lang nicht beant­wor­tet.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat das Ver­fah­ren des­halb aus­ge­setzt und dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on die Fra­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt, ob Art. 344, Art. 267 oder Art. 18 Abs. 1 AEUV in der vor­lie­gen­den Fall­kon­stel­la­ti­on einer Rege­lung in einem uni­ons­in­ter­nen BIT ent­ge­gen­steht, nach der ein Inves­tor eines Ver­trags­staats bei einer Strei­tig­keit über Inves­ti­tio­nen in dem ande­ren Ver­trags­staat gegen die­sen ein Schieds­ver­fah­ren ein­lei­ten darf. Nach Ansicht der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on dür­fen Schieds­ge­rich­te auf­grund sol­cher Schieds­klau­seln nicht über Strei­tig­kei­ten zwi­schen Pri­va­ten und einem Mit­glied­staat ent­schei­den.

Das an die Mit­glied­staa­ten gerich­te­te Gebot des Art. 344 AEUV, Strei­tig­kei­ten über die Aus­le­gung und Anwen­dung der Uni­ons­ver­trä­ge allein durch die dort vor­ge­se­he­nen Ver­fah­ren zu regeln, schließt nach Auf­fas­sung des Bun­des­ge­richts­hofs nicht aus, eine Strei­tig­keit zwi­schen einem Unter­neh­men und einem Mit­glied­staat vor einem Schieds­ge­richt aus­zu­tra­gen. Ins­be­son­de­re sehen die Uni­ons­ver­trä­ge kein gericht­li­ches Ver­fah­ren vor, in dem ein Inves­tor Scha­dens­er­satz­an­sprü­che gel­tend machen kann, die ihm aus einem uni­ons­in­ter­nen BIT gegen einen Mit­glied­staat erwach­sen.

Der Bun­des­ge­richts­hof möch­te eine Unver­ein­bar­keit der Schieds­klau­sel mit Art. 267 AEUV eben­falls ver­nei­nen. Die ein­heit­li­che Aus­le­gung des Uni­ons­rechts, die Art. 267 AEUV gewähr­leis­ten soll, kann im Schieds­ver­fah­ren dadurch sicher­ge­stellt wer­den, dass vor einer Voll­stre­ckung das staat­li­che Gericht die Ver­ein­bar­keit des Schieds­spruchs mit dem Uni­ons­recht über­prüft und bei Zwei­feln über die Aus­le­gung einer uni­ons­recht­li­chen Vor­schrift die Sache dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on vor­legt. Die­se Prü­fungs­be­fug­nis besteht zwar nur bei grund­le­gen­den Bestim­mun­gen des Uni­ons­rechts, die für die Erfül­lung der Auf­ga­ben der Uni­on und ins­be­son­de­re für das Funk­tio­nie­ren des Bin­nen­markts uner­läss­lich sind, und des­halb zur öffent­li­chen Ord­nung (ord­re public) zäh­len. Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on hat dies jedoch bei Schieds­sprü­chen in Strei­tig­kei­ten zwi­schen Pri­va­ten als zuläs­sig ange­se­hen, weil die Erfor­der­nis­se der Effi­zi­enz des Schieds­ver­fah­rens es recht­fer­tig­ten, Schieds­sprü­che nur in beschränk­tem Umfang auf die Ver­ein­bar­keit mit Uni­ons­recht zu über­prü­fen und die Auf­he­bung eines Schieds­spruchs oder die Ver­sa­gung sei­ner Aner­ken­nung nur in außer­ge­wöhn­li­chen Fäl­len vor­zu­se­hen. Der Bun­des­ge­richts­hof möch­te bei Schieds­ver­fah­ren zwi­schen einem pri­va­ten Unter­neh­men und einem Mit­glied­staat kei­ne ande­ren Maß­stä­be anwen­den.

Aller­dings könn­te die Schieds­klau­sel des BIT gegen­über Inves­to­ren ande­rer Mit­glied­staa­ten, die kein Schieds­ge­richt anru­fen kön­nen, eine Dis­kri­mi­nie­rung im Sin­ne von Art. 18 Abs. 1 AEUV dar­stel­len. Das hät­te aber nicht zwangs­läu­fig zur Fol­ge, dass sich die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft nicht auf die Schieds­klau­sel beru­fen könn­te. Nach der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on wird eine Drit­te dis­kri­mi­nie­ren­de Vor­teils­ge­wäh­rung regel­mä­ßig dadurch besei­tigt, dass die benach­tei­lig­ten Per­so­nen Anspruch auf die glei­che Behand­lung wie die begüns­tig­ten Per­so­nen haben. Die­sen Drit­ten müss­te also gege­be­nen­falls bei Strei­tig­kei­ten mit der Slo­wa­kei in glei­cher Wei­se Zugang zu einem Schieds­ge­richt gewährt wer­den.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 3. März 2016 — I ZB 215

  1. OLG Frankfurt/​Main, Beschluss vom 18.12.2014 — 26 Sch 313 []